Traditionsunternehmen in der Krise

Varta kündigt Neuaufstellung an, um Insolvenz abzuwenden – erneuter Stellenabbau?

  • schließen

Batteriehersteller Varta hat erneut ein Restrukturierungsverfahren angekündigt. Dieser Schritt ist offenbar notwendig, um eine Insolvenz des schwäbischen Traditionsunternehmens abzuwenden.

Ellwangen - Im baden-württembergischen Ellwangen werden in wenigen Wochen tausende Metal-Fans erwartet, die von dort ins nahegelegene Dinkelsbühl pilgern. Doch bereits jetzt brodelt es in der Stadt auf der Ostalb gewaltig, da der größte Arbeitgeber der Gemeinde einfach nicht zur Ruhe kommt. Der Batteriehersteller Varta hatte bereits im vergangenen Jahr im Rahmen eines Restrukturierungsprogramms 800 Vollzeitstellen abgebaut und weitere 150 Arbeitsplätze ins Ausland verlegt. Mit der von den Banken abgesicherten Neuaufstellung sollte das Traditionsunternehmen wieder in die Spur kommen, doch das Sanierungsprogramm war offenbar nicht genug.

Die zehn größten Unternehmen aus Baden-Württemberg

Ein Schild weist auf eine Filiale des Lebensmitteldiscounters Lidl hin. Im Hintergrund befindet sich eine Filiale des Großflächen-Discounters Kaufland.
Die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) ist mit weltweit rund 575.000 Mitarbeitern das größte Unternehmen aus Baden-Württemberg.  © Christian Johner/dpa
Das Logo des Technikkonzerns Bosch vor der Konzernzentrale
Technologiekonzern Bosch beschäftigt weltweit mehr als 420.000 Mitarbeiter.  © Inga Kjer/dpa
Beschilderung in der Zentrale der Mercedes-Benz Group AG in Stuttgart-Untertürkheim.
Beim Stuttgarter Autokonzern Mercedes-Benz sind mehr als 172.000 Mitarbeiter angestellt. © Corporate Communication (MS/CC)
Drei Fahnen mit dem Logo der ZF Friedrichshafen AG wehen vor dem Forum und der Verwaltungszentrale des Konzerns.
Autozulieferer ZF Friedrichshafen beschäftigt rund 164.000 Mitarbeiter weltweit.  © Felix Kästle/dpa
SAP-Unternehmenszentrale in Walldorf.
SAP ist das größte europäische Softwareunternehmen und hat rund 112.000 Angestellte.  © Uwe Anspach/dpa
Martin Daum, der Vorstandsvorsitzende des Nutzfahrzeugherstellers Daimler Truck, steht vor der Firmenzentrale bei Stuttgart vor einem eActros Lastwagen.
Daimler Truck hat fast 105.000 Mitarbeiter und gilt als Weltmarktführer im Bereich der Nutzfahrzeuge.  © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Mitarbeiterin des Handelskonzerns Würth trägt in einem Gang eines Hochregallagers eine Palette auf einem Gabelstapler.
Die Würth-Gruppe ist Weltmarktführer im Bereich Befestigungs- und Montagetechnik und beschäftigt mehr als 85.600 Menschen.  © Marijan Murat/dpa
Das Logo des Autozulieferers Mahle ist an der Zentrale des Unternehmens zu sehen
Mahle ist mit rund 71.620 Mitarbeitern einer der größten Autozulieferer Deutschlands.  © Marijan Murat/dpa
Die Firmenzentrale der Drogeriemarktkette dm in Karlsruhe.
dm ist der größte Drogeriekonzern Deutschlands und beschäftigt rund 66.000 Mitarbeiter. © Uli Deck/dpa
Ein Schild mit dem Schriftzug "Freudenberg" hängt in Weinheim an einem Bürogebäude des Technologiekonzerns Freudenberg.
Mischkonzern Freudenberg ist gleich in mehreren wichtigen Branchen tätig und beschäftigt fast 51.500 Mitarbeiter.  © Uwe Anspach/dpa

Im April hatte Varta angekündigt, dass die bisherigen Maßnahmen aufgrund der aktuellen Entwicklungen – der Konzern wurde unter anderem Opfer eines Cyberangriffs – nicht mehr ausreichend seien. Am Sonntag (21. Juli) erklärte das Familienunternehmen in einer Pressemitteilung schließlich, am Amtsgericht Stuttgart kurzfristig die Durchführung eines erneuten Restrukturierungsvorhabens angemeldet zu haben. Die Maßnahme soll nach Angaben des Konzerns eine mögliche Insolvenz abwenden. Einem traditionsreichen Autozulieferer aus Baden-Württemberg könnte dagegen die fünfte Insolvenz in wenigen Jahren drohen.

Nach Entlassung von hunderten Mitarbeitern – neues Verfahren soll Arbeitsplätze bei Varta sichern

Als Hersteller von unter anderem Lithium-Ionen-Akkumulatoren ist der ursprünglich 1887 gegründete Varta-Konzern eigentlich voll am Puls der Zeit. Durch die vielen Probleme und Krisen der Wirtschaft in den vergangenen Jahren ist das Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg aber stark angeschlagen und hofft nun auf Hilfe von außerhalb. Der Mitteilung zufolge wurde das neue Restrukturierungsprogramm nach dem sogenannten Unternehmenstabilisierungs- und -restruktierungsgesetz (StaRUG) angemeldet, das im Jahr 2021 in Kraft getreten ist und gezielt eine Zahlungsunfähigkeit von restrukturierungsfähigen Unternehmen abwenden soll. Dadurch will Varta nach eigenen Angaben endlich einen finanziellen Neustart schaffen und wieder wettbewerbsfähig werden.

Der Batteriekonzern Varta ist finanziell stark angeschlagen. Die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus.
Name Varta AG
Gründungsjahr 1887
Hauptsitz Ellwangen, Baden-Württemberg
Branche Elektrotechnik
Produkte Batterien, Akkus und Energiespeichersysteme
Umsatz 806,9 Millionen Euro (2022)
Mitarbeiter 4.498 (Ende 2022)

Wie der Konzern schreibt, soll die Neuaufstellung mithilfe des StaRUG-Verfahrens Arbeitsplätze sichern und sei „besser als mögliche Alternativszenarien“. Nachdem Varta bereits beim vorherigen Programm hunderte Mitarbeiter entlassen musste, wird die Sicherung der verbliebenen Arbeitsplätze in der Mitteilung besonders hervorgehoben. Stattdessen sollen aber offenbar die Anteilseigner der Varta AG Federn lassen, die auf einen Großteil ihres Geldes und der Ansprüche verzichten sollen. „Varta wird die Schulden mithilfe des StaRUG-Verfahrens auf eine angemessene Größenordnung bringen müssen, um wieder Schritte nach vorne machen zu können“, sagt CRO Michael Giesswein.

Investoren sollen Restrukturierung von Varta unterstützen – Einstieg von Porsche möglich

Neben den massiven Einschneidungen bei den Gläubigern – die laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) dagegen bereits Sturm laufen – sollen auch Finanzgläubiger und Investoren einen Beitrag leisten. Dazu sei Varta bereits in konstruktiven Verhandlungen mit potenziellen Investoren, darunter dem Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche. Porsche hatte erst Anfang Juli durchblicken lassen, eine Mehrheitsbeteiligung an der Varta-Tochter V4Drive anzustreben. Wie aktuell mehrere Medien übereinstimmend berichten – zuerst die Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz) – könnte Porsche nun auch direkt bei Varta einsteigen. Ein Sprecher der Stuttgarter bestätigte der faz, dass man in Gesprächen mit Varta stehe.

Batteriehersteller Varta will mit einem erneuten Restrukturierungsverfahren endlich zurück in die Spur.

Noch ist beim angeschlagenen Traditionsunternehmen von der Ostalb aber noch nichts in trockenen Tüchern; sicher ist nur, dass Varta nach eigenen Einschätzungen einen finanziellen Bedarf im hohen zweistelligen Millionenbereich zu decken hat. „Wir sind zuversichtlich, dass unser Restrukturierungskonzept eine solide Basis für die zukünftige Stabilität und Perspektive der Varta schafft“, erklärt Konzernchef Michael Ostermann. „Unser engagiertes Team und unsere Partner arbeiten unermüdlich daran, die bestmögliche Lösung zu finden.“ Darüber, wie genau diese Lösungen aussehen werden, will Varta fortlaufend informieren.

Rubriklistenbild: © Felix Kästle/dpa

Kommentare