VonGerhard Königerschließen
Das Gedenken an Opfer der NS-Diktatur mit der Verlegung von „Stolpersteinen“ begleiten in Ellwangen 200 Interessierte. Sie erleben ein Wiedersehen mit der Familie Levi.
Ellwangen
Wohl kaum jemand hätte damit gerechnet, dass sich so viele Menschen für die Verlegung der „Stolpersteine“ interessieren. In der Schmiedstraße ist kein Durchkommen mehr, als Tina Principi auf der Geige ein Stück aus der Filmmusik von „Schindlers Liste“ spielt.
Frank Keller von der Stolpersteininitiative dankt allen Beteiligten, vorneweg dem Künstler Gunter Demnig, der mit den von ihm geschaffenen „Stolpersteinen“ die Namen der Opfer dem Vergessen entreißt.
Bürgermeister Volker Grab betont den besonderen Charakter der in das Straßenpflaster eingelassenen „Stolpersteine“: „Man verneigt, sich wenn man die Inschrift liest, die Steine geben dem Einzelnen ein Gesicht.“
Vor dem Haus Kicherer werden fünf Steine für Babette, Julius, Melanie, Erich und Max Levi verlegt. Peter Maile spricht über die jüdische Familie, die einen Viehhandel hatte, bis sie 1938 in die USA emigrierte.
Michael, der Sohn von Erich Levi, ist mit Frau und beiden Kindern aus New York angereist. Er betont, dass die Schwestern Kicherer damals viel Mut brauchten, um auch unter den Nationalsozialisten eine Wohnung an Juden zu vermieten. „Wir müssen alle Mut haben in dieser Welt“, sagt er und schließt mit dem Titel eines Films von Spike Lee: „I hope we all do the right thing.“
Simon Hauber, Schüler des PG, spricht über Erich, Max und Erwin Levi, die letzten jüdischen Schüler des Ellwanger Gymnasiums, die 1935 vorzeitig von der Schule gedrängt wurden. „Ihre Geschichte zeigt, dass Freiheit und Bildung nicht selbstverständlich sind.“
Im Sebastiansgraben, vor dem Haus 27, erinnern Barbara Drasch und Schülerinnen der EBR an Rosa Heinrich, die Witwe eines jüdischen Viehhändlers, die mit ihren Kindern ebenfalls 1938 in die USA emigrierte.
In der Apothekergasse 3, wo Sigmund und Lea Levi mit ihrem Sohn Erwin wohnten, werden drei Steine verlegt. Als ihre Lebensgeschichte vorgetragen wird, spielen Ulrich Brauchle und Klaus Prohaska Klezmermusik. Carol Bluewise, eine Enkelin der Levis, hat erst aus dem Buch von Inge Barth-Grözinger „Etwas bleibt“ die Familiengeschichte erfahren. Sie nimmt mit einem Kamerateam an der Stolpersteinverlegung teil. Sie sagt: „What you doing here, is bringin' them home.“
Vor dem Haus Amtsgasse 6 sprechen Frank und Kathrin Keller über Hilda Müller, die 1940 Opfer der „Aktion T4“ wurde. Ehemalige Schülerinnen zitieren aus einem Theaterstück, verweisen auf die Willkür, mit der die Nazis Menschen mit einem Makel aussortierten. Der Begriff „Euthanasie“ erreichte 1933 seine fürchterlichste Bedeutung: „Beendigung unwerten Lebens“.
Peter Maile dankt den Familien Frick, die Sponsoren der Stolpersteinverlegung sind und richtet den Blick nach vorn: „Es kommen immer mehr vergessene Opfer der NS-Diktatur in Ellwangen zutage.“ Die Stolpersteininitiative werde weiter recherchieren, strebe eine dritte Verlegung in Ellwangen an. „Als Erinnerung und Mahnung, gegen Gewalt und Ausgrenzung.“
Der Leidensweg der Hilda Müller
