VonJulian Baumannschließen
Nach 133 Jahren muss das traditionsreiche Familienunternehmen Eisen Thiermann aus dem Allgäu schließen. Den Mitarbeitern wurde gekündigt.
Wangen im Allgäu - „Schließung und Auflösung des Familienunternehmens für Stahlhandel in Wangen“, heißt es in einer für den Ernst der Lage ungewöhnlich offenen Pressemitteilung des Traditionsunternehmens Eisen Thiermann mit Sitz in Wangen im Allgäu (Baden-Württemberg). Die bereits in der vierten Generation geführte Firma für Baustoffhandel kann auf eine 133-jährige Geschichte zurückblicken und belieferte Kunden in den Regionen Allgäu, Oberschwaben, Bodensee und auch im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Aufgrund mehrerer Faktoren erklärte die Familie am 22. Februar in einer Betriebsversammlung aber das endgültige Ende des Betriebs.
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Vor wenigen Tagen hatte ein weiteres Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg Insolvenz angemeldet, die Insolvenzverwalter sind allerdings guter Dinge, den Betrieb sanieren und auf einer gesunden Basis weiterführen zu können. Dass es bei Eisen Thiermann, offiziell August Thiermann GmbH & Co. KG, direkt zum auf den ersten Blick drastischen Schritt der Schließung kommt, hat mehrere Gründe, die das Familienunternehmen in der Mitteilung ausführt. Das Stuttgarter Familienunternehmen Lapp hat dagegen auf die Vorzeichen reagiert und Mitarbeiter am Stammsitz in die Kurzarbeit geschickt.
Familienunternehmen aus Wangen konnte „schwere Entscheidung“ nicht länger aufschieben
Wie das Traditionsunternehmen aus dem Kreis Ravensburg in der Mitteilung schreibt, wurde den Mitarbeitern bei der Betriebsversammlung erklärt, warum „diese schwere Entscheidung nicht weiter aufzuschieben“ gewesen sei. Demnach erinnerte der geschäftsführende Gesellschafter Markus Thiermann an die tiefe Wirtschaftskrise in den späten 1990er Jahren, in deren Rahmen die Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt von Wangen und später auch der Baufachmarkt geschlossen werden mussten. Im Gegensatz zu vielen Industriezweigen, die durch die Corona-Pandemie erhebliche Probleme hatten, erfuhr der Baustoffhandel sogar einen Aufschwung. Der war aber nicht von Dauer.
Da für das laufende und das kommende Jahr weitere Umsatzrückgänge vorhergesagt werden, seien überflüssige Investitionen nicht länger aufschiebbar, heißt es in der Mitteilung. „Jetzt müssten wir eine Stange Geld in die Hand nehmen“, erklärte Markus Thiermann der Belegschaft. „Weiteres Geld braucht es, weil das Geschäft auf Jahre nur Verluste einfahren wird.“ Und dann brauche es in ein paar Jahren einen Nachfolger, der ein bis dahin überschuldetes Unternehmen übernehme. Einen Käufer, der auch die Arbeitsplätze erhalten will, konnte das Familienunternehmen aber auch nach jahrelanger Suche nicht finden.
Mitarbeiter von Eisen Thiermann werden bis Ende der Kündigungsfrist bezahlt freigestellt
Bei der Betriebsversammlung am vergangenen Donnerstag wurden den 32 Mitarbeitern von Eisen Thiermann nicht nur die Gründe für die Schließung des Traditionsbetriebs erklärt, sie erhielten auch ihre Kündigungen. „Wir haben diese Firma zusammen mit Ihnen geführt, Sie haben uns ermöglicht, bis hierhin zu gehen“, sagte Gesellschafterin Patricia Thiermann-Haase. „Deshalb fühlen wir uns verpflichtet, eine Insolvenz oder sozial harte Schließung auf jeden Fall zu verhindern. Und das geht nur, wenn wir rechtzeitig handeln.“ Die gesamte Belegschaft wird zum 1. April bei voller Gehaltszahlung bis zum Ende der Kündigungsfrist freigestellt.
Mit dem Beschluss der vier Gesellschafter wurde die August Thiermann GmbH & Co. KG, die aus zwei Gesellschaften besteht, zum 22. Februar aufgelöst und befindet sich im Prozess der Liquidierung. Das Unternehmen schreibt auf seiner Website, dass alle laufenden Aufträge erfüllt, Neuaufträge aber nur insoweit angenommen werden, als noch Ware im Lager vorhanden ist. „Wir danken unseren Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten für die zum Teil jahrzehntelange Treue“, schreiben die Familiengesellschafter aus dem Allgäu.
Der ebenfalls in Wangen im Allgäu ansässige Elektronik-Zulieferer Diehl Controls hatte kurz vor dem Jahreswechsel angekündigt, rund die Hälfte der Belegschaft entlassen zu müssen.
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