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Laut der IG Metall herrscht in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie weiterhin Sorge um die Zukunft. Das liegt auch daran, dass vorranig strukturschwache Regionen subventioniert werden.
Stuttgart/Reutlingen - Die Transformation zur E-Mobilität und die fortschreitende Digitalisierung ist selbst für das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg eine große Herausforderung. Da immer mehr Unternehmen ganze Produktionsschritte und Arbeitsplätze aus Kostengründen ins Ausland verlagern, kämpft die IG Metall um Jobs in Baden-Württemberg. Kritisiert wird dabei auch, dass vorrangig strukturschwache Regionen von der EU bei der schwierigen Transformation unterstützt werden, während die stärkeren Standorte außen vor bleiben. Die IG Metall in der Region Reutlingen-Tübingen macht sich deshalb für Subventionen an Unternehmen in der eigenen Region stark.
Im Zuge der ohnehin herausfordernden Transformation kommt für die Industriebetriebe aktuell noch der hohe Kostendruck durch die stark gestiegenen Preise von Energie, Rohstoffen und Personal hinzu. Deshalb baten sogar bereits die größten Autozulieferer Baden-Württembergs, Bosch, ZF und Mahle, in Berlin um Staatshilfen. Mit einer Unterschriftenaktion plädieren auch über 80 Gewerkschafter von Betrieben der Region Neckar-Alb dafür, erfolgreiche Industrieregionen präventiv zu fördern und nicht erst, wenn unumkehrbare Strukturschwächen erkennbar werden, wie es in einer Pressemitteilung der Gewerkschaft heißt.
IG Metall fordert Subventionen in Baden-Württemberg, um Standorte und Arbeitsplätze zu sichern
Die IG Metall Baden-Württemberg konnte in den vergangenen Wochen einige große Erfolge erzielen. Inzwischen gibt es beispielsweise bei den größten Autozulieferern Bosch, ZF und Mahle eine Zukunftsvereinbarung und mitunter auch eine Vereinbarung, die betriebsbedingte Kündigungen vorerst ausschließt. Die Sorge bleibt bei den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie aber weiterhin. „Viele Kolleginnen und Kollegen machen sich Sorgen um ihre Zukunft“, sagt Uwe Wallbrechner von der IG Metall Reutlingen-Tübingen laut Mitteilung. Genau deshalb bedarf es einer aktiven Standort- und Beschäftigungssicherung in der Region, die durch strukturpolitische Subventionen gefördert wird.
| Name | Wirtschaftsregion Reutlingen-Tübingen |
|---|---|
| Bundesland | Baden-Württemberg |
| Landkreise | Reutlingen, Tübingen |
| Branchenvielfalt | Maschinenbau, Automobilindustrie, Informations- und Kommunikationstechnologie, Medizintechnik, Dienstleistungen, Forschung |
| Mittelstand | Zahlreiche erfolgreiche mittelständische Unternehmen |
| Innovationskraft | Starke Forschungs- und Entwicklungstätigkeit |
| Bruttoinlandsprodukt | Erheblicher Beitrag zum BIP von Baden-Württemberg und Deutschland |
| Arbeitslosenquote | Niedrig, wirtschaftliche Stabilität und Vielfalt der Arbeitsmöglichkeiten |
Laut dem Gewerkschafter würden die Subventionen der EU in strukturschwächere Regionen das Abwandern von Industriezweigen und Arbeitsplätzen noch begünstigen und so auch die starken Industrieregionen bedrohen. „Denn Verlagerungen und Neuansiedelungen von Produktionsstätten im europäischen Raum treiben uns um und bringen den Wirtschaftsstandort Neckar-Alb in Gefahr“, so Wallbrechner. Beispiele für eine solche Entwicklung gab es in Baden-Württemberg zuletzt einige. Autozulieferer Eberspächer baut etwa eine neue Fabrik in Bulgarien und will dort Arbeitsplätze schaffen und der Batteriekonzern Varta will im kommenden Jahr 150 Vollzeitstellen ins Ausland verlagern.
Bosch-Fabrik in Reutlingen geht im Gegensatz zu anderen Chipwerken leer aus – „Fair geht anders“
Ein Paradebeispiel dafür, dass sturkturschwächere Regionen subventioniert werden und die wirtschaftlich stärkeren leer ausgehen, ist die Chipfabrik von Bosch in Reutlingen. „Im Gegensatz zu anderen bedeutenden Chipfabriken zum Beispiel in Ostdeutschland geht Bosch Reutlingen bisher leer aus“, wird Thorsten Dietter, Betriebsratschef von Bosch Reutlingen, in der Mitteilung der IG Metall zitiert. „Das verzerrt den Wettbewerb enorm, fair geht anders!“ Bosch hatte Anfang 2022 eine Viertelmilliarde Euro in den Standort investiert, um rund 8.000 Arbeitsplätze zu sichern. Von Subventionen in der Region Neckar-Alb würde allerdings auch die Bosch-Fabrik in Reutlingen profitieren.
Auch IG Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger kritisiert die engen Regeln der europäischen Subventionen und fordert, dass die Politik auch aktive Förderungen für Unternehmen in starke Transformationsregionen wie Baden-Württemberg zulässt. „Denn es geht um die Weiterentwicklung und Umgestaltung von Geschäftsmodellen, Produkten und Produktionsprozessen und die Sicherung von Beschäftigung“, so Zitzelsberger. „Dafür braucht es ein klares Bekenntnis der Politik, sonst werden die heute noch starken Regionen Europas in der gegenwärtigen Transformation ihrer Stärken beraubt.“ Der IG Metall-Chef hatte bereits in der Vergangenheit die Sorge um den Standort Baden-Württemberg geäußert und erklärt: „Wir müssen jetzt handeln.“
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