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Nach ihrer ersten Saison als Hüttenwirte auf der Tutzinger Hütte ziehen Thomas und Sabine Jauernig Bilanz.
Benediktbeuern – Vom EDV-Fachmann zum Hüttenwirt – ein radikalerer Berufswechsel ist kaum denkbar. Thomas Jauernig hat die Änderung gewagt – und nicht bereut. Seine Bilanz nach dem ersten Sommer auf der Tutzinger Hütte könnte kaum besser ausfallen. Bis Ende August zählte er 6000 Übernachtungen. Er sagt: „Die neue Aufgabe hat uns gesucht und gefunden.“
Mal Hüttenwirt sein – diesen Wunsch hatte Jauernig schon seit längerer Zeit im Kopf. Eines Tages erfuhr er, dass der bisherige Pächter der Tutzinger Hütte, Hans Mayr, aufhört. „Ich habe kurz überlegt, und dann war mir klar, dass das eine interessante Aufgabe wäre“, sagt Jauernig. Also bewarb er sich auf die Stelle, erläuterte seine Personalplanung, wie die Logistik funktionieren und die Speisekarte aussehen soll. „Relativ bald“ sei er dann zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Und dann ging alles ganz schnell: „Am Freitagabend war das Gespräch, und am Samstagmittag haben wir die Zusage gekriegt“, sagt Jauernig. „Das war eine Überraschung, da haben wir erst mal geschaut.“
In diesem Fall habe aber einfach alles zusammengepasst. Jauernigs Kinder sind groß, die Schwiegereltern helfen im Hintergrund, kümmern sich um die Wäsche und um die Lieferung der Waren. Zugleich war Jauernig klar, dass er mit 43 Jahren vielleicht das letzte Mal die Chance auf einen Berufswechsel hat. „Wir haben uns gesagt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und haben uns ins Abenteuer gestürzt.“
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Freimütig gibt er zu, dass das Projekt „ein Wagnis“ gewesen sei, „denn wir hatten alle gute Jobs, standen beruflich auf sicheren Füßen und hatten uns viel aufgebaut.“ Jauernig selbst arbeitete als EDV-Fachmann in Bad Tölz, seine Schwägerin Tini Seemüller bei der Firma Dorst in Kochel, und seine Ehefrau habe ebenfalls einen „guten Job“ gehabt. Ein halbes Jahr später stellt Jauernig fest: „Alles ist so aufgegangen, wie wir uns das vorgestellt haben. Der gigantische Sommer hat uns dabei sicher in die Karten gespielt.“ Auch bei der Personal-Auswahl habe er Glück gehabt: „Wir haben hier ein super Team.“
Dabei hatte Jauernig selbst nur ansatzweise Erfahrung in der Gastronomie. „Ich habe mein Leben lang aber im Service gearbeitet und hatte immer mit Kunden zu tun.“ Auch auf der Tutzinger Hütte sei er „die Schnittstelle zu den Gästen“.
Über mehr Erfahrung verfügt seine Ehefrau Sabine. Sie stammt aus einem Bauernhof und ist es gewohnt, für viele Menschen zu kochen. Beim Christkindlmakt machte sie schon mal 700 Knödel an einem Tag. Zudem arbeitete sie zehn Jahre als Aushilfe beim Fischerwirt in Schlehdorf.
Die Tutzinger Hütte sei modern eingerichtet, die Handwerker seien fleißig, und der Alpenverein stehe bei Problemen stets Gewehr bei Fuß. Trotzdem habe er im ersten halben Jahr schon die eine oder andere Überraschung erlebt, sagt Jauernig, vor allem im Hinblick auf die Technik im Hintergrund. So seien die Akkus im Blockheizkraftwerk etwas in die Jahre gekommen: „Sie müssen demnächst ausgetauscht werden.“ Mit diesem Problem umzugehen, sei eine Herausforderung. So muss sich das Team genau überlegen, wann ein Stromfresser wie die große Kaffeemaschine eingeschaltet wird und wann Filterkaffee ausreicht. Die Hütte sei von der Energieversorgung einfach nicht auf derartig stark steigende Übernachtungszahlen ausgelegt. Am Samstag ist das Haus mit 120 Gästen traditionell voll belegt. Das neue Online-Buchungssystem des Alpenvereins sorge dafür, dass die Hütte nun auch unter der Woche stärker ausgelastet ist.
Generell gebe es einen Trend hin zu Hütten-Übernachtungen: „Die Leute wollen raus aus der Stadt und dem hektischen Alltag.“ E-Bikes sorgen dafür, dass die Berge nun für Radfahrer erreichbar sind, die man früher dort nicht gesehen hat. Auffällig sei, dass die Hütte gerade bei Familien mit Kindern sehr beliebt ist. Jauernig führt dies darauf zurück, dass die Hütte auf 1327 Metern und damit relativ niedrig liegt und dass an ihr ein Bach vorbei fließt. Zudem bestehe keine Absturzgefahr, und an der Hausstattalm gebe es eine Kletterwand.
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Auffällig sei außerdem, dass an Wochenenden und Werktagen eine komplett unterschiedliche Klientel auf der Tutzinger Hütte übernachtet. „Unter der Woche kommen Wanderer und Bergsteiger wie früher, an Wochenenden viele Münchner, die eine ganz andere Erwartungshaltung haben. Sie meinen, dass sie hier in einem Hotel übernachten, aber zum Beispiel Einzelzimmer gibt es auf einer Berghütte einfach nicht.“
Jauernig kommt gut damit zurecht, dass er nun einen Großteil des Jahres auf dem Berg verbringt: „Man lebt auf engem Raum, aber das funktioniert, wenn alle zusammenpassen. Uns taugt es.“ Zweimal pro Woche fährt er ins Tal, kauft ein, erledigt die Buchhaltung und pflegt die Kontakte zu Bekannten und Verwandten. Weniger Arbeit als im Tal gebe es auf der Hütte nicht. Wenn es hart auf hart geht, muss er schon mal 20 Stunden am Stück durcharbeiten: „Stress und Hektik hat man auch hier oben. Man ist aber nahe an den Gästen dran, die Ruhe und Entspannung suchen. Da kann man was mitnehmen, selbst wenn es anstrengend ist.“ Letztlich gehe es darum, im Sommer so viel zu verdienen, dass man die Zeit mit wenig Einnahmen gut übersteht. In der Nebensaison und im Winter habe er mehr als genügend Zeit. Dies eröffne für Urlaube völlig neue Perspektiven. „Im Januar werden wir als Rucksack- oder Radtouristen Richtung Asien abhauen“, sagt Jauernig. „Solch ein Urlaub entschleunigt. Man nimmt Land und Leute ganz anders wahr, als wenn man nur am Strand rumliegt.“
Klar ist, dass die beiden längerfristig Hüttenpächter bleiben wollen. Sabine Jauernig will in 14 Jahren in Rente gehen: „Mal schauen, ob ich es so lange körperlich und geistig schaffe.“ Ähnlich sieht es Thomas Jauernig: „Ich möchte nicht noch mal auf Arbeitssuche gehen müssen.“
