Blick in die Geschichte

Als die Pest im Tölzer Land wütete: Ausgehverbot bei Strafe des Galgens

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Einst eine Marienstele, nun ein Pestkreuz: Das im Herbst 2019 aufgestellte Steinmarterl zwischen Benediktbeuern und Bichl.

Erst vor Kurzem wurde in Benediktbeuern ein neues Pestkreuz aufgestellt. Es erinnert an die Zeit im Dreißigjährigen Krieg - und es gibt Parallelen zur heutigen Zeit.

Benediktbeuern/Bichl/Bad Tölz – Von Corona war noch keine Rede, als der Benediktbeurer Förderverein für Brauchtum und Kultur im vergangenen November an der Straße zwischen Benediktbeuern und Bichl einen Pest-Gedenkstein aufstellen ließ. Gestiftet hat ihn auf Vermittlung von Michael Rieger („Barmstoana“) der in München tätige Steinmetz Werner Brender, dessen Frau aus Bichl stammt. „Ursprünglich stand er am Münchner Ostfriedhof“, erzählt Brender. „Alte Steine schmeiße ich nicht weg, sondern restauriere sie und bemühe mich um eine weitere Nutzung.“ Brender hat auch schon den Taufstein für die Bichler Kirche gestaltet und ist an der Erweiterung des Benediktbeurer Kriegerdenkmals beteiligt.

Woran erinnert das Benediktbeurer Pestkreuz? Die Pest fegte ab Mai 1633 in zwei Wellen über Isarwinkel und Loisachtal. Sie wurde wohl – man befand sich mitten im Dreißigjährigen Krieg – von schwedischen und spanischen Truppen eingeschleppt. Als die Sterbezahlen abrupt stiegen, schreckten die Menschen auf und konnten sogar rabiat werden, um sich zu schützen. Das führte zu einer rigorosen Ausgrenzung und Stigmatisierung Erkrankter und Sterbender.

Der bekannte Benediktinermönch und Geschichtsschreiber Karl Meichelbeck (1669 – 1734) hat eine lateinische Chronik des Klosters Benediktbeuern verfasst. Er beschreibt, wie die Pest zuerst in Bichl ausbrach und sich dann nach Königsdorf, Buchen und Tölz ausbreitete. In der Bichler Pfarrkirche erinnert eine Tafel an die Pesttoten. Benediktbeuern, sagt der langjährige Zweite Bürgermeister Hanns-Frank Seller, blieb interessanterweise weitgehend verschont. Am Schlimmsten wütete die Epidemie in Wackersberg, wo laut Chronik nur fünf Familien überlebten.

Dass die Verhaltensweisen der Menschen in Seuchenzeiten damals wie heute durchaus ähnlich waren, beschreibt der Tölzer Historiker Georg Westermayer in seiner 1871 erschienenen „Chronik von Tölz“: Die Angst vor Kontakt nach draußen sei allgegenwärtig gewesen. Die Bewohner von Tölz wollten, so berichtet Westermayer, in ihrer Bedrängnis einen Bittgang nach Gaißach zur Michaelskirche veranstalten, wurden aber von den Gaißachern, welche Ansteckung befürchteten, mit Gewalt von ihrem Dorf zurückgetrieben. Auf dem Rückweg versammelte sich die Prozession in der Mariahilfkapelle auf dem Mühlfeld, woraus sich die Tradition eines jährlichen Bittgangs entwickelte. Gaißach blieb trotzdem nicht verschont: Dem Volksglauben nach soll ein Hund die Pest dorthin gebracht haben, woran eine Darstellung im Deckenfresko der Tölzer Mühlfeldkirche erinnert.

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Auch die Tölzer versuchten, sich von der Umwelt weitmöglichst zu isolieren. Westermayer schreibt: „Der Markt Tölz wurde im weiteren Verlaufe der Pest vom Verkehre mit der Umgegend völlig abgeschlossen, selbst die Isarbrücke trug man ab; aus den angesteckten Häusern durfte bei Strafe des Galgens niemand sich entfernen.“ Erst Anfang 1635 galt die Pest als erloschen.

Zurück zum Pestkreuz zwischen Bichl und Benediktbeuern. Es steht in etwa dort, wo einst ein längst verschwundenes Pestkreuz die Passanten an die Seuche mahnte. Seller kann sich noch vage an das Marterl erinnern. Das sei auch der Grund gewesen, dass die frühere Marienstele vom Münchner Ostfriedhof nun umgewidmet wurde, um das nicht mehr vorhandene ehemalige Pestkreuz zu ersetzen. „Der Standort ist perfekt“, sagt Seller, der ihn zusammen mit Dritter Bürgermeisterin Margarete Steffens ausgesucht hat. „Als wenn der Stein immer dort gestanden hätte.“

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Eine kirchliche Segnung mit Pfarrer Heiner Heim hätte irgendwann im Frühjahr stattfinden sollen. Nun müsse man das nachholen, wenn das wieder möglich sei. Aus aktueller Sicht erscheint die November-Aktion durchaus prophetisch. Auf dem Stein steht geschrieben: „Vor Pest, Krieg und Hungersnot, verschone uns oh Gott.“ (rbe/chs)

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