- VonNorbert Kotterschließen
Das Rätsel um die Bad Aiblinger Kopie des Meisterwerks „Die drei betenden Frauen“ von Wilhelm Leibl scheint gelöst. Doch aus diesem Rätsel sind wieder andere Rästel entstanden, die nicht minder mysteriös sind. Ein Beispiel: Wieso hängt eine Kopie des Gemäldes in einem Museum in Shanghai?
Bad Aibling – Jahrzehntelang waren viele offene Fragen mit der Kopie des berühmten Bildes „Die drei betenden Frauen“ von Wilhelm Leibl verbunden, die sich im Bad Aiblinger Heimatmuseum befindet. Lediglich der Schriftzug „W. Selch. 1948. Cop.“, mit dem sich dessen Schöpfer am oberen linken Rand seines Werkes verewigte, ließ die Vermutung zu, der 1979 verstorbene Bad Aiblinger Kunstmaler Wilhelm Selch könnte es geschaffen haben.
Heuer im Frühjahr hat es sich Manfred Schaulies, ehrenamtlicher Leiter des im Heimatmuseum untergebrachten Archivs des Historischen Vereins, zur Aufgabe gemacht, Licht ins Dunkel zu bringen. Seither ist er bei seinen Nachforschungen einen großen Schritt vorangekommen.
„Die OVB-Berichterstattung über mein Vorhaben war sehr hilfreich. Da haben sich einige Leute bei mir mit wertvollen Informationen gemeldet, die Wilhelm Selch noch kannten“, freut sich Schaulies. Der Archivleiter verfügt jetzt nicht nur über deren Wissen, sondern auch über Bildmaterial, das Bezug zu Selch aufweist. Eines der Fotos zeigt ihn beim Malen einer Leibl-Kopie. Auch ein Bild des mittlerweile abgerissenen Wohnhauses in der Eichenstraße 14 in Bad Aibling, in dem der Maler viele Jahre lebte, wurde ihm zur Verfügung gestellt.
Manfred Schaulies steht mittlerweile im Kontakt mit zwei Großnichten des Malers
Aufgrund der OVB-Berichterstattung hat Schaulies mittlerweile Kontakt zu zwei Großnichten des Malers – Renate Hartl aus Kolbermoor und Elvira Wolf aus Bad Aibling. „Die haben sich bei mir gemeldet und wollen jetzt innerhalb der Familie weiter nachforschen, ob sie noch mehr über ihren Großonkel herausbekommen“, sagt Schaulies.
Nach Ansicht des Archivleiters kann man aufgrund der jüngsten Erkenntnisse mittlerweile als gesichert ansehen, dass Wilhelm Selch das im Heimatmuseum befindliche Bild gemalt hat. Darauf deutet auch ein Vermerk von Helmut Loose hin, der von 1994 bis 2003 Kreisheimatpfleger war und eine Dokumentation über die Exponate erstellte, über die das Museum seinerzeit verfügte. Auf die stieß Schaulies bei seinen Nachforschungen. Darin deutet Loose an, die Familie Selch habe das Bild dem Museum gestiftet.
Fest steht mittlerweile auch, dass es neben der Kopie des Leibl-Bildes im Heimatmuseum mindestens zwei weitere gibt. Eine von Selch geschaffene befindet sich im Besitz von Elvira Wolf. Ein Mitteiler, der sich per Mail gemeldet hat, berichtete davon, dass er bei einem China-Besuch im Jahr 2015 eine Kopie des Leibl-Werkes in einem Museum in Shanghai entdeckt habe. Das Original befindet sich seit 1906 in der Hamburger Kunsthalle.
Gemeldet hat sich auch eine Frau aus Hinrichssegen, deren noch lebender Stiefvater Selch ebenfalls kannte. Sie will jetzt mit ihm reden und schauen, ob dessen Erinnerung weitere Erkenntnisse hervorbringt, die Schaulies in seinem Bemühen unterstützen könnten. Eine 93-jährige Frau aus Kutterling berichtete, ihr Vater habe Selch ebenfalls gekannt und bei ihm Bilder bestellt.
Großnichte Elvira Wolf weiß, dass der Maler mit einem Album zu möglichen Kunden gefahren ist, in dem sich zahlreiche Bildmotive befanden. „Die konnten dann eines auswählen, von dem er eine Kopie für sie anfertigte“, sagt Manfred Schaulies. Werke von Wilhelm Leibl und des österreichischen Malers Franz Defregger (1835-1921) seien von ihm bevorzugt kopiert worden. Selch sei „ein durchaus sportlicher Lebenskünstler“ gewesen, der mit der Malerei Geld verdient habe.
Ehemaliger Stadtpfarrer könnte das Gemälde in Auftrag gegeben haben
Der Archivleiter stuft Selch mittlerweile als „Auftragsmaler“ ein und geht davon aus, dass das Bild im Heimatmuseum ebenfalls auf Bestellung entstanden ist. Er kann sich vorstellen, dass Dekan Jakob Albrecht, der von 1921 bis 1955 Stadtpfarrer in Bad Aibling war, einen solchen Auftrag erteilt haben könnte. Albrecht war auch als Chronist aktiv und sehr an der Heimatgeschichte interessiert. Die Stadt ernannte ihn zum Ehrenbürger, noch heute ist in Bad Aibling eine Straße nach ihm benannt.
Aufgrund der Nachforschungen von Schaulies kommt das Heimatmuseum übrigens in den Besitz eines weiteren Bildes, das Selch gemalt hat. Es wird ihm von einem 70-jährigen Bad Aiblinger kostenlos überlassen, der mittlerweile in Kolbermoor lebt. Das Bild ist mit dem Titel „Der alte Bauer“ beschrieben. Es könnte nach Ansicht des Archivleiters die Kopie eines Defregger-Werkes sein. „Die Unterschrift, mit der sich der Maler auf dem Werk verewigt hat, stimmt nach Angaben des Besitzers jedenfalls mit der Signatur auf dem Leibl-Bild überein“, weiß Schaulies.

