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Iris P. (alle Namen geändert) hat noch Pläne und Ziele. An oberster Stelle steht bei der 45-Jährigen eines: überleben – zumindest, bis ihr jetzt zehnjähriger Sohn Markus 18 ist.
Mit der Spendenaktion „Leser helfen helfen“ unterstützen Tölzer Kurier und Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur Menschen im Landkreis, die unverschuldet in Not geraten sind.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Iris P. (alle Namen geändert) hat noch Pläne und Ziele. An oberster Stelle steht eines: überleben – zumindest, bis ihr jetzt zehnjähriger Sohn Markus 18 ist. „Wenn’s länger geht, super. Aber man muss auch für den Fall planen, dass ich früher sterbe.“ Die Ärzte geben der alleinerziehenden 45-Jährigen aus dem Landkreis nur noch einige Jahre zu leben. Die begrenzte Zeit mit ihrem Kind will sie noch mit positiven Erlebnissen füllen.
Wer Iris P. in ihrer Wohnung trifft, meint im ersten Augenblick, einer Frau in der Blüte ihres Lebens gegenüberzusitzen. Äußerlich ist ihr die Krankheit nicht anzusehen. „Ich bin nicht der Typ, der Trübsal bläst“, sagt sie. „Und das möchte ich Markus auch nicht vorleben.“ Er soll seine Mutter nicht als eine Frau in Erinnerung behalten, die den ganzen Tag nur traurig auf der Couch lag.
Es begann mit Rückenschmerzen
Dass ein großer Teil ihres Alltags aus Liegen besteht, daran kommt Iris P. allerdings nicht vorbei. 2015 – Iris P. war frisch geschieden, sorgte mit zwei Jobs für ein ordentliches Auskommen für sich und ihre zwei Söhne –, begann es mit immer heftigeren Rückenschmerzen.
Die Diagnose sollte Iris P. aus ihrem bisherigen Leben reißen: Chordom sacrum, ein Tumor am Kreuzbein. „Das ist sehr selten, nur etwa 100 000 Menschen auf der Welt haben das, meist Männer über 60“, stellt Iris P. nüchtern fest. „Mit Hilfe ist da nicht viel.“
Vor der vorgeschlagenen Operation schreckte sie zurück. Der Eingriff wäre sehr riskant gewesen, hätte wohl bedeutet, dass sie danach gelähmt gewesen wäre, einen Blasenkatheter und einen künstlichen Darmausgang gebraucht hätte. Iris P. holte eine zweite Meinung ein. Es tat sich eine Alternative auf: eine Protonenbestrahlung, die in Deutschland ausschließlich in Heidelberg durchgeführt wird. Diese Behandlung hat ihr einen Aufschub beschert, nicht mehr und nicht weniger. „Im Moment herrscht Stillstand“, sagt sie. „Doch die Ärzte sagen, dass der Tumor nach fünf bis sieben Jahren wieder zu wachsen beginnt. Dann ist nichts mehr zu machen.“ Das gilt zumindest nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Doch die Krankheit genießt wegen ihres seltenen Auftretens keine hohe Priorität in der Forschung.
An Berufstätigkeit ist für Iris P. seit ihrer Diagnose nicht mehr zu denken. Von Sport oder Treffen mit Freunden ganz zu schweigen. „Die ersten eineinhalb Jahre bestanden nur aus Tumorschmerzen. Ich bin fast die ganze Zeit gelegen.“ Im Lauf der Zeit wurden die Schmerzmittel so hoch dosiert, „dass ich ständig geschlafen habe“. Die Protonenbestrahlung hat ihre Nerven beschädigt. Taube Füße und starke Schmerzen sind die Folge.
Iris P. gibt nicht auf
Doch Iris P. kämpft: „Ich muss mich um ein Kind kümmern, ich kann nicht den ganzen Tag schlafen.“ Mittlerweile bekam sie Elektroden ins Rückenmark eingesetzt. Stromstöße aus dem Inneren ihres Körpers betäuben die Schmerzen. „Sonst könnte ich gar nicht mehr laufen.“
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Den Rollstuhl stellte Iris P. seither fürs Erste wieder in die Ecke. Den Rollator braucht sie weiterhin, wenn sie das Haus verlässt. Geht sie einkaufen, dann sind ihre Kräfte für diesen Tag erschöpft. Froh ist sie, dass sie zumindest noch ein Auto hat. „Aber irgendwann wird das Fahren nur noch per Handsteuerung funktionieren.“
Einen Teil ihrer Energie möchte Iris P. Unternehmungen mit ihrem jüngeren Sohn widmen – der ältere (19) ist mittlerweile ausgezogen. „Er weiß, wie es um mich steht und dass ich nicht mehr so lange lebe.“ Der Zehnjährige lebt immer wieder ein paar Tage oder Wochen bei einer Pflegefamilie, etwa wenn seine Mutter im Krankenhaus ist. „Markus soll aber auch schöne Erlebnisse haben, nicht nur immer die kranke Mutter zu Hause.“
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Mit ihm schwimmen gehen, mal aufs Brauneck fahren, vielleicht sogar einen Safaripark besuchen oder – der große Traum – eine Freundin in den USA besuchen: „Wenn so etwas körperlich ginge, dann geht es finanziell nicht“, sagt Iris P.
Mit ihrer Erwerbsminderungsrente, Kindergeld und „ein bissl Unterhalt“ macht sie keine großen Sprünge. Gerade jetzt stehen der Beitrag zur Autoversicherung und die Heizkostennachzahlung im Raum. Und auch wenn sich die Krankenkasse „immer kulant“ verhalten habe, so bleibt doch noch einiges selbst zu zahlen, was ihr ein wenig guttut. Eine Reha für krebskranke Eltern an der Ostsee würde sie gern machen. Das wird bezahlt. „Aber man braucht auch etwas Taschengeld.“
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Iris P. wirkt fast fröhlich, wenn sie frei heraus sagt: „So beschissen die Krankheit ist – ich erfahre auch viel Hilfe.“ Diese auch anzunehmen, das musste die 45-Jährige erst lernen. „Aber mittlerweile geht es nicht anders.“

