„Haben essenziellen Anteil am deutschen Wohlstand“

Zwischen Integration und Vorurteilen: Waldramer Badehaus widmet sich den Schicksalen von Gastarbeitern

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Zwischen Begeisterung und Betroffenheit schwankte die Gemütslage des Publikums. An der Säule Badehausvereins-Vize Jonathan Coenen (li.) und Filmemacher Rüdiger Lorenz.
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Im Waldramer Badehaus erinnern ein Film und eine Diskussionsrunde an berührende Schicksale von Gastarbeiterfamilien in Deutschland und vor Ort.

Waldram – In farbenprächtiger Tracht betraten vier junge Frauen der griechischen Tanzgruppe aus Geretsried am Sonntagabend die Bühne im ausverkauften Obergeschoss des Erinnerungsortes. Das Publikum klatschte begeistert zur Folkloremusik, sah danach aber mitunter erschütternde Schwarz-Weiß-Bilder. Denn Badehaus-Vorsitzende Dr. Sybille Krafft präsentierte im Anschluss ihre bereits 1994 entstandene Filmcollage „Die ersten Gastarbeiter in Bayern“.

Zwischen Integration und Vorurteilen: Waldramer Badehaus widmet sich den Schicksalen von Gastarbeitern

Die Vielschichtigkeit von gelungener Integration einerseits und menschenunwürdigen Gemeinschaftsunterkünften sowie Ressentiments der einheimischen Bevölkerung waren danach Thema einer Gesprächsrunde. „Die sich häufenden antisemitischen Vorfälle in Europa erschüttern uns“, schickte Krafft voraus. Umso wichtiger sei das Begegnungszentrum und Museum im Badehaus, das in seiner Dauerausstellung verschiedene Migrationen dokumentiert. „Das ist ein Ort der Aufklärung, Demokratie und Völkerverständigung“, betonte die Badehaus-Chefin. Die griechische Tanzgruppe ehrte sie kollektiv als 15 000 Besucherin des 2018 eröffneten Erinnerungsorts.

Geretsrieds Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl, die die Diskussionsrunde mit Krafft moderierte, begrüßte die Gäste in drei verschiedenen Sprachen und ließ zunächst Evangelos Karassakalidis zu Wort kommen. Geboren in der Kleinstadt Xanthi, kam er 1971 als Kind nach Geretsried, wurde dort Vorsitzender der Griechischen Gemeinde und schaffte 1996 den Sprung in den Stadtrat. „Mein Bruder und ich wuchsen zuerst bei den Großeltern in Griechenland auf“, erzählte er. Die Eltern verdienten zu diesem Zeitpunkt schon in Deutschland ihr Geld und holten die Kinder erst später nach.

Plädierten für Toleranz und Wertschätzung der Gastarbeiter: (v. li.): Assunta Tammelleo, die ehemalige Bauunternehmerin Elisabeth Renner, Badehaus-Vorsitzende Dr. Sybille Krafft, der ehemalige Geretsrieder Stadtrat Evangelos Karassakalidis und die Geretsrieder Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl.

Empe, Speck oder Lorenz: In Geretsried gab es mehrere Firmen, „die gerne Gastarbeiter einstellten“

Das war damals nichts Ungewöhnliches. Viele Arbeitsverträge, die deutsche Unternehmer mit Gastarbeitern abschlossen, waren befristet. So kam es nach der Anwerbung in den 1960er-Jahren ab 1973 zu einer Rückreisewelle. Nicht so bei Familie Karassakalidis: „In Geretsried gab es viele Firmen wie Empe, Speck oder den Spielwarenhersteller Lorenz, die gerne Gastarbeiter einstellten“, berichtete der Geretsrieder. Manche Unternehmen errichteten in ehemaligen Bunkern sogar preisgünstige Wohnungen für die stetig wachsende Zahl von Zuwanderern. Der Deutschunterricht erfolgte in der „Griechischen Schule“.

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Über gelungene Integration berichtete auch die ehemalige Münchner Bauunternehmerin Elisabeth Renner. „Manche arbeiten schon seit 40 Jahren in der Firma und sind sehr zufrieden“, erzählte sie. Für den ersten portugiesischen Ankömmling wurde das Dachgeschoss der Firmenzentrale ausgebaut, bald zogen viele Gastarbeiter nach. Renners Erfolgsgeheimnis: „Ehrlichkeit und Wertschätzung durch den Arbeitgeber.“

Nicht ganz so glücklich verlief die Kindheit von Assunta Tammelleo, die als Tochter eines italienischen Straßenarbeiters mit ihrer Schwester am Stadtrand von Stuttgart aufwuchs. „Mein Vater blieb Hilfsarbeiter, litt unter geringer Wertschätzung und starb schon im Alter von 56 Jahren“, erinnerte sie sich. Ihre Mutter musste mit Ressentiments in der Nachbarschaft leben. „Viele konnten nicht nachvollziehen, warum sie sich ausgerechnet mit einem dunkelhäutigen Italiener eingelassen hat“, erklärte Assunta Tammelleo. Die heutige Wirtin der Kulturbühne Hinterhalt in Gelting, die in München Politologie studierte, hatte auch später aufgrund ihres Namens mit Vorurteilen zu kämpfen.

Die Leistung der Gastarbeiter würdigte Badehaus-Vorstandsmitglied Elisabeth Voigt: „Sie haben einen essenziellen Anteil am deutschen Wohlstand“, betonte sie. Dazu gehört fraglos auch die Kulinarik. Beim abschließenden üppigen internationalen Buffet durften die Gäste italienische, griechische und türkische Spezialitäten genießen.

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