Diskussion mit Stadträten

Badeteil Bad Tölz soll lieber ein zweites Grünwald werden als ein neues Neuperlach

+
Bei der Gesprächsrunde im „Binderbräu“ waren (vorne, v. li.) Wolfgang Suttner, Anna Förg und Roswitha Sedlmayr tonangebend.
  • schließen

Den geballten Frust von Gastgebern im Badeteil bekamen am Mittwochabend sechs Tölzer Stadträte zu spüren. Eine Stadträtin zeigte sich „erschrocken, so angeschossen zu werden“.

Bad Tölz – Den geballten Frust von Gastgebern im Badeteil bekamen am Mittwochabend sechs Tölzer Stadträte zu spüren. Sie waren einer Einladung der Gruppe „Familienunternehmer im Badeteil“ (FUB) rund um Initiatorin Roswitha Sedlmayr gefolgt. Die Inhaber von Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen beklagten Fehlentwicklungen, forderten eine Vision für den Tourismus – und mit Nachdruck die Freiheit, ihre Betriebe im Fall einer nötigen Schließung in Wohnungen umbauen zu dürfen.

Die versammelten Vertreter von 13 Betrieben schilderten ihre Lage in düsteren Farben. „Drei Viertel unserer Gäste kommen nicht mehr, seit das Alpamare zu ist“, sagte die Inhaberin des Gästehauses Josef Gut. Ihr Enkel Hans erklärte, er wolle den Betrieb gerne übernehmen, „aber nicht zu den Voraussetzungen, die derzeit im Badeteil herrschen“. Ähnlich äußerten sich Anna Förg zu den Ferienwohnungen ihrer Mutter Rita Förg sowie Katharina Sedlmayr. Wolfgang Suttner, Inhaber des Hotels Leonhardihof, erklärte: „Jedes Haus muss für sich feststellen, dass es nur bergab geht.“

Roswitha Sedlmayr kritisierte „Bausünden im Badeteil“ und den Jahrzehnte währenden Rechtsstreit um das Haus Bruckfeld. Die Tölzer Tourismusbetriebe haben ihrer Darstellung nach eine Jahresbelegung von 43 Prozent. Doch laut Hotel- und Gaststättenverband seien 63 bis 68 Prozent nötig, um gewinnbringend zu arbeiten.

Vision für Bad Tölz: Thermalbad mit Saunen in der Wandelhalle

Anna Förg präsentierte eine Reihe von „Visionen der Familienbetriebe“ fürs Badeteil. „Wohnen und Tourismus stehen nebeneinander.“ Das Wohnumfeld aber solle einer „grünen Oase“ gleichen – Motto: „Grünwald, nicht Neuperlach.“ Insgesamt solle der „Charme des Badeteils“ erhalten bleiben: „Holz und Geranien und nicht Glasbalkone.“

Die FUB wünschen sich zudem neue Gespräche mit der Jod AG. Die Idee der Gastgeber: „eine Thermalanlage mit Saunen in der Wandelhalle“. Dazu Rita Förg: „Berg und Bad gehören zusammen. Der Berg ist ausgebaut und subventioniert worden. Jetzt brauchen wir noch das Bad.“

Vehement forderten die Unternehmer „absolute Freiheit, keine Veränderungssperre, kein Bebauungsplan.“ Entschieden lehnten sie ein angedachtes Vorkaufsrecht der Stadt bei der Veräußerung ihrer Immobilien ab.

Dieses mögliche Vorkaufsrecht werde deshalb diskutiert, „um das zu vermeiden, was Sie ja auch nicht wollen: maximale Bebauung, wie es sie leider schon oft im Badeteil gibt“, sagte Grünen-Stadtrat Richard Hoch. Dass es Fehlentwicklungen gibt, bestätigte er: „Eine Fläche nach der anderen wurde zugepflastert, und zwar nicht mit Wohnungen für Einheimische, sondern mit Zweit- und Drittwohnungen.“

Lesen Sie auch: Tölzer Schlössl: Wohnungen statt Hotel - Bauausschuss sagt Nein

Auch Willi Streicher (SPD) sagte, ihm seien etwa die Bauten im Herderpark ein Dorn im Auge. „Doch sie sind ein Ausfluss genau dessen, was Ihr jetzt fordert: größtmögliche Freiheit.“ Mit einem Vorkaufsrecht hätte die Stadt so etwas vielleicht verhindern können. Als ein Problem von Tölz bezeichnete Streicher, dass „einige handelnde Personen sehr mächtig“ seien. „Es gibt vier Große, die die Stadtpolitik blockieren können“, sagte er in Anspielung etwa auf Jod-AG-Chef Anton Hoefter oder Bahnhofseigentümer Erwin Fritz. Er, Streicher, setze seine Hoffnung auf „einen Neuanfang mit dem nächsten Bürgermeister“.

Einzig Stadtrat Anton Mayer (CSU) sprach sich klar gegen die Einführung eines Vorkaufsrechts aus.

Im Badeteil Bad Tölz „schaut es aus wie in Neuperlach und die Preise sind wie in Grünwald“

Michael Lindmair (FWG) betonte, dass die verhängte Veränderungssperre, die etwa das Sanatorium Sedlmayr betrifft, „nicht zementiert“ sei, sondern nur gelte, bis eine Voruntersuchung zum geplanten „Sanierungsgebiet Badeteil“ vorliege. Fest stehe, „dass wir für den Tourismus ebenso wie für den Wohnungsbau eine Strategie brauchen“. Es sei das gute Recht und die Aufgabe der Stadt, hier lenkend einzugreifen. Den Ist-Zustand im Badeteil fand auch Lindmair unbefriedigend: „Jetzt schaut es teils aus wie in Neuperlach, und die Preise sind wie in Grünwald.“

René Mühlberger (CSU) meinte, dass die Stadt natürlich auch den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen könne, bis es im Badeteil nur noch „reines Wohnen“ gebe. Das wünsche er sich aber nicht. „Wenn der Trend so weitergeht, müssen sich die verbleibenden touristischen Betriebe irgendwann fragen: Wie soll ich als Insel in einem Wohnmeer überleben?“

Lesen Sie auch: Kritik an der Tölzer Tourismus-Politik: Bürgermeister nimmt Stellung

Ein über Veränderungssperren und Bebauungspläne ausgeübter „Zwangstourismus“ habe nur zur Folge, „dass noch mehr Bauruinen entstehen“, hielt Suttner dagegen. Roswitha Sedlmayr bat die Stadträte um einen Vertrauensvorschuss: „Wenn wir frei sind, werden wir gut und gerne weiterarbeiten.“ Doch um zu investieren, brauche sie „die Sicherheit, dass ich im Notfall Wohnbebauung machen kann“.

Lesen Sie auch: Die Probleme des Tölzer Badeteils: Stadt gibt Untersuchung in Auftrag

Stadträtin Ulrike Bomhard (FWG) zeigte sich angesichts aggressiver Töne in der Versammlung „erschrocken“: „So angeschossen zu werden, das muss ich erst verdauen.“Auch John Lyons, Inhaber des Gästehauses Sibylle, war zum Schluss „absolut schockiert von der negativen Stimmung“ der Gastgeber. Die Schuld dafür sah er bei der Stadt.

Kommentare