VonAndreas Steppanschließen
Schon vor zehn Jahren kämpfte der Bund Naturschutz um den Erhalt einer mächtigen Blutbuche an der Königsdorfer Straße in Bad Tölz. Jetzt wurde sie doch gefällt.
Bad Tölz – Der Anblick stimmt Miriam Buchbauer traurig: In unmittelbarer Nachbarschaft des Hauses, in dem sie aufwuchs, stand an der Königsdorfer Straße eine mächtige Buche. Jetzt ist davon nur noch ein Baumstumpf übrig. „Ich konnte es nicht glauben“, sagt sie. „Diese Buche hat unseren Stürmen immer standgehalten.“
Die Fällung des 90 Jahre alten Baums hat eine Vorgeschichte: Schon vor zehn Jahren kämpften Naturschützer für seinen Erhalt. Für die Beseitigung der Blutbuche war Anfang 2010 schon einmal ein fester Termin angesetzt – damals sogar mit dem Segen der Baumschutzkommission. Damals hieß es, der Baum sei krank und herabfallende Äste gefährdeten den Straßenverkehr. Als seinerzeit 19-Jährige war Miriam Buchbauer ebenfalls „fassungslos, dass so ein mächtiger und alter Baum dem Erdboden gleichgemacht werden sollte“, sagt sie. „Er war doch immer Heimat von Igeln und unzähligen Vögeln.“
Schon 2010 gab es einen Termin für die Fällung der Blutbuche an der Königsdorfer Straße
Auf Intervention des Bund Naturschutz (BN) wurde die Fällung im Januar 2010 kurzfristig abgeblasen. Damals wurden Maßnahmen eingeleitet, um den Baum zu sanieren, finanziell unterstützt vom BN. Doch wie ein Blick ins Archiv des Tölzer Kurier zeigt, stellte ein Baumexperte schon im Sommer 2010 die Diagnose, dass die Buche mit der Pilzart Phytophthora befallen sei. Selbst mit Behandlung gab er dem Baum nur noch einige Jahre Lebenszeit.
„Man hat sich über Jahre bemüht, den Baum zu erhalten, aber ohne Erfolg“, erklärt nun Rathaus-Sprecherin Birte Otterbach auf Anfrage. Die Buche sei nicht mehr gesund geworden. „Er war laut Experten definitiv nicht haltbar.“ Die Baumschutzkommission sei vor dieser Entscheidung nicht eigens zusammengetreten, der Fall sei klar gewesen.
BN-Ortsvorsitzender kritisiert: Baumschutzkommission hätte informiert werden müssen
Vor vollendeten Tatsachen stand daher nun auch der Tölzer Ortsvorsitzende des BN, Achim Rücker. Die Baumschutzkommission habe die Buche im Herbst 2018 zuletzt begutachtet. Rücker räumt ein: „In einem guten Zustand war der Baum wirklich nicht mehr.“ Damals habe man aber den Beschluss gefasst, noch einen Rettungsversuch zu unternehmen. Ein Baumpfleger hatte vorgeschlagen, den Baum so zurückzuschneiden, dass sich eine zweite, weniger brüchige Krone herausbildet. Dieses Angebot sollte aber erst angenommen werden, „sobald klar ist, dass die Blutbuche von eventuellen Neubaumaßnahmen auf dem Grundstück nicht betroffen ist“, hieß es damals im Beschluss. „Anscheinend war sie nun doch im Weg“, bilanziert Rücker.
Hintergrund: Die Stadt möchte auf dem Grundstück ein Wohnhaus mit bezahlbaren Mietwohnungen errichten. Der Baum befindet sich auf einer Fläche, auf der ein dazugehöriger Parkplatz geplant ist.
Rücker kritisiert: „Die Baumschutzkommission hätte über die Fällung informiert werden müssen.“ Tatsächlich sei die Baumschutzkommission heuer nicht zusammengetreten, weil es keine zu beobachtenden Bäume gab, erklärt dazu der Vorsitzende der Baumschutzkommission, FWG-Stadtrat Michael Lindmair. Die Entscheidung über die Buche habe letztlich der städtische Bauausschuss getroffen – in diesem Fall die „höhere Instanz“: Dort sei die Abwägung unterm Strich die gleiche gewesen wie zuvor in der Baumschutzkommission: Der kaum zu rettende Baum sollte nicht die Schaffung von günstigem Wohnraum verhindern.
Abriss des Holzner-Hauses ist für Anfang 2020 vorgesehen
„Die Buche war schon sehr in Mitleidenschaft gezogen.“ Der Ausschuss entschied sich für die Fällung, damit die vorgeschriebenen Stellplätze geschaffen werden können. Als Ausgleich seien Neupflanzungen vorgesehen. In der Gesamtheit hält Lindmair das für „eine sinnvolle Entscheidung“.
Der Abriss des bestehenden Holzner-Hauses an der Königsdorfer Straße 79 ist laut Otterbach übrigens für Ende Januar/Anfang Februar 2020 vorgesehen. Danach solle ab Sommer 2020 das neue Gebäude errichtet werden, dessen Baukörper „insgesamt etwas größer als beim jetzigen Haus“ werde.
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Man rechne mit einer Bauzeit von einem bis eineinhalb Jahren. Der Massivholzbau soll dann sechs Vier-Zimmer- und drei Drei-Zimmer-Wohnungen umfassen und – als Ergänzung zu den kleinen Apartments im Wohnhaus an der Osterleite – Familien bezahlbaren Wohnraum bieten.
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