Grenzkontrollen, Baustellen und Facebook

„Ich bin noch nicht fertig“: Freilassings Bürgermeister Markus Hiebl tritt wieder an – und spricht Klartext

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Markus Hiebl ist ein Macher, dass er mit Bauthemen seine Freude hat, zeigt er bei unterschiedlichen Terminen in Freilassing.
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Diese Nachricht kommt überraschend: Bürgermeister Markus Hiebl kündigt im Exklusiv-Interview mit BGLand24.de seine erneute Kandidatur für 2026 an. Warum er trotz 80-Stunden-Wochen weitermachen will, was sein „stiller Aufschrei“ gegen die Grenzkontrollen bedeutet und wann sein Facebook-Profil wieder zum Leben erwacht.

Freilassing – In einem Exklusiv-Interview mit BGLand24.de gibt Bürgermeister Markus Hiebl erstmals bekannt, dass er es 2026 bei der Bürgermeisterwahl noch einmal wissen will. „Ich werde wieder antreten, das ist meine persönliche Entscheidung.“ Mangels eigener Partei im Hintergrund müsse ihn aber wieder eine unabhängige Wählergruppe aufstellen, wie schon vor fünf Jahren. Ob diese Wählergruppe dieses Mal auch bei der Kommunalwahl antritt, also auch Kandidaten für den Stadtrat aufstellt, will Hiebl nicht kommentieren, das müsste die Gruppe entscheiden. Einen oder gar mehrere Gegenkandidaten für das Bürgermeisteramt gibt es offiziell übrigens noch nicht.

Hiebl (51) hat also Lust auf noch einmal fünf Jahre, und das, obwohl die Herausforderungen für alle Kommunen und damit auch für Freilassing immer größer werden. Die Aufgaben und damit die Ausgaben wachsen, die Einnahmen schrumpfen – eine ungute Gemengelage für eine Stadt, deren Bevölkerungszahl stetig wächst und damit auch die Anforderungen an die Infrastruktur wie Kindergärten und Schulen. „Das Nettosteueraufkommen sinkt, aber die sozialen Herausforderungen steigen, also zum Beispiel die Integrationsleistungen.“

„Aufschrei in der Stille“, Hiebl zu 24-Stunden-Grenzkontrollen

Seine Haltung zu Migration ist nicht klar festzumachen. Einerseits betont er bei Veranstaltungen immer mit einem gewissen Stolz, Freilassing sei die Stadt der 100 Nationen, andererseits wehrt er sich, wenn es gilt, weitere Asylbewerber in seine Stadt zugewiesen zu bekommen. Auch beim Thema Grenzkontrollen ist seine Haltung ambivalent: Er ist nicht gegen die Grenzkontrollen an sich und schreibt keine Brandbriefe nach Berlin, das würde auch die Mehrheitsverhältnisse in Freilassing nicht widerspiegeln, immerhin haben bei der jüngsten Bundestagswahl fast 60 Prozent Parteien gewählt, die strenge Grenzkontrollen befürworten.

Aber Hiebl muss auf der Seite der Wirtschaft stehen, die schon wieder über Umsatzeinbußen klagt, im Schnitt 20 Prozent, in manchen Branchen weit mehr. Er verweist auf ein Interview, in dem er seine kritische Haltung zu den dauerhaften Kontrollen an den Grenzübergängen zum Ausdruck brachte. „Die stichprobenartigen, temporären Kontrollen waren doch erfolgreich, das zeigen die Zahlen der Bundespolizei“, so Hiebl. Die 24-Stunden-Kontrollen seit dem 8. Mai an der Saalachbrücke würden zwar „interessante kriminalistische Fälle“ aufdecken, „aber dienen sie dem eigentlichen Ziel, die kritische Migration einzudämmen?“. Seinen Protest will er als „Aufschrei in der Stille“ verstanden wissen. Das soll heißen: keine Brandbriefe nach Berlin, dafür vor Ort mit Landrat und Bundespolizei eine Möglichkeit suchen, wie die Grenzkontrolle an der Saalachbrücke effektiver organisiert werden kann, zum Beispiel durch zwei Kontrollspuren statt derzeit einer. Die Entscheidung für die verschärften Grenzkontrollen will Hiebl nicht kommentieren: „Wir leben in einer Demokratie und getroffene Entscheidungen sind anzuerkennen.“ Einen öffentlichen Protest oder Ähnliches kann sich Hiebl also nicht vorstellen: „So ein Aufschrei dient ja nur dazu, dass man einmal in der Presse steht, aber wir brauchen ja Lösungen.“

„Baustellen sind immer problematisch!“

Die Geschäfte klagen über Umsatzeinbußen, die Stadt selbst auch. Trotzdem investiert die Stadt kräftig, zum Beispiel in notwendige Schulbauten. Aber auch in den „Ausbau“ der Münchener Straße, dessen zweite Etappe 2,7 Mio. Euro verschlingt. Davon übernimmt die Stadt 1,2 Mio. Euro für den Gehweg-„Neubau“. Unter „Ausbau“ ist eine Sanierung der Fahrbahn und ein neuer, eigener Radstreifen zu verstehen. Dass 2,7 Mio. Euro viel klingen, ist für Hiebl notwendig, „denn schiebt man Sanierungen in die Länge, wird es meistens noch teurer“. Dass die Münchener Straße die wichtigste Ost-West-Verbindung ist und Betriebe im Westen vor den Folgen der Baustelle zittern, nimmt der Bürgermeister ernst: „Darum machen wir ja Informationsveranstaltungen, aber klar ist, eine Baustelle bleibt eine Baustelle und die sind immer problematisch.“

Hiebls Ansage war, er will einen Investitionsstau auflösen, zu manchen Neubauten wie hier der Grundschule zwingt die Stadt aber ganz einfach der Zuzug.

Die Kritik im Rahmen einer Informationsveranstaltung, dass sich das WIFO und die Stadt nur um die Innenstadt kümmern würden, weist Hiebl zurück. „Schauen Sie in die Sägewerkstraße, wie sich hier ein ehemaliger Schandfleck gut entwickelt hat. Das Viertel, ich möchte es fast Quartier nennen, entwickelt sich städtebaulich sehr gut.“ Hiebl meint neue Wohnbauten auf dem ehemaligen Aldi-Areal und Gewerbe auf dem ehemaligen Alpine-Gelände. Betriebe und Geschäfte in diesem Bereich hatten sich früher in Gewerbeschauen präsentiert, die letzte war aber bereits vor fünf Jahren.

Dass Geschäfte in Innenstädten Probleme haben, ist bekannt, da ist die Hauptstraße in Freilassing keine Ausnahme, aber Hiebl will sich damit nicht abfinden. „Wir müssen ohnehin Wasserleitungen in der Hauptstraße sanieren und danach soll zum Beispiel die Oberfläche barrierefreier werden“, also keine Pflastersteine mehr.

Gesundheitshaus abhängig von Investor

Eines seiner Top-Themen ist das ehemalige Krankenhaus, das nun durch einen Neubau ergänzt zu einem Gesundheitshaus werden soll, neuerdings etwas sperriger Gesundheits-Kompetenzzentrum genannt. Stört ihn nicht eine gewisse Abhängigkeit von nur einem Investor – Max Aicher – der den Bau, aber nicht den Betrieb finanzieren will? „Man ist oft abhängig von Investoren, aber hier ist es doch klar erkennbar, dass der Investor ein persönliches Interesse hat, immerhin hat er auch schon ein MRT gestiftet.“ Das Krankenhaus hatte eine zentrale Bedeutung über Freilassing hinaus, das werde auch beim Gesundheitshaus so sein. Ob und wie viele Ärzte und Fachärzte sich am Ende in dem Haus ansiedeln wollen, stehe noch nicht fest, es gebe noch keinerlei schriftliche Zusagen.

Facebook nur im Wahlkampf?

Bis zur Kommunal- und Bürgermeisterwahl am 8. März 2026 ist noch ein wenig Zeit, von Wahlkampf ist in Freilassing noch nichts zu merken. Die anderen Parteien haben auch noch keinen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt. Aber die Frage ist doch erlaubt, warum Hiebl – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – auf Werbung in eigener Sache, zum Beispiel auf Facebook oder Instagram, so gar keinen Wert legt? Die „Markus Hiebl“-Politikerseite auf Facebook hat gerade einmal 700 Follower, der letzte Eintrag ist ein Jahr alt, 2022 war er zumindest noch etwas „aktiver“. Seine eigene Website markushiebl.de hat auch schon bessere Zeiten erlebt, der letzte Eintrag ist vom März 2021. Hiebl kennt die Schattenseiten von Postings auf Facebook & Co., die nicht selten verletzende und herabwürdigende Kommentare nach sich ziehen: „Ich möchte lieber den persönlichen Kontakt.“ Aber, jetzt schimmert der Wahlkampf schon ein wenig durch, rechtzeitig vor der Wahl wird er seine Facebook-Seite wohl doch wieder aktivieren und bespielen.

Eine Möglichkeit, mit dem Bürgermeister ohne Termin ins Gespräch zu kommen, bieten zumindest die von ihm eingeführten Bürgerdialoge, bisher sechs an der Zahl. Hier sind zwar Themen grob vorgegeben, aber wenn sich jemand über vermeintlichen Lärm in seiner Straße beschweren will, ist er im Bürgerdialog auch richtig. Zum jüngsten Dialog unter anderem zum Thema „Grenzkontrollen“ waren nur acht Besucher gekommen – ein Zeichen für Desinteresse oder vielleicht ein Zeichen dafür, dass die Bürger ohnehin mit allem zufrieden sind, auch mit dem Bürgermeister? Hiebl lacht, das will er nicht beurteilen, aber er habe keine Erwartungshaltung, die Tür stehe bei diesen Dialogen für alle offen.

Für die Bürgermeisterwahl im März kommenden Jahres hat der 51-Jährige naturgemäß schon eine Erwartungshaltung, und während es auch im Landkreis Politiker gibt, die nach einer Wahlperiode hinwerfen, hat Hiebl Gefallen am politischen Betrieb gefunden, „auch wenn es in der Regel 70- bis 80-Stunden-Wochen sind“. Mit seiner Familie, unter anderem zwei Teenagern, 12 und 14 Jahre alt, habe er seine Wiederkandidatur auf alle Fälle besprochen und sich ihre Unterstützung gesichert.

Markus Hiebl wurde am 15. März 2020 mit 57,2 Prozent im ersten Wahlgang zum Ersten Bürgermeister von Freilassing gewählt und trat damit die Nachfolge von Langzeitbürgermeister Josef Flatscher an. Zuvor war der 1973 in Freilassing geborene Hiebl von 2005 bis 2017 beim Bauamt der Stadt Freilassing und anschließend beim Landratsamt Berchtesgadener Land für das zentrale Gebäudemanagement zuständig. Den Wechsel 2020 vom Landratsamt in die Freilassinger Kommunalpolitik begründete Hiebl damals damit, dass er den Eindruck habe, „dass ich in Freilassing noch nicht ganz fertig geworden bin“. Das könnte doch auch die Botschaft für die neuerliche Kandidatur sein: „Ich bin noch nicht ganz fertig.“ (hud)

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