VonVolker Ufertingerschließen
Die Wanderausstellung „,Euthanasie im Landkreis“ ist bis 10. Mai im Gautinger Rathaus zu sehen. Es gibt zahlreiche lokale Bezüge.
Gauting – Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde es schlagartig lebensgefährlich für alle, die nicht dem offiziellen Menschenbild entsprachen. Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, politische Gegner und viele andere mussten mit Verfolgung rechnen. Die Wanderausstellung „,Euthanasie‘ im Landkreis“ von Kreisarchivarin Friedrike Hellerer, die noch bis 10. Mai im Gautinger Rathaus zu sehen ist, richtet den Blick auf eine Opfergruppe, die bislang kaum wahrgenommen wurde – die körperlich und geistig Behinderten. Sie wurden als „lebensunwertes Leben“ denunziert und systematisch ermordet. 50 Euthanasie-Tote sind im Landkreis belegt, 200 Menschen wurden zwangssterilisiert, davon in Gauting etwa zehn.
Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger war es ein Anliegen, dass sich die Gemeinde dem schwierigen Thema stellt. „Wir stehen für Offenheit, Toleranz und Diversität“, sagte sie. Umso wichtiger sei es, an Zeiten zu erinnern, in denen diese Werte „mit Füßen getreten wurden“. Auch wenn von den 50 bestätigten Euthanasie-Toten im Landkreis keiner aus Gauting stamme, sei es wichtig, die Opfer nicht zu vergessen. Drei von sieben Tafeln, die im Foyer des Rathauses stehen, widmen sich Menschen, deren Schicksal Hellerer allen Widrigkeiten zum Trotz rekonstruieren konnte. „Ich empfinde es als meine Aufgabe, ihnen ein Gesicht und eine Stimme zu geben“, sagte sie bei der Eröffnung am Donnerstag.
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In dem Vortrag, den die Herrschingerin zur Eröffnung am Donnerstagabend hielt, machte sie deutlich, wie schwierig sich die Recherche gestaltet hat. Die Nationalsozialisten haben in den letzten Tagen des Regimes viel belastendes Material vernichtet. Auch in den Familien herrscht mitunter heute noch großes Schweigen über die Opfer, teils aus Schuldgefühlen, weil man die Angehörigen nicht schützen konnte. Doch auch in den Archiven war die Arbeit nicht einfach: Das Staatsarchiv in München etwa habe ihr rechtliche Konsequenzen angedroht für den Fall, dass sie die Namen der Zwangssterilisierten veröffentlicht. Davon will sie sich aber nicht abhalten lassen. Mit Rückendeckung von Landrat Stefan Frey wird sie demnächst die Namen der Opfer auf einer Internetseite nennen.
Für Gauting ist kein Fall belegt
Auch bei der Verfolgung Behinderter gingen die Nazis mit erschütternder Gründlichkeit vor. Schon im Juli 1933 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. „Das hatte man in der Schublade“, so Hellerer. In der Folge richteten die neuen Machthaber sechs Tötungsanstalten ein. Zeitgleich sammelte man aus Praxen im Reich Patientenbögen ein, die dann ein Ärztegremium im Schnelldurchgang begutachtete. „Niemand hat sich die Menschen persönlich angeschaut, die in den Tod geschickt wurden.“
In Gefahr schwebten vor allem Kranke, die auf öffentliche Fürsorge angewiesen waren – und folglich Geld kosteten. Wie Maria Mader, die im September 1917 in Herrsching zur Welt kam, sich von einer Gehirnenzündung nicht erholte und im Frühjahr 1941 in Schloss Hartheim bei Linz vergast wurde. Im Schreiben an Verwandte dachten sich die Behörden Todesursachen aus, etwa eine Lungenentzündung oder einen Nackenfurunkel. Und wenn eine Urne mit der Asche der Toten erbeten wurde, schütteten die Verantwortlichen irgendetwas hinein, aber nicht sterblichen Überreste der Opfer.
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Als der Bischof von Münster, Clemens August von Galen, im August 1941 eine beachtete Predigt gegen das Euthanasie-Programm hielt, trat eine neue Phase ein. Nicht, dass die Nazis vom systemtischen Morden abgelassen hätten. Doch nun wurde dezentral getötet. Etwa in Haar, wo man darauf spezialisiert gewesen ist, den Insassen nur „Hungerkost“ zu verabreichen. Sprich: Sie verhungern zu lassen. Oder sie so lange in ihren Exkrementen liegen zu lassen, bis es vorbei war.
Was Gauting angeht, ist kein Euthanasie-Toter belegt. Jedenfalls noch nicht, die Recherchen gehen weiter. Klar ist aber, dass sich knapp zehn Gautinger einer Zwangssterilisation unterziehen mussten. Die Männer mussten sich in die Nußbaumstraße in München begeben, die Frauen in die Maiklinik. Auch vor schwangeren Frauen wurde nicht Halt gemacht, viele verloren ihre ungeborenen Kinder. All das, findet Friederike Hellerer, darf nicht vergessen werden. „In Baden-Württemberg werden Stolpersteine für diese Opfer verlegt. Etwas Ähnliches sollten wir uns auch überlegen.“
