- VonCornelia Schrammschließen
Mittwochabend muss sich Bayerns Polit-Prominenz warm anziehen: Dann pilgert sie zum Nockherberg, um sich bei der Salvator-Probe die ein oder andere Watschn abzuholen. Das Derblecken in Fastenpredigt und Singspiel gehört zur Münchner Traditionsveranstaltung wie das Starkbier! Aber seit wann gibt‘s die eigentlich – und ging‘s da immer schon so ruppig zu?
Der Salvator: Wer hat‘s erfunden?
Die Mönche im Paulanerkloster in der Au schenkten seit 1751 jedes Jahr mit kurfürstlicher Genehmigung Braunbier an Festbesucher aus – für acht Tage, immer ab dem 2. April, dem Namensfest des Ordensgründers Francesco di Paola. Dieses „Heilig-Vater-Bier“ war ein Fest- und kein Fastenbier und dafür bis 1795 der Braumeister Bruder Barnabas Still verantwortlich. Der Name Salvator taucht 1808 erstmals auf, wie Historiker Richard Winkler in seinem Buch „Der Salvator auf dem Nockherberg – Zur Geschichte der Münchner Paulanerbrauerei und ihres weltberühmten Starkbieres“ (2020, Volk-Verlag) schreibt.
Dreistigkeit siegt: Brauer pfeift auf Gesetze
Nach der Säkularisation hatte der Münchner Brauer Franz Xaver Zacherl (1772-1849) die Ex-Klosterbrauerei fortgeführt. Entgegen des Gebots, das bis 1848 nur dem Hofbräuhaus erlaubt hatte, Bockbier zu verkaufen, ließ Zacherl 1808 das Starkbier als Salvator aufleben. Trotz Ärger mit Gerichten und Polizei umging er die Monopol-Regel von 1813 bis 1816 und ab 1820 jedes Jahr leidenschaftslos. Die Obrigkeit duldete das nur, um einer Bierrevolution aus dem Weg zu gehen. König Ludwig I. erließ erst 1837 die Ausnahmeregelung.
Paulaner braut sein Starkbier nach einem Kultrezept von 1834
Schon Zacherl wusste um die Macht der Werbung: 1830 berichtet eine Zeitung, dass die Paulaner-Mönche Kurfürst Maximilian III. einst in ihr Kloster eingeladen und ihm den ersten Schluck Salvator als Dank für die erste Ausschankgenehmigung angeboten hatten. So kluge PR brachte das Starkbier unters Volk – nicht nur am 2. April, sondern von Aschermittwoch bis Karfreitag. 1861 öffnete der Salvatorkeller auf dem Nockherberg, wo fortan der Anstich stattfand. Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv der Industrie- und Handelskammer liegt das Original-Rezept für den Salvator von 1834. Übrigens: Heutzutage hat der Doppelbock mit satten 7,9 Prozent doppelt so viele Umdrehungen wie damals!
Der berühmte Trinkspruch entsprang einer Werbung
„Salve pater patriae. Bibas, princeps optime!“ Dieser Spruch stand 1894 erstmals auf einer Paulaner-Werbeanzeige. Das Logo mit Mönch (und Kurfürst) wird bis heute verwendet. Und bis heute überreicht der Paulaner-Geschäftsführer mit den Worten „Sei gegrüßt, Vater des Vaterlandes! Trinke, bester Fürst!“ die erste Mass an den Ministerpräsidenten. Stopp: Heuer macht das ja erstmals Luise Kinseher, die von 2011 bis 2018 als Mama Bavaria die erste weibliche Fastenpredigerin war.
Vom Schauplatz der Salvator-Schlacht zum Hochsicherheitsberg
Die Salvatorschlacht von 1888 ist berühmt. Ein Scharmützel zwischen Soldaten und Bürgerlichen artete damals zur Massenschlägerei mit 500 Beteiligten aus. Stöcke und Masskrüge flogen. Damals fand der Salvator-Anstich noch am Neudeck am alten Brauereigebäude statt. Vom Saal aus griff das große Prügeln auf den Biergarten über. Dem konnte die Staatsmacht nur Herr werden, indem 50 schwere Reiter eingesetzt wurden. Die Säbel schwingend hat das Militär Biergarten und Saal geräumt. Krawall und Remmidemmi gibt‘s heute nur noch verbal. Wenn sich Bayerns Politprominenz heute zum Anstich trifft, wird der Nockherberg zur Hochsicherheitszone.
Salvator-Probe: Seit wann kriegt der Ministerpräsident den ersten Schluck?
Im Zweiten Weltkrieg ist der Keller fast komplett zerstört worden. Erst 1950 feiert man wieder Salvator-Probe. Und Bernhard Scheublein, Vorstand der Paulaner-Salvator-Thomasbräu AG, kann 1965 Ministerpräsident Alfons Goppel für einen Auftritt auf seiner Bühne gewinnen. Schon zu Zacherls Zeiten hatten Vertreter der Stadt, Kirche, Kultur und Wirtschaft mit Starkbier angestoßen. Seit 1891 und dem Volkssänger Jakob Geis gehört auch das Derblecken zum Spektakel. Anfangs waren vor allem Gerüchte um Stammgäste Zentrum des Spottes, als Ende der 1950er mehr und mehr Politiker kommen und schließlich Rundfunk und Fernsehen das Event bis in die Wohnzimmer ausstrahlen, müssen diese in der Predigt und seit 1972 im Singspiel die ein oder andere Watschn einstecken.
Live im Fernsehen
Am Mittwoch, 12. März, sendet das Bayerische Fernsehen ab 19 Uhr live vom Nockherberg.
Das Starkbierfest wird zum Politikum
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Starkbierausschank vorverlegt – und auf 16 Tage ausgedehnt. Da regt sich Protest: Vertreter der Kirchen wetterten gegen die nach Fasching nahtlos weiterlaufende Völlerei zur Fastenzeit. Die CSU – sie trägt bekanntlich das „christlich“ im Namen – beschloss 1959, dass kein Landtagsabgeordneter mehr zur Salvator-Probe gehen sollte. Nur einer brach diese Blockade, und zwar im selben Jahr: der „Ochsensepp“, Münchens CSU-Chef Josef Müller. Er plante ja, Oberbürgermeister zu werden.
Skandale, Eklats und Befindlichkeiten
Der legendäre Gstanzlsänger Roider Jackl nahm kein Blatt vor den Mund. Er sang vom Obersalzberg und 1958 über Franz Josef Strauß: „Unser Verteidigungsminister/ Geht schwer auseinand / Und wenn er so weitermacht/ Passt ihm bald Göring sein Gwand“. 25 Jahre später sehen wieder viele Rot: Franz Josef Strauß, inzwischen Landesvater, wird gekrönt! Und zwar nicht nur das Double Walter Fitz, sondern auch das „Original“. 2010 hat die Fastenpredigt von Bruder Barnabas Michael Lerchenberg hohe Wellen geschlagen: In einer Passage ließ FDP-Chef Guido Westerwelle Hartz-IV-Empfänger in Lager sperren. Der KZ-Vergleich sorgte für Empörung. Lerchenberg warf hin.
In ist, wer drin ist: Die Gäste am Nockherberg
Das Probetrinken hatte sich schon unter Brauer-Legende Zacherl zum exklusiven Ereignis gemausert. 1887 bewirtet Paulaner 300, ab 1891 rund 600 geladene Gäste. So ist‘s bis heute. Paulaner hat sich sein Hausrecht auf dem Nockherberg erhalten und lädt jedes Jahr Politiker, Geschäftspartner, Freunde des Hauses und viele bekannte Münchner Gesichter ein.
1955 etwa kam Kaiserin Soraya und 1957 nippte „Sissi“ Romy Schneider am Salvator. Die spätere Kanzlerin Angela Merkel saß als CDU-Generalsekretärin mehrere Jahre vor der Bühne. Normalsterbliche können nicht beim Spektakel dabei sein. Für Nachbarn aus der Au reserviert Paulaner aber jedes Jahr einen Tisch. (sco)






