Ende einer Ära

Nach 126 Jahren im Peitinger Marktgemeinderat ist Schluss

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Abschied von der politischen Bühne: Die drei CSU-Urgesteine Herwig Skalitza, Pankratia Holl und Gerhard Heiß (v.l.) werden nach Jahrzehnten im Peitinger Gemeinderat im neuen Gremium nicht mehr vertreten sein.
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Wenn am 12. Mai der neue Gemeinderat in Peiting zu seiner ersten Sitzung zusammenkommt, werden drei Urgesteine der CSU fehlen. Stolze 48 Jahre saß Gerhard Heiß für die Christsozialen am Ratstisch, seine Fraktionskollegen Herwig Skalitza und Pankratia Holl stehen ihm mit 42 respektive 36 Jahren Gremiumsarbeit nur wenig nach. Ein Gespräch über Wahlkämpfe mit Franz Josef Strauß, die größten Enttäuschungen und was ihre Nachfolger beherzigen sollten.

Wann ist Ihre Entscheidung gefallen, nicht mehr für den Gemeinderat zu kandidieren und warum?

Skalitza: Die Entscheidung, dass es meine letzte Periode im Gremium sein wird, ist bei mir bereits vor sechs Jahren gefallen. Nach einer solch langen Zeit muss man den Platz für neue und jüngere engagierte Bürger frei machen. Ich wollte auch das Aufhören selbst bestimmen und nicht hören: Wann geht er denn endlich? Und für mich ist jetzt auch noch die Zeit, neue Aufgaben zu entdecken, anzunehmen und sich dort, wo man Lust hat, einzubringen und zu engagieren.

Holl: Eigentlich wollte ich schon bei der vorherigen Wahl nicht mehr kandidieren. Aber damals war es schwierig, die Liste vollzubringen. Deshalb hab’ ich mich nochmal aufstellen lassen. Im Nachhinein bin ich froh darüber, nach dem Tod von meinem Mann vor zwei Jahren hat mir die Arbeit im Gremium gut getan.

Heiß: Vor sechs Jahren, als ich mich letztmals zur Verfügung stellte. Man wird älter und es soll rechtzeitig ein kontinuierlicher Generationswechsel stattfinden.

Ist Ihnen der Entschluss schwer gefallen?

Skalitza: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte mich schon darauf innerlich vorbereitet. Zudem weiß ich, dass die engagierte Arbeit im Gemeinderat von Peter Ostenrieder und der gesamten CSU-Fraktion fortgeführt wird. Da werde ich mich nicht einmal mehr einmischen, denn die werden vieles anders machen, aber alles zum Wohle unserer Heimatgemeinde.

Holl: Nein, ich bin jetzt 76. Ich wollte immer vermeiden, dass die Leute sagen, was macht die in so einem Alter noch da. Froh bin ich, dass es zwei neue kompetente Frauen für die CSU in den Gemeinderat geschafft haben. Die Nachfolge ist gesichert.

Heiß: Einfache Antwort: Nein.

Nach so vielen Jahren im Gremium: Können Sie sich noch erinnern, warum Sie damals zum ersten Mal für den Gemeinderat kandidiert haben?

Skalitza: Ja, ich war schon aktiv in der Katholischen Jugend und wurde durch Freunde wie Karl Zedelmaier und Rupert Bader für die Junge Union begeistert, wo ich den Vorsitz übernahm. Karl Fliegauf als Bürgermeister mit seinem Sachverstand fand ich damals beeindruckend. Und als Klement Sesar sich auch auf Bitte der Jugend bereit erklärte, 1978 als Bürgermeister zu kandidieren, war ich einer seiner Anhänger. Da war klar, dass ich hier aktiv mitzumachen wollte.

Holl: Ich war damals Ortsbäuerin, es wurde gerade die Umgehung geplant. Das war auch für die Landwirtschaft eine wichtige Sache, da wollte ich mitreden. Und neben der Arbeit war die Ortspolitik ein guter Ausgleich. Als Bäuerin musste ich mir im Gremium aber erst einmal Respekt verschaffen.

Heiß: Seit der Schulzeit war ich heimatkundlich interessiert. Mit Beginn der Berufsausbildung trat ich der Jungkolpinggruppe bei. Zum Programm von Adolph Kolping gehört auch das Leben in der Gemeinschaft, sich für das Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen.

War der Wahlkampf damals vergleichbar mit dem jetzigen?

Skalitza: Es wurde damals viel mehr plakatiert. Es gab auch große Wahlkampfveranstaltungen mit Franz Josef Strauß. Und die Junge Union spielte eine große Rolle.

Holl: Das war schon anders. Es gab damals ja nur drei Parteien. Wir von der CSU haben viele Ortsteil-Versammlungen gemacht. Da war auch das Interesse der jungen Leute groß. Und natürlich gab es viel mehr Infostände, das Internet gab es ja noch nicht.

Heiß: 1972 war im Vergleich zur „Kuschelrunde 2020“ ein harter Wahlkampf. Als ehemaliger Bergwerksort gehörte Peiting zu den Hochburgen der SPD im Landkreis. Ihr Kandidat Adolf Kapfer machte sich große Hoffnungen und lag am Ende nur um 439 Stimmen hinter Amtsinhaber Karl Fliegauf zurück. Die Bonner Politprominenz mischte auch kräftig mit. Kapfer bekam Unterstützung von Bundesarbeitsminister Walter Arendt. Die abschließende Kundgebung der CSU mit Franz Josef Strauß in der TSV-Halle mit Lautsprecherübertragung nach außen hatte hohen Unterhaltungswert.

Wenn Sie auf Ihre erste Gemeinderatsperiode zurückblicken: Wissen Sie noch, welche Themen die Peitinger damals besonders beschäftigt haben?

Skalitza: Natürlich. 1979 wurden Pläne bekannt, dass die Bahnstrecke Schongau-Weilheim stillgelegt werden sollte. Die CSU-Fraktion organisierte den Protest von Schülern, Pendlern, Eltern und Betriebsräte und mit einer großen Beteiligung der Bevölkerung konnten wir die Pläne bei der Regierung verhindern. Dann der Bau der Mehrzweckhalle und des Sportstadions, dazu der Abzug der Armen Schulschwestern nach 124 Jahren von Peiting. Das heisseste Thema aber war der Beginn der Umgehungsstraßendiskussion und der Kampf um die bessere Variante Ost oder Süd.

Holl: Ganz klar der Bau der Umgehung. Gleich im Juli nach der Gemeinderatswahl 1984 war die entscheidende Abstimmung, ob die Ost- oder die West-Variante realisiert werden sollte. Da war der Pfarrsaal gesteckt voll. Die Mehrheit war für West, ich selbst habe für Ost gestimmt. Dass ich später beim Planverfahren dieser demokratischen Entscheidung folgte und ebenfalls für West stimmte, hat nicht jedem gefallen. Am Hof wurden Reifen zerstochen, ein Feuer gelegt und im Stall eine Kuh vergiftet. Da war ich kurz davor, hinzuschmeißen. Mein Mann hat aber gesagt, jetzt machst erst mit Fleiß weiter.

Heiß: Vorrangig galt es, nach der Bergwerkschließung die Wirtschaftskraft zu stärken: Grundstückskäufe, Ansiedlung von Fachärzten, Ausweisung von Bauplätzen. Weitere Schwerpunkte waren die Schulraumnot, der Hochwasserschutz und die Müllfrage. Es konnten aber auch das Kunsteisstadion gebaut, die Peitnach saniert und das Moorbad zu einem beheizten Wellenbad umgestaltet werden. Zur Errichtung des Altenheimes erhielt die AWO kostenlos ein Grundstück. Hohe Wellen hat damals auch das von einem Investor geplante private Seniorenwohnheim über den Dächern von Peiting geschlagen, das letztendlich durch den Negativbebauungsplan Moosbachkessel verhindert wurde.

Wenn Sie Ihre Zeit als Gemeinderat Revue passieren lassen: Worauf sind Sie besonders stolz?

Skalitza: Die überwiegend sehr gute Zusammenarbeit im Gemeinderat. Auf den echten „Peitinger Geist“ mit wahnsinnig viel Engagement und Begeisterung der fleißigen Bevölkerung. Dass wir eine hochattraktive Infrastruktur mit Unternehmen jeder Größenordnung schaffen konnten. Dass Birkland sich trotz Eingemeindung als quasi selbstständige Dorfgemeinschaft durchsetzen konnte. Dass die Gemeinde schuldenfrei ist und wir Vorsorge für die großen Bauvorhaben getroffen haben.

Holl: Dass wir in den 80er Jahren als erste Gemeinde im Landkreis eine Entschädigung für landwirtschaftliche Flächen im Wasserschutzgebiet beschlossen haben, die es heute noch gibt. Ein besonderes Erlebnis war auch, dass ich 1988 die Peitinger Delegation als Vertreterin der Gemeinde nach Calvi begleiten durfte. Ich habe damals den Bürgermeister Gaetano Trandafilo spontan zum Lechgautrachtenfest eingeladen. Die waren so begeistert von Peiting. Ein Jahr später wurde dann der Freundschaftsvertrag geschlossen.

Heiß: Es freut mich, dass wir zum Abschied einen geordneten Haushalt ohne Schulden übergeben können. Die Sanierung der alten Mädchenschule ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, gutes Altes zu erhalten. Zu einer erfolgreichen Arbeit gehört es, dass die Bürger bereits im Vorfeld „mit ins Boot“ genommen werden. Ein gelungenes Beispiel ist der Fuß- und Radweg zwischen Peiting und Ramsau, der über die Zufahrt der alten Linde hinaus bis zum Schnaidberg verlängert und durch einen Tunnel mit der Untereggstraße verbunden wurde. Heute haben wir dadurch eine überregionale Radwegverbindung.

Was war dagegen für Sie die größte Enttäuschung in Ihrer Politik-Laufbahn?

Skalitza: Oh, da würde ich gar nichts nennen. Ich habe gelernt, das persönliche Befinden in den Hintergrund zu stellen und mich auf die vielen Aufgaben zu konzentrieren. Es hat alles unwahrscheinlich Freude gemacht und ich bin zu fast jeder Fraktions- und Gemeinderatssitzung gerne hingegangen. Und aus Themen, bei denen man nicht seine Meinung durchsetzen konnte, habe ich am meisten gelernt.

Holl: Da muss ich den aktuellen Wahlkampf nennen. Da waren so viele unberechtigte Vorwürfe gegen Bürgermeister Michael Asam, das hat richtig weh getan. Ihm ist es eine Zeit lang deswegen auch nicht gut gegangen.

Heiß: Der Bau der Süd-West-Umgehung anstelle einer Nord-Ost-Umfahrung mit Anbindung des Industriegebietes an der Dießener Straße und der Papierfabrik in Schongau. Dies wäre für den Tourismus besser gewesen und wir hätten auch nicht die Probleme mit dem Schwerlastverkehr durch den Ort.

Wie hat sich die Arbeit im Gemeinderat verändert, wenn Sie Ihre Anfangszeit mit heute vergleichen?

Skalitza: Die CSU hatte ja die ersten 18 Jahre eine eigene Mehrheit. Da musste man erst um die besten Lösungen in der Fraktion kämpfen, um sie dann auch im Gemeinderat mehrheitsfähig zu machen. Mit Beginn der Amtszeit von Michael Asam mussten alle lernen, dass andere Mehrheitsverhältnisse auch mehr Diskussion untereinander fordern um die Entscheidung für den richtigen Weg. Dank der CSU-Fraktion hat sich auch der Ton und die Zusammenarbeit im Gemeinderat die letzten 24 Jahre zunehmend im positiven Sinne verbessert.

Holl: Es werden Beschlüsse quer durch alle Fraktionen gefasst, das war früher nicht der Fall. Da ging es eher gegeneinander. Dabei sollte es immer um die Sache gehen und nicht darum, recht zu bekommen.

Heiß: Sie ist harmonischer geworden, wobei ich es durchaus legitim finde, als „Querdenker“ eine eigene Meinung standhaft gegen den Zeitgeist zu vertreten.

Sie haben sich oft in öffentlichen Sitzungen zu Wort gemeldet und immer eine klare Meinung vertreten. Würden Sie sagen, dass dies einer der Gründe war, warum die Wähler Ihnen über viele Jahre ihre Stimme gegeben haben?

Skalitza: Ich hatte für mich und wir auch in der Fraktion immer ein klares Programm für die Entwicklung Peitings. Und das nicht nur aus der Tagespolitik heraus, sondern weit vorausblickend. Und da habe ich zu allen wesentlichen Punkten eine klare Meinung eingenommen. Dazu gehörte aber auch, sich zuvor mit den Bürgern auseinanderzusetzen. Und man muss auch kompromissfähig sein, denn andere haben auch recht, egal von welcher Fraktion der Vorschlag kommt.

Holl: Wahlkampf ist das ganze Leben und nicht nur im Jahr vor der Wahl. Ich denke, die Wähler haben immer geschätzt, dass ich ehrlich war, meinen Standpunkt vertreten habe und andere Meinungen akzeptieren konnte. Für das Vertrauen danke ich.

Heiß: Das kann ich nicht beurteilen, diese Frage müssten Sie meinen Wählern stellen.

Im neuen Gremium werden viele Neulinge sitzen. Welchen Rat können Sie Ihren Nachfolgern geben?

Skalitza: Aufmerksam zuhören, sich genau in die Themen einarbeiten. Einfach auch mal frech sein und sich einmischen, aktiv mitmachen. Auch bei Gegenwind und vielen Zuhörern seine Meinung vertreten.

Holl: Zusammenarbeiten, den Bürgermeister unterstützen, bei Entscheidungen immer Peiting im Blick haben. Eine Streitkultur pflegen, bei der man sich nachher wieder in die Augen sehen und gemeinsam im Central sitzen kann. Das gehört auch dazu.

Heiß: Verantwortungsbewusst mit den von den Bürgern erbrachten Steuergeldern umgehen. Durch Kurse sich Kompetenz aneignen und immer nach dem gesunden Menschenverstand abwägen. Schaut auf unser Peiting!

Was werden die dringendsten Aufgaben für den neuen Gemeinderat sein?

Skalitza: Der Neubau Marienheim muss kommen. Die wichtigsten Neubauten für unsere Kinder sind zu beschließen. Die Wunden des Wahlkampfes müssen verheilen und eine gute Zusammenarbeit muss wieder im Vordergrund stehen. Die Corona-Krise wird uns stark fordern. Das wirkt sich auf die Gemeindefinanzen aus. Ich rechne mit einem Rückgang von 50 Prozent bei der Gewerbesteuer und bis zu 20 Prozent bei der Lohn- und Einkommensteuer. Projekte, die nicht zwingend notwendig sind, müssen vorerst auf Eis gelegt werden – dazu gehört Mut.

Holl: Die gute Infrastruktur muss aufrecht erhalten werden, gleichzeitig darf man den Haushalt nicht aus dem Blick verlieren. Und die Bauvorhaben, die der alte Gemeinderat auf den Weg gebracht hat, müssen so gut es geht umgesetzt werden.

Heiß: Die Weichen sind bereits im Advent 2019 vom alten Gemeinderat durch die Verabschiedung des Haushalts gestellt worden. Auf Grund der Coronakrise können sich durchaus neue Prioritäten ergeben wie die Rückbesinnung, dass Bauernland für uns alle wertvoll ist und sorgsam mit den Ressourcen umzugehen ist.

Keine Gemeinderatssitzungen mehr, keine Fraktionstreffen, keine Ortstermine: Was werden Sie mit der neu gewonnenen Freizeit anfangen?

Skalitza: Oh, das wird neu gestaltet. Es wird mehr Zeit für die Familie, die drei Kinder und bald sechs Enkelkinder bleiben. Zeit für Garten, Zeit für mehr Bergtouren. Dann bleibt natürlich die Riesenaufgabe als Vorstand der DAV-Sektion Peiting. Den Peitinger Bauermarkt mache ich auch noch mit der Holl Pankratia weiter. Dazu die sozialen Projekte. Und mit den Peitingern stehen auch noch einige schöne Reisen auf dem Programm.

Holl: Ich hab’ ja noch den Bauernmarkt, dazu singe ich im Landfrauenchor Pfaffenwinkel und bin viel beim Nordic Walking. Wenn die Gemeinde mal eine Brotzeit für eine Veranstaltung benötigt, bin ich gern bereit zu helfen. Es wird sicher ruhiger werden, aber das darf es in meinem Alter auch.

Heiß: Die Zeit mit der Familie, Garten und Bienen genießen. Vor allem die Enkelkinder wollen den Opa sehen.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Skalitza: Meine CSU-Fraktion und die gute Zusammenarbeit mit den meisten Kolleginnen und Kollegen im Gemeinderat.

Holl: Das Zusammensitzen mit meinen Kollegen nach den Sitzungen im Central.

Heiß: Eigentlich nichts. Als Ortsheimatpfleger bleibe ich weiterhin mit der Verwaltung und dem Gemeinderat in Kontakt. Vermissen tu ich meine Wegbegleiter, die uns im Tod vorausgegangen sind.

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