Strom für 2000 Haushalte könnte produziert werden

„Enttäuschung ist groß“: Seit acht Jahren zieht sich Verfahren für neues Wasserkraftwerk in Oberbayern

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Am Wehr am Loisach-Isar-Kanal im Wolfratshauser Stadtteil Farchet wollen die Tölzer Stadtwerke und die Bayernwerk AG ein neues Wasserkraftwerk bauen. Das wasserrechtliche Verfahren zieht sich seit acht Jahren.
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In Wolfratshausen soll ein neues Wasserkraftwerk gebaut werden. Das Verfahren zieht sich inzwischen seit acht Jahren.

Wolfratshausen/Bad Tölz – Wäre alles nach dem Plan der Tölzer Stadtwerke und der Bayernwerk AG verlaufen, wäre 2017 am Loisach-Isar-Kanal ein Wasserkraftwerk in Betrieb gegangen. Rund 2000 Wolfratshauser Haushalte, das sind etwa 25 Prozent, würden mit Strom, gewonnen aus regenerativer Energie, versorgt. Doch noch immer ist das wasserrechtliche Verfahren nicht abgeschlossen. „Natürlich ist die Enttäuschung groß“, sagt Michael Bartels, Pressesprecher der Bayernwerk AG. „Wir wollen ja keinen Staudamm bauen.“ Auf der einen Seite strebe der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen an, im Jahr 2035 klimaneutral zu sein – und im konkreten Fall ziehe sich das Genehmigungsverfahren für ein Wasserkraftwerk zäh wie Kaugummi. „Das passt doch nicht zusammen“, bilanziert Bartels.

„Enttäuschung ist groß“: Seit acht Jahren zieht sich Verfahren für neues Wasserkraftwerk in Oberbayern

Im Juni 2015 beantragte die Wasserkraft Farchet GmbH, gegründet von den Tölzer Stadtwerken (40 Prozent Anteil) und der Eon-Tochter Bayernwerk (60 Prozent Anteil), die wasserrechtliche Genehmigung für ein neues Kraftwerk an dem bestehenden Wehr am Loisach-Isar-Kanal. Rund 4,5 Millionen Euro wollte die GmbH investieren, die Turbine sollte etwa zwei Millionen Kilowattstunden Strom jährlich liefern. Eine laut Walter Huber, Chef der Tölzer Stadtwerke, eher vorsichtige Rechnung, theoretisch wären nach seinen Worten sechs Millionen Kilowattstunden pro Jahr möglich.

Doch die Mühlen der am Verfahren beteiligten Behörden und Fachstellen – allen voran die Regierung von Oberbayern, das Wasserwirtschaftsamt Weilheim und das Landratsamt in Bad Tölz – mahlen sorgfältig und langsam. „Es gab immer wieder Rückfragen, immer wieder neue Einzelauflagen, immer wieder Verzögerungen“, so Bayernwerk-Sprecher Bartels rückblickend. Schon 2019 drohte Stadtwerkeleiter Huber der Geduldsfaden zu reißen, denn noch immer war keine Entscheidung zur wasserrechtlichen Genehmigung gefallen. „Ich dachte, die Energiewende sei vom Staat gewünscht“, so Huber damals gegenüber unserer Zeitung. Er erinnerte daran, dass der Freistaat das Ziel ausgegeben habe, die Wasserkraft in Bayern bis zum Jahr 2030 um 50 Prozent auszubauen.

Wo genau sollen sogenannte Störsteine im Kanal positioniert werden?

Unter anderem musste die in Tölz beheimatete GmbH noch Details zu Spundwänden, zur Uferversteinung, zur Anzahl und Höhe der Bäume rund um das Wehr sowie zur genauen Positionierung sogenannter Störsteine liefern, die auf dem Grund des Kanals fixiert werden müssen. „Im Strömungsschatten dieser Störsteine finden Fische Laichplätze“, erklärt Bartels. Er betont, dass der Artenschutz beim potenziellen Bauherrn des Wasserkraftwerks einen hohen Stellenwert genieße. „Aber was ist mit dem Klimaschutz?“ Und: „Warum die geforderten Umplanungen trotz jeweils einvernehmlicher Abstimmung jedes Mal nachträglich neu vorgebracht wurden, entzieht sich unserer Kenntnis.“

Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens kam es immer wieder zu Verzögerungen aufgrund neuer Auflagen seitens der zuständigen Behörden. Diese waren derart umfangreich, dass konkrete Planungsteile und letztlich das gesamte Genehmigungsverfahren überhaupt neu bewertet und neu geplant werden mussten.

Michael Bartels, Pressesprecher der Bayernwerk AG

Im Januar 2021 ließen die Regierung von Oberbayern und die Kreisbehörde die GmbH wissen: Aufgrund der zahlreichen Einzelauflagen, die seit 2018 verfügt worden waren, sei es nun erforderlich, „die gesamte Planung noch einmal einzureichen“, berichtet Bartels. In diesem Kontext gibt er zu bedenken: „Wir reden hier übrigens bis auf den Tag nur übers Wasserrecht“ – das baurechtliche Verfahren stehe noch an.

Landratsamt-Sprecherin erklärt den Stand der Dinge

Die Sprecherin des Landratsamts, Sabine Schmid, erklärt zum Stand der Dinge: „Die Planungen wurden überarbeitet und ergänzt, deshalb müssen die Pläne noch einmal neu ausgelegt werden.“ Das erfolgt laut amtlicher Bekanntmachung der Stadt Wolfratshausen ab kommenden Montag, 23. Januar, bis einschließlich Freitag, 24. Februar, im Rathaus beziehungsweise auf der Homepage der Kommune. Schmid weiter: „Die ursprünglichen Antragsunterlagen waren insbesondere im Hinblick auf ökologische und naturschutzfachliche Belange zu vervollständigen und entsprechend den Abstimmungen mit den Fachbehörden zu überarbeiten und zu ergänzen.“ Kurzum: „Wir sind immer noch im wasserrechtlichen Verfahren.“

Im Zuge der öffentlichen Auslegung kann „jeder, dessen Belange durch das Vorhaben berührt werden, bis zwei Wochen nach Ablauf der Auslegungsfrist schriftlich oder zur Niederschrift bei der Stadt oder beim Landratsamt Einwendungen gegen das Vorhaben erheben“, so Bürgermeister Klaus Heilinglechner. Der Bayernwerk-Pressesprecher hofft, dass es keine oder nur wenige Einwendungen gibt. Aus der Sicht des Investors ist das nachzuvollziehen – denn mit jedem Einwand droht eine weitere Verzögerung des Projekts.

Acht Jahre nach Antragstellung „keinen großen Schritt weitergekommen“

„Der Planungsaufwand war unverhältnismäßig hoch“, meint Bartels. Der Bund, das Land, die Kreise und Kommunen riefen nach regenerativer Energiegewinnung – „und wir als regionaler Stromanbieter würden gerne unseren Teil dazu beitragen“. Doch acht Jahre nach Antragsstellung „sind wir genau genommen keinen großen Schritt weitergekommen“.

Bartels bleibt dennoch optimistisch. Sollte die wasserrechtliche Genehmigung zeitnah erteilt werden, sollte anschließend der Bauantrag bewilligt werden und die Aufträge für die diversen Gewerke vergeben werden können – dann könne („aber frühestens!“) Anfang kommenden Jahres der erste Spatenstich in Farchet erfolgen. Mit der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks sei demnach „vielleicht“ im Herbst/Winter 2024 zu rechnen.

Kostenschätzung aus dem Jahr 2015 inzwischen obsolet

Völlig abwegig sei natürlich mittlerweile die Kostenschätzung von 4,5 Millionen Euro aus dem Jahr 2015. Die Wasserkraft Farchet GmbH gehe von einer „Vervielfältigung“ dieser Summe aus. (cce)

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