Experten sprechen im Gautinger Rathaus

„Euthanasie im Landkreis“: Wie aus Ärzten Mörder wurden

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Stellten sich einem schwierigen Thema (v.l.): Prof. Michael von Cranach, Kreisarchivarin Dr. Friedrike Hellerer, Autor Robert Domes, die Gautinger Archivarin Regine Hilpert-Greger und Zweiter Bürgermeister Dr. Jürgen Sklarek.
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Zum Schluss der Wanderausstellung „Euthanasie im Landkreis“ suchten Experten eine Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet Ärzte im großen Stil töteten.

Gauting – „Euthanasie“: So nannten die Nationalsozialisten beschönigend ihren Massenmord an Menschen mit geistiger, seelischer und körperlicher Behinderung. Denn einen „schönen Tod“ erlebte niemand, im Gegenteil. Die Opfer wurden vergast, zu Tode gespritzt oder dem Hungertod überlassen. Dass dieses Grauen auch Menschen aus dem Fünfseeland widerfahren ist, zeigt Kreisarchivarin Dr. Friedrike Hellerer in der Wanderausstellung „,Euthanasie‘ im Landkreis“. Am Mittwoch fand die Finissage statt.

Archivarin Regine Hilpert-Greger hatte zwei absolute Experten für den Abend gewonnen. Der Psychiater Prof. Michael von Cranach hat lange Jahre das Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren geleitet und die schlimme Vergangenheit seines Hauses aufgearbeitet. Noch heute berät er das NS-Dokumentationszentrum in München beim Thema „Euthanasie“. Robert Domes hat das Schicksal von Ernst Lossa in dem Roman „Nebel im August“ thematisiert. Ihm wurde 1944 im Alter von 14 Jahren in der Kaufbeurer Zweigstelle Irsee ein tödliches Mittel injiziert.

Zweiter Bürgermeister Dr. Jürgen Sklarek sagte in seiner Begrüßungsrede: „Diese unmenschlichen Grausamkeiten dürfen einfach nicht vergessen werden.“ Aus dem Massenmord von damals lasse sich vor allem lernen, wie wichtig es ist, Behinderte nicht sozial auszugrenzen und zu stigmatisieren. Er dankte den Gästen, dass sie ihr Wissen an Schulen weitergeben. „Dort werden die Grundlagen gelegt.“

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Von Cranach stellte die Frage, warum ausgerechnet Ärzte, die Menschen doch eigentlich helfen sollen, mit dem Regime gemeinsame Sache machten. Er erzählte, dass bei einem ersten Treffen zwischen den Machthabern und den Eliten der deutschen Ärzteschaft nur ein einziger Mediziner aufgestanden sei und gesagt habe: „Was ihr vorhabt, ist Mord.“

Aus der Sicht des Psychiaters war entscheidend, dass die Ärzte einem rein biologischen Menschenbild anhingen, wie es sich schon im 19. Jahrhundert ausgebreitet hatte, ohne jede Orientierung an ethischen Werten. Viele hätten sich nach dem Krieg gegen den Vorwurf des Mordes verwahrt, schließlich seien die Behinderten ja keine richtigen Menschen gewesen, sondern lediglich „Lebenshülsen“, die nur Kosten verursacht hätten. Das Schweigen nach dem Krieg erklärte er sich damit, dass viele Ärzte von ihrer Gesinnung nicht abgelassen haben, nicht ablassen wollten. „Es wäre so wichtig gewesen, dass einer sich öffnet und redet.“ Doch das sei nicht passiert.

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Robert Domes las Passagen aus seinem Roman „Nebel im August“ vor. Darin wechselte er bewusst die Perspektive, weg von den Tätern, hin zum Opfer Ernst Lossa. Er gehörte dem fahrenden Volk der Jenischen an, die von den Nazis verfolgt wurden. Getrennt von seinen Eltern, entwickelte er sich zu einem schwierigen Jungen. Die Diagnose „Asozialer Psychopath“ war sein Todesurteil.  vu

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