Lesung von Briefen im Schlosspark an der Würm

„Hochverehrter Herr“, „Wertes Fräulein“: So wurde 1955 die Ehe angebahnt

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Die Welt von gestern: Hermann Geiger aus Unterbrunn zeigte, welche Relikte aus der Haerlinschen Papierfabrik er in seiner berühmten Sammlung hat. Darunter ist auch dieses Bild der Belegschaft aus dem Jahr 1920.
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Einblick in die Welt der 1950er Jahre und der Papierfabrik gab am Samstag eine Lesung. Es ging um die Briefe eines Arbeiters und seiner Braut.

Gauting – Man schrieb das Jahr 1968, als die Haerlinsche Papierfabrik inklusive Schornstein vom Erdboden verschwand. Nur ein Gebäude blieb übrig, eine Garage direkt an der Würm, in der heute das Atelier von „Puppet Player“ Stefan Fichert untergebracht ist. Ausgerechnet dort, an historischer Stätte, lasen am Samstag Gerd Holzheimer und Bettina Fritsche im Rahmen des „Literarischen Herbstes“ den Briefwechsel eines Gautinger Fabrikmitarbeiters und seiner angehenden Braut, der erste aus dem Jahr 1955, der letzte – kurz vor der Heirat in Andechs – 1957. Der Unterbrunner Sammler Hermann Geiger hatte das menschlich und geschichtlich gleich beeindruckende Zeugnis in einem alten Karton entdeckt (wir berichteten).

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Es war die Zeit der „Hochverehrten Herren“ und der „Werten Fräuleins“, in dem der Gautinger Arbeiter – dessen Identität Holzheimer aus Datenschutzgründen nicht preisgeben will – im Alter von 61 Jahren eine Kontaktanzeige aufgab. Eine Münchner Dienstmagd, gut zehn Jahre jünger, reagierte. Gleich im ersten Brief erklärte sie, einen „guten Charakter“ zu haben, über eine „reichliche Aussteuer“ zu verfügen und es „ernst zu meinen.“ Vor allem über Letzteres war der Gautinger hoch erfreut. Denn: „Ich brauche eine Hausfrau und einen allernächsten Menschen.“ Die beiden näherten sich behutsam an und blieben lange per Sie. Es brauchte einige Briefe und Treffen, vor allem an der Münchner Theresienhöhe, bevor er sich zu einem „Liebling“ durchrang.

Der Alltag von anno dazumal wurde immer wieder lebendig, etwa wenn er beschrieb, wie gefährlich es sei, den Bahnhofsberg hinunter zu radeln – allerdings nicht, wie heute, wegen des Verkehrs, sondern wegen Eis und Schnee. Auch der Humor kam nicht zu kurz: So forderte der Gautinger seine Holde irgendwann auf, ordentlich zu essen und zu trinken. „Für die schlanke Linie brauchst du nicht zu sorgen, die repräsentiere ich.“ Gelächter im Publikum.

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Hermann Geiger sagte: „Ich bin wirklich gerührt, in einem Raum aufzutreten, wo der Briefeschreiber ein- und ausgegangen ist.“ Der Unterbrunner schlüpfte nach der Pause in die Uniform der Haerlinschen Betriebsfeuerwehr und führte einige Relikte der Papierfabrik vor, derer er habhaft werden konnte – etwa Papierrollen. Was wenige wissen: Auch viele Unterbrunner waren in der Fabrik beschäftigt. Noch heute ist Papier von damals übrig, auf das die Einheimischen bei ihrem Faschingsumzug ihre lockeren Sprüche pinseln. Außerdem führte Geiger Kontaktanzeigen vor, wie sie damals ausgeschaut haben – auch wenn das Original nicht dabei war.

Die Welt von gestern machten auch viele Fotografien lebendig, darunter eine großformatige Luftaufnahme aus den 1950er-Jahren sowie ein Bild der Belegschaft aus dem Jahr 1920, auf dem möglicherweise der Briefeschreiber zu erkennen ist. Insgesamt bildet die Korrespondenz ein einzigartiges Stück Zeitgeschichte. Das sieht auch Gerd Holzheimer so. „Uns sticht schon der Hafer, daraus eventuell ein Buch zu machen“, sagte er. Man kann es sich nach diesem Nachmittag nur wünschen.

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