VonAndreas Steppanschließen
Pumpspeicherwerk, Radweg, Rathaus-Umzug und Walchensee waren große Themen seiner Zeit als Bürgermeister. Zum Abschied findet Georg Riesch abermals klare Worte.
Jachenau – Durch zwölf bewegte Jahre hindurch lenkte Georg Riesch (64) die Geschicke der Gemeinde Jachenau. Zur Wahl am 15. März trat er nicht mehr an, seine Amtszeit endet am 30. April, bevor sein Nachfolger Klaus Rauchenberger das Ruder übernimmt. Im Interview mit dem Tölzer Kurier blickt Riesch zurück auf Erfolge, Konflikte und die „schwierigste Phase“ als Rathauschef.
Herr Riesch, mit welchem Gefühl scheiden Sie aus dem Amt? Sind Sie zufrieden mit dem Geleisteten?
Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits kann man zufrieden sein, was man bewegt und vorwärtsgebracht hat. Andererseits muss man immer auch selbstkritisch und ehrlich mit sich selbst sein, dass man an mancher Stelle vielleicht noch mehr daraus hätte machen können.
Worauf sind Sie besonders stolz?
Stolz – na ja, das ist Anschauungssache. Es gibt ein paar Sachen, die sind gut gelungen. Zum Beispiel der Beginn des Ragwegbaus, über den ja schon jahrzehntelang diskutiert wurde. Da haben meine Vorgänger schon Verhandlungen geführt. Dass jetzt der erste Abschnitt fertig ist, ist eine gute Sache und für die Allgemeinheit wichtig. Hoffentlich geht es auch so weiter. Froh bin ich auch über das neue Rathaus und dass wir es geschafft haben, mit dem Kauf der „Post“ den Ortsmittelpunkt in der eigenen Hand zu behalten und aufzuwerten. Das war keine leichte Entscheidung und ein Riesenschritt, der auch von vielen Leuten kritisch gesehen wurde. Deswegen bin ich auch froh, dass der Gemeinderat alle großen Entscheidungen einstimmig mitgetragen hat.
Diskussion um Pumpspeicherwerk am Jochberg „war die schwierigste Zeit“
In Ihrer ersten Amtszeit war das geplante Pumpspeicherwerk am Jochberg ein bestimmendes Thema. Hätten Sie je damit gerechnet, dass Sie es als Bürgermeister mit einer so komplexen und umstrittenen Frage zu tun bekommen?
Mit so einem Thema rechnet man natürlich nicht. Wir als Gemeinde sind da ins kalte Wasser geschmissen worden. Der Bau des Pumpspeicherwerks wäre für die Gemeinde ein Einschnitt gewesen, den in dieser Form keiner gewollt hätte. Andererseits muss man sich in der heutigen Zeit Gedanken über Energiegewinnung machen und kann nicht sagen: Ich will den Atomausstieg, ich will den Kohleausstieg, aber ich will auch nichts anderes.
Die Gemeinde hat nie klar Position dafür oder dagegen bezogen. War das im Nachhinein richtig?
Ich bin nach wie vor überzeugt und habe auch von höheren Stellen die Rückmeldung bekommen, dass sich die Gemeinde richtig verhalten hat. Es war ja damals nicht mehr als eine Idee, und wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt. Dafür sind wir im Gemeinderat nächtelang beieinander gesessen. Es war uns wichtig, den Prozess von Anfang an zu begleiten, am Verfahren beteiligt zu sein und als Gemeinde immer mit am Tisch zu sitzen, um Schaden von der Jachenau abzuwenden. Wir wollten dabei keinen Fehler machen, nicht hudeln und uns in keine Entscheidung drängen lassen. Es hätte ja nichts bedeutet, dagegen Sturm zu laufen, der Prozess war noch am Anfang. Wenn es ernst geworden wäre, wären wir gut vorbereitet gewesen.
Wie haben Sie diese Zeit empfunden?
Das war schon ein Härtetest, die schwierigste Phase in meiner Amtszeit. Das Thema drohte die Bevölkerung zu spalten. Ich bin froh, dass der Gemeinderat zusammengestanden ist und danke vor allem den Gemeinderäten, die sich 2014 trotz dieses heiklen Themas wieder zur Wahl gestellt haben. Sind wir froh, dass das Projekt am Ende gescheitert ist.
Jachenauer Bürgermeister Georg Riesch: „Staat hat unsere Heimat verkauft“
Ein wichtiges Thema war das Walchensee-Konzept. Sehen Sie das Thema aktuell auf einem guten Weg?
Das Thema liegt mir sehr nah, nicht erst seit meiner Zeit als Bürgermeister. Ich wohne nicht weit weg vom See und habe die Entwicklung hautnah miterlebt. Wir sind eine Tourismus-Region, bei uns leben viele vom Tourismus, die Wirtschaften profitieren von den Naherholern. Ich möchte sie daher nicht vertreiben, mit Bestrafungen und ähnlichen. Aber man muss den Besucherstrom lenken. Denn wir hängen an unserer Heimat und wollen sie so hinterlassen, dass der Eindruck der Fotos und Prospekte weiter der Wirklichkeit entspricht. Ich bin der Meinung, das ist auch möglich, aber man muss auch gewillt sein.
Und daran hapert es?
Die Walchenseekonferenz war eine gute Sache, aber mit der Umsetzung bin ich momentan unzufrieden, da fehlt es an Willenskraft. Gerade im kommenden Sommer, wo die Leute wegen Corona nicht verreisen können, rechne ich mit einem starken Andrang am Walchensee. Ich sehe dort den Betreiber des Walchenseekraftwerks und die Bayerischen Staatsforsten stärker in der Pflicht. Es waren die größten Fehler, dass die Staatsforsten privatwirtschaftlich arbeiten und das Kraftwerk ans Bayernwerk verkauft wurden. Damit hat der Staat unsere Heimat und das Tafelsilber verkauft. Beide Institutionen arbeiten gewinnorientiert, und Arbeiten, die nicht rentabel sind, werden sehr weit zurückgestellt.
Staatsforsten oder Eon: Wer war der Lieblingsfeind von Georg Riesch?
Sie sprechen da zwei Institutionen an, mit denen es in Ihrer Amtszeit immer wieder Konflikte gab. Wer von beiden ist denn nun Ihr Lieblingsfeind?
(lacht) Nein, ich habe keinen Lieblingsfeind, ich möchte mit jedem gut zusammenarbeiten. Und sowohl mit Uniper als auch mit den Staatsforsten hat es auch viel gute Zusammenarbeit gegeben. Aber es ist klar, dass man nicht immer einer Meinung ist und dass jeder seine Meinung vertritt – und ich tue meine Meinung eben auf meine Art und Weise kund.
Mit Ihrer Art ist nicht immer jeder zurechtgekommen, Sie konnten auch mal lauter werden.
Es wäre schlimm, wenn ich mich verstellen würde. Die Leute, die mich gewählt haben, haben mich ja auch so gekannt. Es kann und soll keiner raus aus seiner Haut. Dass man es nicht jedem recht machen kann, ist klar, und man muss als Bürgermeister auch Kritik aushalten können. Ich habe nie mit meiner Meinung hinterm Berg gehalten, und so werde ich es auch beibehalten. Ich verüble selbst auch keinem, wenn es Meinungsverschiedenheiten gab. Ich grüße jeden. Das Leben ist viel zu kurz, um Feindschaften zu pflegen.
„Fürs Ausruhen oder Reisen bin ich nicht der Mensch“, sagt Georg Riesch
Ein großes Thema in der Jachenau war und ist auch immer, einheimischen Familien Möglichkeiten zum Bauen zu eröffnen. Wie zufrieden sind Sie in dieser Hinsicht?
Da kann man im Großen und Ganzen schon zufrieden sein. Wir haben einige Grundstücke erwerben und zu Bauland entwickeln können. Das waren große Anstrengungen und schwierige Entscheidungen. Schade, dass sich manche gut gemeinte Sachen wegen Kleinigkeiten nicht haben verwirklichen lassen. In letzter Zeit haben wir einige Möglichkeiten bekommen, Grundstücke zu kaufen – wo man sich vielleicht gewünscht hätte, dass nicht alles auf einmal kommt. Dadurch ist die finanzielle Lage der Gemeinde jetzt nicht so gut und der Schuldenstand hoch. Aber andererseits sind ja dafür die Liegenschaften als Gegenwert da, und unsere Nachfolger im Gemeinderat haben damit Handlungsmöglichkeiten. Stolz bin ich, dass wir das Modell erhalten konnten, den Baugrund an junge, einheimische Familien zu vergeben und dass wir auch einige Gewerbebetriebe ansiedeln konnten.
Was sind Ihre Pläne für die Zeit nach dem Bürgermeisteramt?
Seit meinem 16. Lebensjahr war ich bei der Feuerwehr, 15 Jahre war ich Kommandant, sechs Jahre Gemeinderat, zwölf Jahre Bürgermeister. Das habe ich alles gerne gemacht, es war eine schöne Zeit, ich möchte keine Stunde missen. Jetzt lasse ich es etwas ruhiger angehen. Aber fürs Reisen oder Ausruhen bin ich nicht der Mensch. Ich werde wieder mehr für den Betrieb da sein, der vom Junior super geführt wird. Ich werde mich nach wie vor ehrenamtlich einbringen, besonders für das Südufer, zum Beispiel bei der Uferpflege, aber auch für den Erhalt der Wanderwege. Bestimmt werde ich keinem im Weg stehen und auf die Nerven gehen.
