VonKlaus Oberkandlerschließen
Die heute 86-jährige Gerlinde Geyer aus Altenmarkt war als Gewehrschützin in der Weltspitze und sammelte Titel bei Welt- und Europameisterschaften. Im Rahmen des Alzgau-Jubiläums erinnert sie sich an ihre Anfänge als Flüchtlingskind, hartes Training und die entscheidende Rolle ihres späteren Ehemannes Rasso Geyer.
Trostberg/Altenmarkt/Bergen – Gerlinde Geyer ist die erfolgreichste Gewehrschützin im Chiemgau. Anlässlich des hundertjährigen Bestehens, das der Alzgau Trostberg, der Dachverband für 37 Schützenvereine zwischen Traunstein und Schnaitsee in diesem Jahr feiert, besuchten wir die rüstige und rastlose Seniorin in Trostberg. Ihre größten Erfolge erzielte sie allerdings nicht als Mitglied eines Alzgau-Schützenvereins, sondern als Aktive bei der FSG Bergen, die dem Schützengau Traunstein angehört. Gerlinde Geyer ist dort noch heute Mitglied, ebenso wie bei den Schützenvereinen Altenmarkt, Teisendorf, Trostberg und Baumburg.
Sie wartet schon an der Haustür und begrüßt den Besucher mit den Worten: „Sie sind bestimmt der Mann von der Presse“ und beginnt gleich zu erzählen. Bis wir ihre Wohnung über das Treppenhaus im dritten Stock erreicht haben, ist die erste Seite des Notizblocks schon fast vollgeschrieben. Ein wenig außer Puste (der Reporter, nicht Gerlinde Geyer) schließt sie die Tür auf und zeigt im Vorraum unzählige Urkunden, Pokale und weitere Auszeichnungen, die sie im Lauf ihrer bemerkenswerten Karriere gewonnen und bekommen hat.
Auf dem Wohnzimmertisch liegen mehrere Fotoalben und Ordner mit Dokumenten. An den Wänden hängen hübsche Bilder von einem offensichtlich begabten heimischen Künstler. Gerlinde Geyer bemerkt den prüfenden Blick und sagt stolz, dass sie die alle selbst gemalt habe. Eines der Motive ist die Baumburg, zu deren Füßen sie in Altenmarkt die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hat. 1939 in Marienbad geboren, wurde sie 1946 aus der Heimat vertrieben und kam nach Altenmarkt.
Eine neue Heimat in Altenmarkt gefunden
Einen Tag, nachdem die Deportation angekündigt worden war, wurden sie mit vielen anderen Menschen in einen Güterwaggon gepfercht – Ziel Bayern. Mehr erfuhr man nicht. Ohne umzusteigen ging es bis nach Traunstein und dann weiter nach Altenmarkt, wo im Gasthof zur Post eine Sammelstelle eingerichtet war. Bald bekam man ein Zimmer im Café Geyer. Berta Popp lebte in dem inzwischen abgerissenen Haus bis zu ihrem Tod im Jahr 2001. Die kleine Gerlinde besuchte die Altenmarkter Volksschule. Im Abschlusszeugnis 1953 steht nur in den Fächern Erdkunde und Sport die Note Zwei; ansonsten nur Einser – da konnte noch niemand ahnen, dass die damals 13-jährige Gerlinde Popp einmal Altenmarkts erfolgreichste Sportlerin werden sollte.
Nach der Volksschule besuchte das junge Mädchen die Wirtschaftsschule Kalscheuer in Traunstein und begann dann bei der Siemens in Traunreut. Dort arbeitete sie 42 Jahre, wurde rechte Hand des Werkleiters und Chefsekretärin. Das half ihr später auch in ihrer einzigartigen Sportlerkarriere. So bekam sie zum Beispiel 1970 Sonderurlaub bei vollem Gehaltsausgleich, um an den Weltmeisterschaften in den USA teilnehmen zu können.
Rasso Geyer war ihr Entdecker, Trainer und später Ehemann
Wie aber ist das Flüchtlingskind zum Schießsport gekommen? Der um acht Jahre ältere Rasso Geyer, Sohn ihrer Quartiergeber und ihr späterer Mann, der im Jahr 2000 gestorben ist, war leidenschaftlicher Sportschütze. In den Schützenvereinen brauchte man damals junge Leute zum Scheiben-Einziehen und deshalb nahm er Gerlinde mit zu einem Schießabend. Sie verrichtete nicht nur diese Aufgabe, sondern durfte auch mal mit dem Gewehr vom Rasso schießen. Der erkannte schnell ihr Talent und Gerlindes einzigartige Karriere begann. Rasso Geyer betreute sie fortan sportlich, schrieb die Trainingspläne, brachte sie zu den Schießständen nach Salzburg und Teisendorf zum Trainieren und zu den Wettkämpfen. Im Dezember 1972 schließlich heirateten die beiden und aus Gerlinde Popp wurde Gerlinde Geyer, die zu dieser Zeit schon längst in der Weltspitze etabliert war.
Ihre bevorzugte Disziplin war das Kleinkaliber-Liegendschießen, 60 Schuss auf die 50 Meter entfernte Scheibe. Sie schoss Weltrekord und Jahre später deutschen Rekord mit 599 von 600 möglichen Ringen. „Die 600 habe ich ein paarmal im Training geschafft“, erzählt sie.
Die Schützin war von 1963 bis 1980 Teil der Deutschen Nationalmannschaft. Im Wettkampf KK liegend war sie das erfolgreichste Mitglied im Deutschen Schützenbund. Sie wurde 1970 in den USA Vizeweltmeisterin in der Mannschaft und belegte 1974 mit der Deutschen Nationalmannschaft Platz drei bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz. Von 1977 bis 1979 errang sie mit dem Team dreimal hintereinander den Europameistertitel. Gerlinde Geyer bestritt zwischen 1970 und 1979 zahlreiche Länderkämpfe mit dem Nationalteam. Dreimal zwischen 1967 und 1979 wurde sie Deutsche Meisterin im KK-Liegendwettkampf.
Hartes Training als Grundlage des Erfolges
Gestartet ist die Altenmarkterin allerdings bei all diesen nationalen und internationalen Wettkämpfen für die FSG Bergen, deren Ehrenmitglied sie heute ist. Dort, so erzählt sie, gab es einige Frauen, die auf hohem Niveau schossen, weshalb man eine erfolgreiche Mannschaft bilden konnte. Gerlinde Geyer kramt die von ihrem späteren Mann erarbeiteten Trainingspläne hervor. Man braucht nur wenige Zeilen lesen und es erübrigt sich eigentlich die Frage nach dem Geheimnis der großen Erfolge. Schinderei vor und nach der Arbeit: Waldläufe, Krafttraining, stundenlanges Verharren in der Liegendposition, immer wieder Lehrgänge im Bundesleistungszentrum in Wiesbaden und am Wochenende die Wettkämpfe – eigentlich ein Fulltimejob, wie man heute sagen würde.
Wichtigste Voraussetzung, um erfolgreicher Schütze zu sein, sei die mentale Stärke, verrät sie heute. „Ich kann ganz ruhig sein und abschalten. Und ich fresse nichts in mich rein“, erklärt sie. Als Höhepunkt und schönstes Ereignis in ihrer Karriere bezeichnet sie die Teilnahme an den Weltmeisterschaften 1970 in den Vereinigten Staaten. Das Karriereende? Das kam, als sie mit 56 Jahren eigentlich in der neu geschaffenen Kategorie Auflageschießen startberechtigt gewesen wäre. Für eine Schützin dieses Formats wäre es geradezu lächerlich gewesen, mit einem solchen Hilfsmittel anzutreten.
Schaut man sich die alten Fotos an, auf denen das Ehepaar Geyer mal mit einem Porsche, mal mit einem Mercedes zu sehen ist, stellt sich die Frage, ob der Schießsport auch finanziell lukrativ gewesen sei. Gerlinde Geyer weiß genau, in welche Schublade sie greifen muss und holt einen Brief heraus. Am 17. April 1975 schrieb ihr der Deutsche Schützenbund, er werde ihr für die Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften 1974 einen „Geschenkwert“ in Höhe von 2250 D-Mark zukommen lassen. Dafür müsse sie jedoch Rechnungen in Höhe dieses Betrages einreichen. Weiter heißt es: „Es versteht sich von selbst, dass diese Form der Zuwendung als persönliche Mitteilung an Sie gilt und keineswegs weiterverbreitet oder gar in die Öffentlichkeit getragen werden soll.“ Sie versichert, das sei das erste und einzige Mal gewesen, dass ihr der Verband Geld zukommen ließ.
Gerlinde Geyer ist nach wie vor vielseitig interessiert. Sie ist gesellig und pflegt alte Freundschaften. Ab und zu lässt sie sich auch einmal bei einem der Schützenvereine sehen, bei denen sie Mitglied ist. Neben ihrem „normalen“ Auto fährt sie im Sommer ein 33 Jahre altes BMW Cabrio. Langeweile kennt Gerlinde Geyer nicht.

