Auftritt in der Mehrzweckhalle

Harry G in Lenggries: Granteln und die Sau rauslassen

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Harry G.: „Nur ein Bayer weiß, wie es ist, ein Bayer zu sein.“

Wann ist man endlich tiefenentspannt und völlig unbeeindruckt von coolen Trends und dem, was die Leute für „up to date“ halten? „Einfach alt werden“ ist die Lösung, die Harry G bei seinem Auftritt in Lenggries als Zugabe kredenzte.

Lenggries Er selbst, gerade noch in den Dreißigern, muss den „ganzen Scheiß“ noch eine Weile mitmachen. Sehr zum Vergnügen seines – eher jungen – Publikums, denn bis bei ihm die bequeme Allzweckweste zum Einsatz kommt, kann er weiter nach Herzenslust granteln, sich aufregen und über moderne Ausfallerscheinungen herziehen, statt sich einfach nur still ans Hirn zu langen.

Feiner Humor und dezentes Um-die-Ecke-Lachen fallen da eher flach. Der Harry hat es nicht so mit den Cocktailspießchen, er säbelt sich lieber mit der verbalen Machete seinen Weg direkt ins bayerische Stammhirn hinein. Viele Rindviecher, Hirschen und Deppen hat er dabei, und er verleiht ihnen in Wort und Tat ausgiebig und dabei unverschämt lustig Ausdruck. Er nimmt dabei kein politisch, vegan, gendermäßig oder sonstwie korrektes Blatt vor den Mund, und genau das kommt immens gut an bei den Leuten. Zumindest bei denen, die in echt oder auch nur im Herzen Bayern sind, denn das ist das Maß aller Dinge für Harry G. „Nur ein Bayer weiß, wie es ist, ein Bayer zu sein“, sagt er, und lehnt es trotzdem ab, beim Auftritt in Duisburg die Lederhose anzuziehen. Aus gutem Grund. Bayern sei ein nicht erklärbares Lebensgefühl, ein geradezu spirituelles Nirwana in seinen Nuancen von „gmiatlich bis griabig“. Bayern, so seine feste Überzeugung, habe den Buddhismus erfunden, denn „gwampert rumhocken und gscheid daherreden“ habe man hierzulande schon immer praktiziert.

Voller Saal: In der ausverkauften Lenggrieser Mehrzweckhalle gastierte Harry G.

Er selber ist dabei weit entfernt davon, Stammtischbräsigkeit zu verbreiten, und schon von daher kein direkt patriotischer Prototyp mit seinen Jeans und Turnschuhen, dem „Hoam Boy“-T-shirt und dem Hipster-Hut. Aber vielleicht ist er deshalb umso zeitgeistiger. Agil und angriffslustig absolviert er seine Bühnenkilometer – immer hin und her – und er lässt keine Gnade walten. Nicht für den Pärchenbrunch am Sonntagvormittag, nicht für vegane Besser-Esser im Freundeskreis, nicht für die „depperten Jogger“ und nicht mal für die eigene Mama, die an den Wirren der Kommunikationstechnik scheitert.

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Harry G, bürgerlich Markus Stoll und im Privatleben gesettelter Familienvater, lässt einfach die Sau raus und redet eins zu eins davon, was so überhaupt nicht geht, nein, er redet nicht nur, er schneidet Grimassen, schreit, schimpft, grantelt und macht sich clownesk lustig. Was in seinen Fünf-Minuten-Clips – die ihn in den sozialen Medien einst bekannt machten – punktsicher den Nerv trifft, hat er mit Spielfreude und Selbstironie erstaunlich gut auf die Bühne übertragen.

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Sein Programm „Harry die Ehre“ ist nicht das erste, mit dem er auf Tour ist, und sein Ruhm begründet sich mittlerweile auch in Schauspielrollen in „München 7“ und diversen BR-Kabarettsendungen. Mag sein Anliegen auch kein tiefschürfendes sein, so transportiert er dennoch ein modernes Heimatgefühl. Damit liegt er voll im Trend, hat aber auch all die anarchistisch agierenden bajuwarischen Bühnengrößen im Background – und er muss sich nicht dahinter verstecken. Er trägt das Derblecken weiter, ist schneller, hipper, moderner damit und die pfeilschnelle, spontane Interaktion mit den Menschen im Publikum macht ihn dabei umso authentischer. Es macht einfach Spaß, sich beim Lachen so verstanden zu wissen.

Ines Gokus

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