Das Oberland im Mai 1945: Plötzlich stand der Krieg vor der Haustür. Würde es Kämpfe geben? Wird man überleben? Wir lassen Zeitzeugen erzählen. Hier: Gustl Bauer.
Hausham – Zu essen gab es wenig. Und doch hat Gustl Bauer schöne Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg. „Wir waren ein Haufen von rund zwölf Kindern und genossen Freiheiten ohne Ende.“ Bauer ist bei seiner Großmutter in Hausham aufgewachsen. 1935 wurde er dort geboren. Als der Krieg endete, war er neun Jahre alt.
Vor dem Einmarsch
Schon Anfang 1945 sei die Rede davon gewesen, dass der Krieg bald vorbei sei, berichtet Bauer. Doch offen gesprochen wurde darüber nie. In der Schule habe ein Schüler einmal das nahende Kriegsende thematisiert. Daraufhin warnte der Lehrer, man solle still sein, sonst komme man ins Konzentrationslager nach Dachau.
Als Bauer vor Kriegsende der Hitlerjugend beitreten sollte, bremste ihn die Oma. „Ich wurde dann vom Turnen ausgeschlossen, das war mir aber gar nicht unrecht“, lacht Bauer. In den Wochen vor dem Einmarsch beobachtete Bauer die Bombergeschwader, die gen München flogen. „Man sah den geröteten Himmel, wenn München gebrannt hat“, erzählt er. Trotzdem habe er nicht die Spur von Angst verspürt, versichert der 84-Jährige.
Der Tag
Anfang Mai fuhren die Amerikaner, aus Gmund kommend, in Richtung Schliersee. Immer wieder kam es dabei zu Scharmützeln mit Kämpfern der Waffen-SS, die Hausham verteidigen wollten. Die Wohnung eines Nachbarn sei dabei vernichtet worden, erzählt Bauer. SS-Kämpfer in Schliersee schossen sogar mit Kanonen in Richtung Hausham. Doch aufhalten ließen sich die Alliierten nicht lange. Am 3. Mai rückten sie in Hausham ein. Insgesamt war man froh, dass „endlich Schluss ist“, erzählt Bauer. In den Häusern hingen überall weiße Tücher als Zeichen des Friedens.
Weiterer Zeitzeugenbericht: Schüler mit Panzerfäusten gegen die US-Armee
Den Einmarsch selbst hat Bauer nicht vergessen. „Zu uns Kindern waren die Soldaten besonders nett“, erinnert er sich. So habe er seine erste Schokolade bekommen. In der heutigen Glückaufstraße in Hausham errichteten die Amerikaner ein Zeltlager mit großem Küchenzelt. Dorthin seien er und andere Kinder aus der Nachbarschaft oft gegangen und hätten Bier mitgebracht, um im Tausch Schokolade abzustauben. Die Amerikaner bescherten der Dorfjugend zudem ein einträgliches Geschäft: „Wir Kinder haben die Zigarettenkippen der Soldaten aufgesammelt und den restlichen Tabak dem Tabakhändler verkauft.“ Das habe ihm immer eine Brotzeit gebracht.
Die Zeit danach
Die unmittelbare Nachkriegszeit war eine Notzeit, sagt der 84-Jährige. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei sehr eingeschränkt gewesen. Gerne erinnert er sich daher an die Schulspeisung.
In Hausham hielten sich zudem viele Flüchtlinge und Vertriebene auf, die aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten vertrieben worden waren. Dies habe dazu geführt, dass in Hausham ein enormer Zusammenhalt geherrscht habe, sagt Bauer. „Wir waren liberaler als alles drumherum.“
Weiterer Zeitzeugenbericht: „Plötzlich stehe ich vor den Amerikanern“
Bauers beruflicher Weg führte ihn ins Landratsamt, dessen Personalchef er lange war. Vielen Menschen dürfte er indes aus dem Bayerischen Rundfunk bekannt sein. Dort hat er Volksmusiksendungen moderiert, nebenbei Bücher geschrieben. In seiner Jugend hat er Europa bereist, auch als Anhalter. Dass dies möglich war, ist auch den Ereignissen 1945 zu verdanken, die er als Bub in Hausham miterlebt hat.
Andreas Wolkenstein
