Zeitzeugen erinnern sich

Wie ein Gmunder das Kriegsende erlebte: „Plötzlich stehe ich vor den Amerikanern“

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Als blutjunger Soldat erlebte Siegfried Wäninger den Einmarsch der Amerikaner in seiner Heimat. Der gebürtige Miesbacher war als Melder bei Holzkirchen eingesetzt und entdeckte am 1. Mai bei Föching die ersten US-Panzer. Als er sich am nächsten Tag nach Miesbach absetzen wollte, geriet er bei Thalham an die Hauptkampflinie. Deutsche Trupps hatten sich dort verschanzt (Bild), zogen dann aber kampflos ab.

Das Oberland im Mai 1945: plötzlich stand der Krieg  vor der Haustür. Würde es Kämpfe geben? Wird man überleben? Wir lassen Zeitzeugen erzählen. Hier: Siegfried Wäninger.

Gmund „Ich habe ein unglaubliches Glück gehabt.“ Siegfried Wäninger ist 92 Jahre alt. Dass er die dramatischen und gefährlichen letzten Kriegstage vor 75 Jahren überlebte, die Verwunderung und Erleichterung darüber ist ihm noch heute anzumerken. Wäninger wuchs in Miesbach auf, heute lebt der 92-Jährige mit seiner Frau in Gmund. Das Ende des Krieges hat er gleich zweimal erlebt, als 17-jähriger Soldat zuerst in Holzkirchen, einen Tag später in Miesbach.

Vor dem Einmarsch

Als der Krieg an fernen Fronten tobte, wollte Wäninger dabei sein. Die Luftwaffe hatte es ihm angetan. „Ich wollte die Messerschmidt 109 fliegen, das schnellste deutsche Jagdflugzeug.“ Dafür hatte er schon als junger Mann die Vorprüfung zum Reserveoffizier abgelegt.

Im Herbst 1944 musste er schließlich einrücken. Doch nicht zu den schnellen Fliegern, sondern zu den Panzergrenadieren in Freimann. Alle Hebel setzte er in Bewegung, um doch zur Luftwaffe versetzt zu werden. Sein Glück: „Das Wehrbezirkskommando in Starnberg schickte mich erst mal wieder nach Hause.“ Wäninger erfuhr später, dass die Freimanner Truppe an der Ostfront verheizt wurde. „Nur einer ist zurückgekommen.“

Siegfried Wäninger.

Es war schon Ende April, als doch noch die Einberufung kam – wieder zu einer Panzereinheit, diesmal nach Freising. Dort erlebte er, was er heute als „den fürchterlichsten Anblick meines Lebens“ bezeichnet. Von einem Lastwagen aus beobachtete der junge Soldat, wie SS-Wachen Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau vor sich hertrieben. „Stürzte jemand, wurde er erschossen.“ Hunde hätten sie auf die ausgemergelten Häftlinge gehetzt. „Es war grauenhaft.“

Seine Einheit kam nach Hartpenning, in die Nähe der Heimat. Die US-Armee drückte die Reste deutscher Einheiten gegen die Berge. Verbissenen Widerstand leistete insbesondere die 17. SS-Panzergrenadier-Division „Götz von Berlichingen“. Als Wäningers Trupp in Hartpenning Rast machte, „ging plötzlich die Tür auf, die SS holte unseren Feldwebel nach draußen und erschoss ihn“.

Die Soldaten versprengter Wehrmachts-Einheiten wurden schließlich in Holzkirchen zusammengezogen. Dort suchte man einen Melder mit Ortskenntnissen, der zwischen den Einheiten Nachrichten übermittelt. Wäninger bekam den riskanten Job, stationiert war er im Holzkirchner Oberbräu.

Der Tag

Am 1. Mai 1945 sollte Wäninger nach Westerham radeln. Er kam nicht weit. Schon bei Föching traf er auf amerikanische Panzer. Sofort machte er kehrt und erstattete Meldung. „Dann ist der Krieg wohl aus“, habe ihm ein deutscher Offizier geantwortet.

US-Soldaten trieben bald darauf noch kämpfende SS-Männer durch den Ort. „Die SSler schrien, wir sollen ihnen helfen“, erinnert sich der Gmunder, „aber wir wollten nicht mehr.“ Später am Tag durchsuchten Amerikaner die Häuser und nahmen sich Uhren und Schmuck. „Und was nach Hitler aussah, wurde verbrannt.“

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Tags darauf versuchte Wäninger, sich nach Miesbach zur Mutter durchzuschlagen. Bei Thalham fand er sich plötzlich an der Hauptkampflinie wieder. „Ganz abgemagert stehe ich plötzlich vor den Amerikanern.“ Die seien „unglaublich freundlich“ gewesen. „Weil ich Englisch sprach, konnte ich mich sogar mit ihnen unterhalten“.

Als er schließlich in Miesbach ankam, vergrub er zuerst den Schmuck seiner Mutter; er hatte tags zuvor in Holzkirchen ja gesehen, wie die US-Soldaten alles mitgehen ließen. Er habe einen Kanonenschlag aus Richtung Tölz gehört, dann sei es aus gewesen. Kurz darauf marschierten die Sieger ein und nahmen das Haus der Wäningers in Besitz. Es diente in der ersten Zeit als Militär-Lazarett. Die 13 Parteien, die darin wohnten, mussten in den Speicher ziehen.

Die Tage danach

Wäninger beschreibt das Verhältnis zu den US-Soldaten als sehr gut. „Einmal rief mich ein Militärarzt zu sich, weil ich ein Furunkel hatte“, erinnert er sich, „er hat mich geheilt.“ Die Amerikaner hätten auch für die Hausbewohner gekocht.

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Sein späterer Weg führte Wäninger zum Eishockeyspielen nach Bad Nauheim. Nach einiger Zeit in München zog er mit seiner Frau in den 70er Jahren schließlich nach Gmund. Dort erlebt man Wäninger als glücklichen Menschen. Wer seine Geschichte kennt, kennt den Grund.

Andreas Wolkenstein

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