Zeitzeugen erinnern sich

SS stellt Kinder mit Panzerfäusten gegen die US-Armee

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Die gesprengte Mangfallbrücke.

Das Oberland im Mai 1945: Plötzlich stand der Krieg  vor der Haustür. Würde es Kämpfe geben? Wird man überleben? Wir lassen Zeitzeugen erzählen. Hier: Kaspar Lindmair.

Oberlaindern Kaspar Lindmair hat Erfahrung mit dem Aufarbeiten der Vergangenheit. Vor einigen Jahren hat er eine Chronik von Oberlaindern verfasst. Tagelang recherchierte er in Archiven und trug viele Fotos zusammen. Eines zeigt Adolf Hitler, der – schon als Reichskanzler – die Bauarbeiten an der Autobahnbrücke über die Mangfall bei Weyarn besichtigte. Das war 1935. Zwei Jahre später kam Lindmair in Oberlaindern auf die Welt, wo er noch heute lebt. Die letzten Kriegstage erlebte er als achtjähriger Bub.

Vor dem Einmarsch

Die Zeit des Krieges erlebte Lindmair als stets angespannt und schwierig. Angst war ein ständiger Begleiter, vor den Nazis im Ort oder vor den besonders gefährlichen englischen Bombern, wie Lindmair sagt. Amerikanische Piloten hätten dagegen oft gewunken, indem sie mit den Tragflächen der Flugzeuge wackelten.

Am 1. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Oberlaindern mit einem Donnern zur Mittagsstunde: Deutsche Soldaten sprengten die Mangfallbrücke. Bei deren Bau hatte Adolf Hitler 1935 persönlich im Mangfalltal vorbeigeschaut. Am Nachmittag des 1. Mai 1945 machte der spätere Ortschronist Kaspar Lindmair als kleiner Bub erste Bekanntschaft mit amerikanischen Soldaten. Bei der Einweihung der wieder aufgebauten Brücke nach dem Krieg durch Kardinal Michael von Faulhaber war Lindmair als Ministrant (v.l.) live dabei.

Weiterer Zeitzeugenbericht: Tauschgeschäft am großen Küchenzelt

Ab 1944 intensivierten die Alliierten die Luftangriffe auch auf Ziele in der Region, berichtet Lindmair. Besonders der Flugplatz Holzkirchen-Marschall, der gleich hinter Lindmairs Elternhaus lag, geriet ins Visier. Während des Krieges stationierte die deutsche Luftwaffe dort Jagdgeschwader, die zur „Reichsverteidigung“ eingesetzt waren und die einfliegenden Bomberverbände attackierten. Diesen Flugplatz gezielt auszuschalten, war erklärtes Ziel einiger alliierter Angriffe.

Der Tag

Am 1. Mai, dem Tag des Einmarsches in Valley, habe es geschneit, erinnert sich Lindmair. Gegen Mittag sei ein furchtbarer Donner zu vernehmen gewesen. Wie sie später erfuhren, rührte der Lärm von der Sprengung der Mangfallbrücke her. Die SS hatte dies veranlasst, um das Vorrücken der amerikanischen Panzerspitzen zu verhindern. „Am Vormittag hat die SS auch noch zwölf Schüler von Draxlham runter getrieben, die mit Panzerfäusten bewaffnet die Amerikaner abhalten sollten“, berichtet Lindmair. Keine Helme, nur Kappen hatten sie auf dem Kopf. Bauern aus dem Dorf hätten ihnen rechtzeitig die Waffen abgenommen und in den Dorfweiher geworfen. Später am Tag seien dann amerikanische Panzer ins Dorf gerollt. „Einer stand 50 Meter vor dem Haus“, berichtet Lindmair. Den Kindern hätten die Soldaten Kaugummis zugeworfen. „Und Kekse gab es. Die haben aber nicht gut geschmeckt“, weiß Lindmair noch heute. Dennoch, „saufreundlich“ seien die Amerikaner gewesen.

Kaspar Lindmair

Bis auf einen Vorfall, der in starkem Kontrast dazu stand. „Wir saßen bei der Brotzeit in der Küche, es waren auch ein paar deutsche Soldaten in Zivil am Tisch. Plötzlich stürmten Amerikaner herein und rissen den Männern die Arme hoch.“ Der Grund für dieses Vorgehen: Mitglieder der Waffen-SS hatten am linken Oberarm ihre Blutgruppe tätowiert, die US-Soldaten waren auf der Suche nach den als besonders brutal geltenden deutschen Kämpfern.

Als die Amerikaner niemanden fanden, seien sie sofort wieder normal geworden, erzählt Lindmair. An einen Soldaten erinnert sich Lindmair besonders gut: „Da war ein Schwarzer dabei, der hat ein bissl Bayerisch gesprochen.“ Warum und wieso? Lindmair weiß es nicht. Die Erinnerung aber ist geblieben.

Die Zeit danach

Die Soldaten durchkämmten in den folgenden Tagen alle Häuser in Oberlaindern. Bei seinem Opa hätten sie zwei lange Pfeifen gefunden, erinnert sich Lindmair. „Für drei Stangen Zigaretten haben sie ihm die Pfeifen abgekauft, eine Mordsfreude hatten sie“, so der 83-Jährige. Außerdem mussten einige Panzer der Alliierten repariert werden. „Manche Panzerketten waren kaputt“, berichtet Lindmair, „deshalb steckten sie Holzscheite rein, die sie bei uns fanden, damit die Ketten wieder spannten.“

Hier ein weiterer Zeitzeugenbericht: „Plötzlich stehe ich vor den Amerikanern“

Die Erinnerung an die Zeit des Krieges hält der Oberlainderner für wichtig. Gerade weil damals nichts selbstverständlich war. Das scheint Lindmair geprägt zu haben. Vielleicht ist auch seine Oberlainderner Chronik ein Versuch, das Nicht-Selbstverständliche in der Geschichte greifbar zu machen.

Andreas Wolkenstein

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