VonChristina Jachert-Maierschließen
Das Freibier der Ayinger Privatbrauerei floss schon vor dem offiziellen Beginn des Bürger-Infoabends zur Zukunft des Gasthofs Zur Post. Gemütlich ging’s nicht zu. Die Pläne für Sanierung und Neubau stießen auf Skepsis. Kritiker schimpften über „den Lattenverschlag“ und „Wohnklos“ fürs Personal.
Bad Wiessee – Im Vorfeld hatte Bürgermeister Robert Kühn (SPD) eine klare Vorstellung vom Ablauf des Info-Abends in der Fahrzeughalle der Feuerwehr. Erst präsentiert Michi Huber vom Gmunder Architekturbüro Glasnhof die vom Gemeinderat jüngst beschlossenen Pläne zu Sanierung und Umbau des gemeindlichen Gasthofs Zur Post, dann stellt sich die Ayinger Privatbrauerei, vertreten durch Direktor Helmut Erdmann, einem Wiesseer, als Partner der Gemeinde vor. Dies mit einem bodenständigen Konzept, das Stammtischlern, Vereinen, Musikanten und Theaterspielern einfach gefallen muss. Zum Schluss Beifall, Fragerunde, dann Freibier aus Aying und Bratwürste.
Es kam anders. Die interessierten Bürger, etwa 300 an der Zahl, holten sich ihr Freibier schon vor der Begrüßung vom Schankwagen vor der Halle. Und drinnen grillten sie den Bürgermeister.
„Lattenverschlag“: Neubauplanung kommt nicht gut an
Warum man für so viel Geld nichts Schönes plane, sondern einen „Lattenverschlag“ errichte, der auch noch so grau daherkomme, schleuderte Florian Lenbach dem Rathauschef entgegen und erhielt dafür donnernden Applaus. Gemeint waren der neue Saal und der Zwischenbau. Planer Huber erklärte die – mit den Behörden abgestimmte – Philosophie, die hinter dem Entwurf steht.
Das Denkmal, der prächtige Gasthof aus dem Jahr 1864, soll als Solitär heraustreten und wird äußerlich nicht verändert. Dagegen verschwindet der jetzige Saal-Anbau aus dem Jahr 1989 und wird durch einen kleineren Neubau ersetzt. Dieser soll sich dem Altbau erkennbar unterordnen. Ein Ansatz, den auch Markus Trinkl absolut nicht teilt. „Ein neues Gebäude für so viel Geld muss sich doch nicht unterordnen“, fand er. Anders als behauptet sei das neue Gebäude absolut nicht bayerisch traditionell. „Das drückt viele Wiesseer“, erklärte Trinkl.
Fragen nach dem „Plan B“
Genauso drücken die Kosten, die Kühn inzwischen mit 22 Millionen Euro beziffert. „Gibt’s denn keinen Plan B?“, wollte Ludwig Stoib beharrlich wissen. In Bad Wiessee sei offenbar kein Geld für die Infrastruktur da („alles ist alt und greislig“), da müsse die Sanierung des Gasthofs mit geringerem Aufwand möglich sein. Er warne vor dem Abriss des bestehenden Saals und erinnere an den Badepark, so Stoib: „Den hat die Gemeinde geschrottet, ewig schade.“ Gleiches befürchtet Elke Fischhaber. Auf ein neues Bad warte man nach dem Abriss noch immer, beim Saal werde es nicht anders sein, Zudem beanstandete sie die Größe der Personalwohnungen: „Das sind Wohnklos.“ Hier hakte Kurt Geiß ein, ehemaliger Wirt des Gasthofs. Auch aus seiner Sicht zeugen die Personalunterkünfte, teils als Wohngemeinschaften gestaltet, von geringer Wertschätzung der Mitarbeiter: „Da kriege ich das kalte Grausen.“ Nach seiner Erfahrung setze sich das Personal aus sechs Nationen zusammen, die einen arbeiteten in der Früh-, andere in der Spätschicht. Man könne nicht alle zusammen in eine Wohnung stecken, ohne Rücksicht auf Herkunft und Arbeitszeiten.
Entscheidung des Gemeinderats wird umgesetzt
Bürgermeister Kühn und das Planungsteam kamen mit den Antworten kaum hinterher. Eines machte Kühn sehr klar: „Es gibt keinen Plan B.“ Der vorgestellte Entwurf für Sanierung und Neubau werde wie gezeigt umgesetzt, an den Grundfesten der Planung sei nicht zu rütteln. Mit einem zu großen Saal, zu hohen Energiekosten und ohne Personalwohnungen lasse sich kein Wirt für den Gasthof finden. „Und wir wollen einen gescheiten Wirt“, erklärte Kühn. Nur so könne der gemeindliche Gasthof funktionieren. Zuletzt, erinnerte Kühn, habe die Gemeinde rund 500 000 Euro jährlich zubuttern müssen.
Ayinger Privatbrauerei als Partner an Bord
Mit an Bord ist die Ayinger Privatbrauerei. Deren Direktor Erdmann stellte das Konzept bis ins Detail vor: regionale Speisekarte, Bedienungen im Dirndl, Kartenspielen erlaubt, Musikanten willkommen, Vereine und Stammtische sowieso. An der jetzigen Planung war die Brauerei beteiligt. „Wir sind schon seit zwei Jahren an der Post dran“, verriet Erdmann. Allerdings sind die Verhandlungen mit der Gemeinde zum Betrieb des Gasthofs noch nicht abgeschlossen. Bislang, so Erdmann, existiere nur ein Vorvertrag: „Mit dem Ziel, einen Pachtvertrag zu schließen.“
Nach jetzigem Stand werde die Brauerei den Gasthof in Bad Wiessee nicht selbst betreiben, meinte Erdmann. Gemeinsam mit der Gemeinde starte die Bauerei eine öffentliche Ausschreibung, um einen Wirt für die Post zu suchen. „Einer, der Jahrzehnte bleibt“, erklärte Kühn.
Den Sturm der Kritik lächelte der Bürgermeister im grauen Anzug samt rotem Einstecktuch in der vom Bierdunst erfüllten Fahrzeughalle tapfer weg. Es sei gut, auch mal heftiger zu diskutieren, meinte er. Und er versicherte: „Die Gemeinde Bad Wiessee kann sich den Gasthof leisten.“ Obendrein bekomme sie ein interkommunales Hallenbad: „Ganz bestimmt.“

