Zu Besuch auf dem Wirtschaftshof der Stiftung

Schwein gehabt: Medizinisches Tier-Training in Nantesbuch

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Eber Alfred ist ein Geflecktes Alpenschwein und wiegt rund 350 Kilo. Die alte Nutztierrasse soll bei der Stiftung Nantesbuch wieder heimisch werden. Die Säue und die anderen Tiere (Exmoor-Ponys und Auerochsen) werden von Tierärztin Annett von Selzam betreut.
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Auf dem Wirtschaftshof der Stiftung Nantesbuch werden seit einem Jahr Schwarze und Gefleckte Alpenschweine gehalten. Die Rasse ist vom Aussterben bedroht. Tierärztin Annett von Selzam unterzieht sie einem besonderen Training.

Bad Heilbrunn – Alfred ist ziemlich neugierig. Sobald Besucher das Gehege betreten, kommt der Eber aus dem Stall gerannt und läuft zum Zaun. Tierärztin Annett von Selzam schmunzelt. „Alfred ist hier rasch der Liebling von allen Mitarbeitern geworden“, sagt sie, während sie den Eber mit der einen Hand kurz zwischen den Ohren tätschelt und ihm mit der anderen Hand einige Halme Gras zu Fressen gibt.

Noch lebt Alfred in einem großen eingezäunten Gehege auf dem Wirtschaftshof in Nantesbuch. Angrenzend befinden sich „die Damen“, genauer gesagt die Muttersäue Berta und Susi. Beide sind Schwarze Alpenschweine. Im vergangenen Jahr haben sie zwölf Ferkel geworfen. Zwei sind noch auf Nantesbuch, die anderen wurden verkauft und verarbeitet beziehungsweise von der Stiftung selbst zum Schlachten gegeben. Das Fleisch wurde in der Seminarhausküche im Langen Haus für Mitarbeiter und Gäste zubereitet.

Alpenschweine sind vom Aussterben bedroht

Die Gefleckten und Schwarzen Alpenschweine wurden früher im Alpenraum als Weideschweine gehalten, und zwar in Österreich, in der Schweiz und in Norditalien. Heute ist die Rasse vom Aussterben bedroht. Zur Aufrechterhaltung der Zucht arbeitet die Stiftung Nantesbuch mit dem Netzwerk „Pro Patrimonio Montanum“ zusammen, das sich für den Erhalt verschiedener Nutztiere in den Bergen einsetzt.

Im Gehege neben Alfred leben die beiden Muttersauen Berta und Susi (dunkle Tiere). Sie sind derzeit trächtig und werfen Mitte September. Die beiden hellen Ferkel stammen aus dem Wurf im vergangenen Jahr.

Derzeit leben Alfred, Susi, Berta & Co. in Nantesbuch in einem Gehege. Ziel ist jedoch, dass sie tagsüber temporär auf der Weide leben. „Die Vorbereitungen laufen derzeit“, sagt die Tierärztin Annett von Selzam. Geplant ist, die Schweine dort morgens hinzutransportieren und abends wieder ins Gehege zu bringen. „Sie sollen keinen Kontakt mit Wildschweinen bekommen. Das ist eine EU-Vorschrift zur Verhinderung der Schweinepest.“

Alpenschweine gelten als sehr robust und werden zehn bis 15 Jahre alt. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Mastschwein wird nach fünf Monaten geschlachtet. Schweine, erklärt von Selzam, seien sehr reinliche Tiere. „Sie sind grundsätzlich sehr neugierig und lernen unglaublich schnell.“

„Medical Training“ am Tier mit viel Fingerspitzengefühl

Annett von Selzam ist ausgebildete Pferdewirtin, arbeitete einige Jahre als Berufsreiterin und studierte dann Tiermedizin an der LMU in München. Sie arbeitete unter anderem am Schlachthof in Garmisch-Partenkirchen als Tierärztin, nun ist sie bei der Stiftung Nantesbuch zuständig für die Betreuung der Alpenschweine, Exmoor-Ponys und Auerochsen.

Die 38-Jährige hat sich auf Verhaltensmedizin spezialisiert, wobei sie sich in Nantesbuch auf das sogenannte Medical Training konzentriert. Darunter versteht man das Trainieren von Verhaltensweisen des Tieres, die der medizinischen Behandlung oder Pflege dienen. „Die Tiere sollen so behandelt werden, dass sie keinen Grund haben, Angst oder Aggressionen zu zeigen“, erklärt von Selzam.

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Dabei sind Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt. Eber Alfred hatte vor Kurzem eine Augenentzündung und brauchte zur Behandlung Salbe. Die 38-Jährige hat das Schwein so trainiert, dass es den Kopf ruhig hält, während sie es an der Stirn und am Auge berührt. In Sekundenschnelle tupft sie ihm dann die Salbe, die sie auf der Fingerspitze hat, ins Auge. „Die konventionelle Methode wäre, das Tier mit einer Rüsselschlinge zu fixieren“, erklärt von Selzam. Für ein Tier bedeute das jedoch den totalen Kontrollverlust, es werde nervös und beginne, sich zu wehren.

„Tier bekommt Kontrolle über den Körper zurück“

Beim „Medical Training“ hingegen verbinde das Tier mit der Berührung an der zu behandelnden Stelle etwas Positives. Das muss jedoch trainiert werden. „Aber dann ist es für das Tier nicht schlimm, selbst wenn es piekst“, sagt die Fachfrau. Als der Eber entzündete Augen hatte, musste sie ihm dreimal am Tag Salbe geben. Anfangs ließ er das nicht zu. „Aber er hat es schnell begriffen“, sagt sie. Zudem gab es bei Gelingen eine Belohnung, sprich etwas zu Fressen.

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Auf die gleiche Weise arbeitet die Tierärztin mit den elf Exmoor-Ponys, und auch mit den neun Auerochsen wurde das Training begonnen. Mit jungen, unerfahrenen Tieren sei es leichter zu arbeiten, sagt von Selzam. Bei den älteren Hengsten habe sie lange gebraucht, bis das Vertrauen gewachsen war. Trotzdem: „Mit diesem Training gibt man dem Tier die Kontrolle über seinen Körper zurück.“

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