Serie: Vom Rand ins Rampenlicht

Hinter Panzerglas und elektronischem Schloss: Ein Besuch in der Stadtkasse

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Blick in den Panzerschrank: Thomas Dudek schaut immer, dass Geld in der Stadtkasse ist. Weitere Zahlstellen im Rathaus gibt es im Melde- und im Standesamt sowie in der Stadtbücherei und im Schwimmbad.
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Das Rathaus soll Mittelpunkt der „Neuen Mitte“ werden. Zeit, das denkmalgeschützte Gebäude näher zu betrachten. Heute: die Stadtkasse.

Geretsried  Hereinspaziert: Nein, so einfach kommt man nicht in die Kasse im ersten Obergeschoss des Geretsrieder Rathauses. Die Tür ist mit Panzerglas und einem elektronischen Schloss gesichert. Wer hinein möchte, der hat einen speziellen Schlüssel – oder muss an der Scheibe klopfen. Das gelte auch für den Bürgermeister, meint Thomas Dudek und schmunzelt. „Nur die Rechnungsprüfung, die Putzfrau und wir hier haben einen Schlüssel“, sagt der 42-Jährige. Mit „Wir“ meint er seine drei Mitarbeiterinnen Tina Rosskopf, Kristin Buchmann, Adelina Ceka und sich selbst.

Auch der Kassenschalter ist mit Panzerglas gesichert. Wer eine Rechnung bezahlen möchte, klingelt – falls Dudek ihn von seinem Schreibtisch aus nicht sieht. „Vor 30 Jahren waren es etwa 2000 Rechnungen, die im Rathaus noch bar bezahlt wurden“, berichtet er. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es 800. Im Zeitalter der Digitalisierung wird der Löwenanteil des Zahlungsverkehrs per Lastschrift und Überweisung erledigt.

Relativ häufig werde in bar die Hundesteuer begleichen, manchmal auch die Grundsteuer, die Pass- oder die Gebühr für die Grabstellen-Verlängerung. „Mancher Strafzettel tatsächlich auch“, so Dudek mit einem Augenzwinkern. Die Autofahrer seien nicht erfreut, wenn sie ein Knöllchen bekommen. Dann komme es schon mal vor, dass der Parksünder gleich ins Rathaus marschiere, um die Strafe zu begleichen. „Ich habe mich daran gewöhnt, ein bisschen etwas einzustecken“, meint der Rathausmitarbeiter. Denn die Laune der Betroffenen sei nicht immer die beste. Mit der Zeit habe er sich aber ein dickes Fell zu gelegt.

Der eingezäunte Bereich am Karl-Lederer-Platz ist so groß wie nie: Am Karl-Lederer-Platz entsteht die „Neue Mitte“ mit Zentralgarage. Wir haben Zahlen und Fakten zur Großbaustelle.

Der Geretsrieder begann seine Laufbahn im Rathaus 1992 – damals entschied er sich für eine Ausbildung in der Stadtverwaltung. Seitdem ist er seinem Arbeitgeber treu geblieben. Die meiste Zeit davon verbrachte Dudek in der Kasse. „Man muss schon ein Faible und ein Gefühl für Zahlen haben, wenn man hier arbeitet“, meint er.

Auch für den FC Bayern haben einige Mitarbeiter eine Vorliebe. An einer Wand des lichtdurchfluteten Büros hängt ein Mannschaftsposter, darunter Urkunden vom Oberland-Firmenlauf. Auf dem Besprechungstisch liegen Gummibärchen und Lakritz. „Nervennahrung“, so Dudek. Und: Regalweise Ordner gibt es im Büro. „Für jedes Jahr haben wir eine Farbe, und pro Jahr sind es etwa 100 Ordner mit Belegen“, erläutert der Fachmann. Das erklärt dann auch die hohe Anzahl an Buchungen, die im Rathaus durchgeführt werden. 2017 waren es Dudek zufolge 55 000.

Und wie ist die Zahlungsmoral der Geretsrieder? „Die Allermeisten zahlen pünktlich“, sagt Dudek. „Aber es gibt auch welche, die nicht können oder wollen.“ Wer nicht liquide ist, kann einen Antrag auf Ratenzahlung oder Stundung stellen. Wer Fristen verstreichen lässt, bekommt unverzüglich Post: Zirka 40 Mahnungen verschickt die Stadt derzeit pro Woche. Zwei- bis dreimal wöchentlich klingelt Vollstrecker Heinz Ciupa an einer Haustür, um Geld einzutreiben. Dudek: „Damit liegen wir absolut im Durchschnitt.“

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Hilft auch das nichts mehr, und kommt es zum Insolvenzverfahren, versucht die Stadt, ihre Ansprüche geltend zu machen. „Aktuell laufen 50 Verfahren mit Forderungen“, berichtet der 42-Jährige Darunter ist auch ein älterer Fall einer Firmeninsolvenz, in dem es um einen hohen sechsstelligen Betrag geht. „Das dauert schon mal ein Jahrzehnt, bis das abgearbeitet ist“, sagt der Rathausmitarbeiter.

Die Digitalisierung ist für das Kassen-Team schon eine große Erleichterung im Arbeitsalltag. Jeder Bürger ist elektronisch erfasst, Überweisungen erfolgen in Echtzeit. In etwa zwei Jahren werde wohl der allergrößte Teil des Zahlungsverkehrs elektronisch abgewickelt, verwaltet und archiviert werden, blickt Dudek in die Zukunft.

Kein Vergleich zu seiner Anfangszeit im Rathaus. Damals existierte für jeden Bürger eine Karteikarte, auf der Zahlungen händisch vermerkt wurden. Und es gab ein eigenes Gerät, in das man Überweisungen – noch als lange Zahlenkette – eintippte. „Über Nacht wurde das zu einem Verarbeiter geschickt und am nächsten Tag mit einem Drucker auf Endlospapier ausgedruckt“, erinnert sich Thomas Dudek. „Dann hat’s stundenlang gerattert.“ Anschließend wurde der Buchungsbestand mit dem tatsächlichen Bestand abgeglichen. Kaum zu glauben, dass dies alles erst 25 Jahre her ist.

nej

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