VonSebastian Grauvoglschließen
Mahnende Worte hat der Integrationsbeauftragte des Landkreises Miesbach im Sozialbeirat gefunden: Die Politik dürfe die Ehrenamtlichen bei der Flüchtlingshilfe nicht überlasten.
Landkreis – Von einer „unglaublich großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung“ sprach Max Niedermeier nun bei seinem Bericht zur Flüchtlingssituation im Sozialbeirat. Doch der Integrationsbeauftragte des Landkreises beließ es nicht bei Lob und Dank. Vielmehr machte er den anwesenden Vertretern aus Politik sowie Sozial- und Wohlfahrtsverbänden unmissverständlich klar, dass sich die Lage schnell ändern kann. So dürfte man dieses Engagement weder als selbstverständlich erachten, noch es überstrapazieren, warnte Niedermeier.
Rund 1000 ukrainische Flüchtlinge seien derzeit im Landkreis Miesbach untergebracht, hinzu kämen 500 weitere aus anderen Ländern. Als erfreulich wertete Niedermeier, dass sich seine Befürchtung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bis dato nicht bewahrheitet habe. Der Integrationsbeauftragte macht dies unter anderem daran fest, dass sich die meisten Helferkreise nicht aufgeteilt hätten. Insgesamt gibt es derzeit 20 in den 17 Städten und Gemeinden.
Dennoch sei die Stimmung keineswegs nur gut, machte Niedermeier an mehreren Beispielen deutlich. So werde etwa mit dem Beginn der Wintersaison das Thema Ferienwohnungen wieder „heiß“. Etliche Vermieter hätten ihre Apartments großzügig ukrainischen Familien zur Verfügung gestellt. Doch so sehr ihnen diese auch ans Herz gewachsen seien: „Irgendwann müssen sie wieder Geld verdienen.“ Ein echtes Dilemma, weil niemand Flüchtlinge einfach auf die Straße setzen wolle.
Turnhallen-Belegung sorgt zunehmend für Unmut
Mindestens genauso akut sei die fortlaufende Belegung der Miesbacher Turnhallen. Aus seiner Funktion als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Miesbacher Sportvereine wusste Niedermeier zu berichten, dass die Eltern zunehmend Druck auf die Vorsitzenden ausüben würden, um den Kindern auch im Winter das Sporttreiben ermöglichen zu können.
Als Problem habe sich ferner abrupte Wechsel der Zuständigkeit für die finanzielle Ausstattung der Ukraine-Flüchtlinge erwiesen, so Niedermeier. In einigen Fällen sei beim Übergang vom Fachbereich Asyl zum Jobcenter am Landratsamt eine Deckungslücke entstanden. Hier könne man von den Ehrenamtlichen nicht verlangen, dass sie auch noch mit Geld aus eigener Tasche aushelfen, betonte der Integrationsbeauftragte. Dass die Volkshochschule (vhs) Oberland dies bereits getan hat, fügte Geschäftsführer Thomas Mandl (SPD) an. Mit 15 000 Euro sowie vielen Überstunden sei man in Vorleistung gegangen, um die hohe Nachfrage nach Integrationskursen bedienen zu können.
In allen drei Punkten sah er die Politik in der Pflicht. Sie müsse dafür sorgen, ausreichend Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, wobei Niedermeier besonders das Innenministerium kritisierte. Es könne nicht sein, sich mit den Erfolgen der bayerischen Sportler zu rühmen, um dann gleichzeitig den Nachwuchs die Trainingsmöglichkeiten wegzunehmen. Niedermeier verwies dabei auf die noch in Arbeit befindliche Resolution der Miesbacher ARGE (wir berichteten), die die große Politik zur schnellen Freigabe des Aufbaus von Containerstandorten auffordern soll.
Landrat macht Hoffnung für Container
Landrat Olaf von Löwis (CSU) macht hier zumindest zarte Hoffnung, dass die Freigabe für die Projekte in Holzkirchen und Hausham bald erfolgen könnte. In einem Telefonat habe er den Eindruck bekommen, dass es „ganz gut ausschaut“. Generell sei die Belegung von Turnhallen auch aus Sicht des Innenministeriums die allerletzte Option. In Ermangelung an leer stehenden Gebäuden im Landkreis habe man dann aber doch darauf zurückgreifen müssen. In dem Zusammenhang bat Löwis erneut die Kommunen erneut um Mithilfe. Doch ähnlich wie bei den fehlenden Kinderbetreuungsplätzen, die laut Niedermeier die Ukrainer oft am Besuch von Integrationskursen oder der Aufnahme einer Beschäftigung hindern, sei die Lage überall gleich angespannt. In Bezug auf die finanzielle Deckungslücke durch den Wechsel zum Jobcenter verwies dessen Vertreter Tobias Sterba auf die dreimonatige Übergangsfrist, die so etwas eigentlich verhindern solle.
Klaus Mrosczok (katholische Kirche) und Florian Rausch (Caritas) empfahlen Politik und Gesellschaft ferner, sich bereits jetzt auf weitere Krisen einzustellen. „Wenn es dafür Strukturen gibt, bleibt nicht immer so viel an den Freiwilligen hängen“, sagte Mrosczok. Rausch hingegen sah eine gewisse Unsicherheit und Ohnmacht als „neue Normalität“. Löwis betonte dabei, dass die Erfahrungen der vergangenen Krisen jetzt bereits positiv zur Anwendung kämen. Ohne Ehrenamtliche werde es dabei nie gehen. Umso wichtiger sei aber eine entsprechende Wertschätzung. „Und das geht nicht allein über Geld.“
sg
