VonSilke Schederschließen
Heuchelei kann man den Organisatoren der „Fridays-for-Future“-Demonstrationen in Bad Tölz nicht vorwerfen. Ihre Ferien haben die Aktivisten so klimaschonend wie möglich verbracht.
Bad Tölz/Lenggries – Zehn Tage Urlaub in einem Hotel im Süden inklusive Shuttle-Service vom Flughafen und zurück – für Agnes Eckstein eine grauenhafte Vorstellung. Die 19-Jährige aus Wegscheid verbrachte ihre Ferien lieber auf verschiedenen Almen in der Schweiz. Fünf Wochen lebte sie ganz naturnah, arbeitete als Hirtin und Melkerin. Weil sie es von Klein auf so kennt. Aber auch, weil Urlaub vom Klimaschutz für Agnes Eckstein nicht in Frage kommt.
Die junge Frau gehört zu den Hauptorganisatoren der „Fridays-for-Future“-Demonstrationen in Bad Tölz. Immer wieder musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr Engagement für den Klimaschutz eher von dem Wunsch nach einem frühen Unterrichtsende getragen wird statt von echter Überzeugung. Doch auch in den Ferien bleibt Eckstein ihren Idealen treu. In die Schweiz reiste sie mit Bus und Bahn. Innerhalb des Landes bewegte sie sich ausschließlich zu Fuß fort oder trampte. Sie stellte selbst Käse her, holte das Wasser aus einem Brunnen und lebte von Steinpilzen und Beeren. „Man merkt, wie wenig man braucht“, sagt die junge Frau. Und wie schön die Natur ist. Deshalb will Eckstein weiterhin für den Klimaschutz auf die Straße gehen – auch wenn sie das Abitur in der Tasche hat und ihr die Teilnahme an den Demos keinen vermeintlichen Vorteil bringen.
Für Katharina Brandhofer endet ihr Einsatz für den Klimaschutz ebenfalls nicht mit dem Abschluss am Tölzer Gymnasium. Ab Herbst studiert die 18-Jährige in Wien Umwelt-Ingenieurswesen und will sich auch in der österreichischen Hauptstadt für die „Fridays-for-Future“-Bewegung engagieren. Aktuell verbringt Brandhofer nach der Einschreibung an der Uni ein paar Tage Urlaub in Wien. Angereist ist sie mit dem Zug. Geflogen wäre sie so eine kurze Strecke nicht. Trotzdem schließt die angehende Studentin nicht aus, selbst einmal in ein Flugzeug zu steigen. „Es kommt immer drauf an“, sagt Brandhofer. „Für drei Wochen nach Südamerika zu reisen, finde ich in Ordnung.“ Für einen Kurzaufenthalt an einem Ort, den man auch mit dem Zug erreichen könnte, würde sie aber niemals einen Flug buchen.
„Niemand muss sich schämen, wenn er fliegt“
Den moralischen Zeigefinger heben will die junge Frau ebenso wenig wie Agnes Eckstein. „Niemand muss sich schämen, wenn er fliegt“, findet Brandhofer. Sie selbst aber achtet auf ihren ökologischen Fußabdruck, auch im Urlaub. In die Toskana ging es vor einigen Wochen zwar motorisiert – aber zumindest mit neun Mitreisenden in einem kleinen Bus.
Auch Lukas von Andrian setzte sich für den Boulder-Urlaub in Österreich und den Besuch bei Verwandten im Allgäu in ein Auto. Mit Vater und Bruder in den Urlaub zu fliegen, kam für ihn aber nicht in Frage. „Ohne mich wollten sie dann auch nicht fliegen“, sagt der Schüler. Aktuell hilft er seinem Onkel, Totholz aus dessen Wald zu holen. „Auch das ist Klimaschutz“, sagt von Andrian. Die Äste und Stämme sind vom Fichtenkäfer befallen. Werden sie nicht entfernt, sterbe der Wald ab. Es gäbe also noch weniger Bäume, die das klimaschädliche CO2 binden könnten.
Lukas von Andrian macht erst im nächsten Sommer seinen Abschluss an der Realschule Bad Tölz. Bis dahin steht für den 15-Jährigen freitagvormittags weiterhin Klimaschutz auf dem Stundenplan. Aber auch in den Ferien nahmen sich von Andrian und viele Mitstreiter keinen Urlaub vom Klimaschutz: Die Protestmärsche in Bad Tölz fanden statt. „Wir haben den Zwei-Wochen-Rhythmus durchgehalten“, sagt von Andrian nicht ohne Stolz. Und auch die nächste Demonstration zum Ende der Ferien ist bereits geplant: Treffpunkt ist am kommenden Freitag, 6. September, um 11 Uhr am Tölzer Rathaus.
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