80 Jahre verschollen

Kronleuchter von Thomas Mann erstrahlt nun in  Tölz

+
80 Jahre lang war der Kronleuchter aus Thomas Manns Münchner Wohnsitz verschollen. Dass er jetzt in Bad Tölz hängt, darüber freuen sich (v. li.) Dirk Heißerer, das Ansbacher Spenderpaar Georg und Carolin Meiringer, Frido Mann und 3. Bürgermeister Christof Botzenhart.

80 Jahre lang war er verschollen: Jetzt ist ein Kronleuchter von Thomas Mann wieder aufgetaucht und wurde an die Tölzer Stadtbibliothek übergeben.

Bad Tölz – In Abwandlung eines bekannten geflügelten Wortes von Thomas Mann darf es jetzt heißen: „Bad Tölz leuchtet.“ Nach acht Jahrzehnten ist der verschollene achtarmige Kronleuchter aus dem Münchner Anwesen Thomas Manns an der Poschinger Straße wieder aufgetaucht.

Dass er jetzt nicht in der Landeshauptstadt, sondern im Thomas-Mann-Zimmer der Stadtbücherei den passenden, würdigen Platz gefunden hat, hat der in München lebende Enkel Frido Mann (78) so entschieden – in Abstimmung mit dem Literaturwissenschaftler und Vorsitzenden des Münchner Thomas-Mann-Forums Dirk Heißerer. Damit kann jetzt neben mehreren Repliken (zum Teil Filmrequisiten) auch ein wertvolles Originalstück gezeigt werden.

„Das literarische Begegnungszimmer in der Stadtbibliothek eignet sich dafür besonders, in München sehen wir dieses große Engagement nicht“, führte Dirk Heißerer aus, und Frido Mann nickte dazu zustimmend. Zuvor hatte 3. Bürgermeister Christof Botzenhart allen Beteiligten gedankt und ihnen versichert, dass diese Erinnerungskultur der Stadt ein großes Anliegen sei.

Lesen Sie auch: Tölzer Bürgerversammlung: Von B wie Baby bis V wie Verkehr

Am Wochenende fand in der Stadtbücherei die offizielle Übergabe statt. Mit dabei: Neben Frido Mann auch die Spender Georg Meiringer und Ehefrau Carolin aus Ansbach. Am 4. November 2018 sendete das ZDF in der Serie „History“ am Jahrestag der Reichsprogromnacht den Beitrag „Verwüstet – zerstört – entrechtet“. Dabei wurde auch das Arbeitszimmer von Thomas Mann gezeigt. Dem Ehepaar wurde klar, dass der einst vom Großonkel erworbene klassizistische Leuchter vermutlich ihm gehört haben muss. Sie suchten Kontakt zu Frido Mann und Heißerer und klärten die Angelegenheit gemeinsam auf: Nach der Ausbürgerung Thomas Manns 1937 veranstalteten die neuen Eigentümer der beschlagnahmten Münchner Villa (ausgerechnet der Verein „Lebensborn“) eine „Freiwillige Selbstversteigerung“, und dabei hat der Großonkel den Leuchter erworben. Für das Ehepaar Meiringer war es daraufhin Ehrensache, sich von diesem Erbstück zu trennen und es den Nachkommen Thomas Manns zurück zu geben.

Dass der „Licht- und Erkenntnisspender“ (Georg Meiringer) nun in Bad Tölz hängt, ist das vorläufig letzte Kapitel, wie sich die Stadt immer mehr zur „Thomas-Mann-Stadt“ mausert. Lange Zeit hatte man sich hier für die acht Tölzer Jahre (1909-17) der Mann-Familie herzlich wenig interessiert. Eine windschief dastehende Gedenktafel vor der Villa an der Heißstraße mit einem Zitat aus dem „Zauberberg“ fand nur bei Eingeweihten Beachtung. Als vor 30 Jahren Golo Mann (1909-94) die Stadt besuchte, änderte sich das ein wenig. Doch erst 100 Jahre nach dem Abschied der Familie hat sich das komplett gedreht: In Bad Tölz und im Umland ist eine regelrechte „Mannomania“ ausgebrochen, die einst kleine Thomas-Mann-Community wird immer größer.

Lesen Sie auch: Dem Kunstverein Tölzer Land droht nach 40 Jahren die Auflösung

Beinahe im Wochentakt finden dazu Veranstaltungen statt – aktuell läuft auch eine Ausstellung in Benediktbeuern. Angeschoben haben die neue Entwicklung seit 2014 der 3. Bürgermeister Christof Botzenhart und der direkt neben dem „Tölzhaus“ ansässige Thomas-Mann-Experte Martin Hake, die zusammen mit Dirk Heißerer den Spuren der Künstlerfamilie nachgehen und für ein würdiges Thomas-Mann-Gedenken werben.

Dass sich die Stadt davon auch zusätzliches Renommee und einen „touristischen Mehrwert“ verspricht, ist nur verständlich. (Rainer Bannier)

Kommentare