VonAlois Ostlerschließen
Bei Hochwasser rettet der Sylvensteinsee die Region immer wieder vor Überflutung, obwohl der Speicher eigentlich für das Gegenteil geplant war: Wassermangel.
Lenggries – Der Bau des Sylvensteindamms und des Speichersees war nach Überzeugung der Fachleute eine Meisterleistung in den Nachkriegsjahren. 1954 haben die Arbeiten begonnen. Erst 1960 war die Großbaustelle fertig. „Leider wissen wir sehr wenig bis gar nichts zum Ersteinstau oder der Feuertaufe, wie man das so wenige Jahre nach dem Krieg wohl genannt hätte“, sagt Tobias Lang. Er ist am Wasserwirtschaftsamt Weilheim zuständig für die Talsperren.
Belegt ist das mit einer Hochwasserwelle verbundene Datum vor 60 Jahren. Im Juni 1959 kam es laut Lang zu ergiebigen Niederschlägen im oberen Isartal. Der Sylvensteinspeicher füllte sich in den Tagen von 12. bis 16. Juni. „Die in Sachen Speicherbewirtschaftung gänzlich unerfahrene Bautruppe dürfte nicht wenig gestaunt haben, was da geschah“, sagt Lang. Schon das erste Hochwasser, das noch vor einer offiziellen Einweihung den Speicher füllte, war nach Einschätzung des Ingenieurs ein Paukenschlag. Mit einem Spitzenzufluss von 626 Kubikmetern pro Sekunde übertraf es das dem Talsperrenentwurf zugrunde gelegte sogenannte „Katastrophenereignis“ in Höhe von 600 Kubikmetern pro Sekunde.
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Um den erforderlichen Rückhalteraum des Speichers bemessen zu können, hatten sich die Ingenieure in der vorausgegangenen Planungszeit alle Mühe gegeben, berichtet Lang. „Da es im oberen Isartal keinen Pegel gab, der historische Hochwasserereignisse wie die von 1899, 1910 oder 1940 verlässlich aufzeichnete, hatten sie hilfsweise auf Abflussmessungen am Lech bei Füssen, der Iller in Kempten und der Tiroler Ache zurückgegriffen.“ Als Muster für die Speicherdimensionierung diente demnach letztlich die Welle des Isar-Hochwassers von 1940 mit einem angenommenen Spitzenzufluss von 608 Kubikmetern pro Sekunde.
Silvensteinsee: Erstes Hochwasser als Feuertaufe
„Als Testlauf für die Inbetriebnahme hatten sich die damaligen Konstrukteure sicher einen sanfteren Einstieg gewünscht“, so Langs Einschätzung. „Aber sie haben die Speicherbewirtschaftung offenbar hervorragend gemeistert und Bad Tölz und die Landeshauptstadt München vor großen Schäden bewahrt.“ Die Feuertaufe könne so auch aus heutiger Sicht als gelungen bezeichnet werden.
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Dem ging laut Lang ein anderes Hochwasserereignis voraus, nämlich das im Sommer 1954. „Es hatte die gerade begonnenen Baumaßnahmen zur Untergrundabdichtung in der Sylvenstein-Enge unterbrochen, die Baustelle geflutet und dort größere Schäden hinterlassen“, steht in einem Rückblick des Wasserwirtschaftsamts. Lang: „Es muss trotz des relativ geringen Spitzenabflusses in Höhe von 436 Kubikmetern pro Sekunde für die Planer der Talsperre jedenfalls so beeindruckend gewesen sein, dass noch in der Bauzeit des Damms die Entscheidung fiel, ihn um zwei Meter höher zu bauen als ursprünglich geplant.“ Dies habe die Bewirtschaftung des Junihochwassers 1959 maßgeblich erleichtert und sollte sich jahrzehntelang bewähren.
In den 1970er-Jahren begann man in Fachkreisen, das Phänomen des Klimawandels zu diskutieren, so Lang in seinem Rückblick. Einige Jahre später starteten die Planungen für die ab 1995 durchgeführte Nachrüstung des Sylvensteinspeichers. Die später verwirklichte Kompromisslösung bestand aus diesen drei Komponenten: zusätzliche Hochwasserentlastung, Erhöhung des Dammes um weitere drei Meter und lokale Anpassungsmaßnahmen in Bad Tölz und München.
60 Jahre Speicherbetrieb: 100 Millionen Euro investiert
Nach 60 Jahren Speicherbetrieb verfügt die Wasserwirtschaftsverwaltung über sehr viel mehr Erfahrung und Daten als im Jahr 1959, heißt es in einer Zusammenfassung zu dem Jahrestag. Demnach sind mit dem jeweiligen Hochwasser in den Jahren 1999, 2005 und 2013 wesentlich größere Ereignisse eingetreten. Lang fasst die sechs Jahrzehnte so zusammen: Die Talsperre hat zahlreiche Nachrüstungen, Ertüchtigungen und Sanierungen erlebt. Insgesamt wurden seit dem Jahr 1995 rund 100 Millionen Euro in den für den Hochwasserschutz des Isartals so wichtigen Standort investiert.
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Derzeit führt die Weilheimer Behörde, wie bereits Ende der 1980er-Jahre, eine sogenannte vertiefte Überprüfung der Talsperre durch. Bei dieser Routineuntersuchung werden laut Lang neben baulichen Aspekten der Talsperre auch naturwissenschaftliche Grundlagen wie die Hydrologie unter Berücksichtigung des Klimawandels überprüft. „Das Ergebnis bleibt noch abzuwarten“, so der Ingenieur. Die Wasserwirtschaft sei jedoch bereit, „den Standort Sylvensteinspeicher fortzuentwickeln und wie in den vergangenen 60 Jahren den Hochwasserschutz im Isartal sicherzustellen – insbesondere mit Blick auf den Ballungsraum München“.


