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In Münchens Parks lebt eine Artenvielfalt, die überrascht – darunter ist eine Spezies, die es nur hier gibt. Die Landeshauptstadt zeigt: Man muss nicht erst in die Berge fahren, um der Natur ganz nah zu sein.
München - Erst kürzlich wurde München zur fußgängerfreundlichsten Stadt der Welt gekürt. Das liegt unter anderem auch an den zahlreichen Grünanlagen der Stadt - man braucht nur an einem heißen Sommertag in den Englischen Garten zu gehen. Doch die wenigsten nehmen sich die Zeit, diese „grünen Lungen“ wirklich zu erkunden. Dabei kann man selbst in der Landeshauptstadt viele besondere Arten entdecken.
Die Landeshauptstadt München als Hotspot für Artenvielfalt
„Ich möchte die Menschen dazu anregen, auch mal stehen zu bleiben und genauer hinzuschauen“, erklärt Michael Hemauer, Biodiversitätsberater des Referats für Klima- und Umweltschutz der Stadt München. Im Rahmen des weltweiten Jane‘s Walk Fußverkehrsfestival (siehe Infobox), das dieses Jahr vom 3. bis 10. Mai erstmals auch in München stattfand, lud er Münchnerinnen und Münchner zu einem Spaziergang durch den Harthofanger im Stadtteil Milbertshofen-Am Hart ein. Dabei brachte Hemauer den Teilnehmenden die Artenvielfalt vor ihrer Haustür näher. Unsere Redakteurin war mit dabei.
Mehr zum Jane‘s Walk Fußverkehrsfestival:
Das Jane‘s Walk Fußverkehrfestival findet jährlich weltweit in verschiedenen Städten Anfang Mai statt. In München machte das Festival dieses Jahr zum ersten Mal Station. Organisiert wurde die Aktion von der „Initiative Fußverkehr München“, einem Zusammenschluss der Bund Naturschutz Kreisgruppe München e.V., FUSS e.V. Ortsgruppe München, Green City e.V. und VCD Kreisverband München e.V.
Entspannung, Freizeit und Lebensraum: Die Grünanlagen in München erfüllen viele Funktionen
Der Spaziergang findet an einem sonnigen, wenn auch frischem, Freitagnachmittag statt. Der Wind weht durch die Bäume am Harthofanger, man hört Grillen zirpen und drei Kaninchen hüpfen an den Spaziergängern vorbei. „Die kommen ja gelegen“, lacht Hemauer. Man sieht ihm seine Begeisterung für die Artenvielfalt in München an. Immer wieder unterbricht er seine Sätze, weil er einen Specht, eine Kohlmeise oder eine andere Vogelart hört. Dann weist er darauf hin, doch so geübt sind die Ohren der Teilnehmenden dann doch nicht.
„München als Stadt ist sehr versiegelt“, beginnt Hemauer zu erklären. Deshalb sei der Druck auf die Grünflächen groß - und ihr Erhalt umso wichtiger. Die Vegetation in der Stadt habe nicht nur eine optische Funktion. „Der Kühlungseffekt durch die Beschattung beträgt gefühlte zwölf Grad“, so Hemauer weiter. Die Grünanlagen wirken außerdem als Frischluftschneisen, wie unserer Redaktion auch DWD-Experte Lothar Bock in einem Interview erläutert hat. Bei den immer heißer werdenden Sommertagen spielen sie also eine wichtige Rolle. Zusätzlich bieten sie Lebensräume für zahlreiche Arten - von der Flora bis zur Fauna.
Linde, Buche, Esche und Spitzahorn gehören zu den gängigsten Baumarten in München. Besonders die Buche ist laut Hemauer die Baumart Mitteleuropas schlechthin: „Gäbe es uns nicht, wäre ganz Deutschland von Buchen bedeckt.“ Dabei hat uns diese Baumart auch kulturell geprägt. Hemauer erzählt enthusiastisch, dass „Buchstaben“ auf Stäbe aus Buchenholz zurückzuführen sind, in die die Germanen Runen ritzten. Auch das „Buch“ ist mit der „Buche“ verwandt.
Münchens Parks - ein Traum für Vogelfreunde: 112 Vogelarten sind hier Zuhause
Eine weitere beachtliche Baumart ist die Eiche. Laut Hemauer können auf einer alten Eiche bis zu 600 verschiedene Arten, wie zum Beispiel Insekten, Pilze, Flechten und Vögel, leben. Dabei handele es sich besonders um Mikrohabitate, wie Wölbungen, in denen sich Wasser ansammeln kann. Wer genau hinschaut, kann an manchen Bäumen auch eine andere Besonderheit finden. „Wo eine Spechthöhle ist, sind meistens auch andere“, erklärt Hemauer und zeigt auf einen Baum mit zwei schwarzen Löchern. In München werden diese vor allem vom Buntspecht erschaffen. Mit 20 Schlägen pro Sekunde klopft er nicht nur für sich einen gemütlichen Wohnraum ins Holz, sondern schafft damit auch Lebensraum für andere Vogelarten, Fledermäuse und Insekten. Der Specht gilt deshalb auch als eine Schlüsselart für Wald-Ökosysteme.
Um einen Specht zu finden, muss man nur seinem „kick-kick“-Ruf folgen. Andere Vogelarten machen es einem leichter und rufen gleich ihren eigenen Namen, wie der Stieglitz und der Zilpzalp. „Die beste Zeit für Singvögel ist zwischen vier und fünf Uhr morgens“, rät Hemauer. Der Landesbund für Vogel- und Naturschutz zählte zuletzt 112 brütende Vogelarten im Stadtgebiet München. Bei knapp 250 Brutvogelarten deutschlandweit ist das eine beachtliche Zahl. Laut Hemauer liege das besonders an der Isar als natürliches Ökosystem und der Heidenlandschaft im Münchner Norden.
Die Bayerische Zwergdeckelschnecke findet man nur im Münchner Stadtgebiet
Die Münchner Artenvielfalt reicht aber auch über den Vogelbestand hinaus. Von den laut Bund für Umwelt und Naturschutz 25 Fledermausarten in Deutschland kann man acht in München finden. Darunter befindet sich auch die kleinste heimische Fledermausart: Die Zwergfledermaus misst bloß 3,5 bis 5 Zentimeter und passt in eine Streichholzschachtel.
Es gibt jedoch noch weitere besondere Arten, die in München beheimatet sind. So kann man einen bedeutenden Teil der bayerischen Gesamtpopulation der Wechselkröte in den Schutzgebieten im Münchner Norden vorfinden. Der in Bayern stark gefährdete Idas-Bläuling ist in München eine weit verbreitete Tagfalterart. Und die Bayerische Zwergdeckelschnecke ist ein wahres Münchner Kindl: „Die bislang einzige bekannte Fundstelle dieser endemischen Art liegt an einem einzelnen Bachlauf im Münchner Stadtgebiet“, erzählt Hemauer.
Es lohnt sich also, nach der Arbeit noch durch die Münchner Parks zu schlendern und Augen und Ohren offenzuhalten. Aktionen wie das Jane‘s Walk Fußverkehrsfestival können helfen, die tierischen Nachbarn besser kennenzulernen. „Wenn man was dazu hört, dann sieht man das mit ganz anderen Augen“, bestätigt eine Teilnehmerin beim Spaziergang durch den Harthofanger. Und wer seine Nachbarn kennt, lernt sie schließlich auch wertzuschätzen.



