VonUlrike Schmidtschließen
Auf der Sicherheitskonferenz im Bayerischen Hof in München wird am Wochenende Weltpolitik gemacht. Ein Blick hinter die Kulissen.
München – Mit wem und wo wird sich Wolodymyr Selenskyj zum Vier-Augen-Gespräch treffen? Kanzler Friedrich Merz ist nur ein paar Zimmer entfernt. Und wer wird die größte und schönste Suite im Luxushotel Bayerischer Hof bewohnen, wenn über 50 Staats- und Regierungschefs unter dem Vorsitz von Wolfgang Ischinger bei der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) über die Weltlage beraten. In einer explosiven Zeit, in der noch mehr Kriege drohen; in der das letzte nukleare Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Russland ausgelaufen ist und klare wertebasierte Regeln nur noch eine unverbindliche Option sind.
Seit im vergangenen Jahr US-Vize-Präsident JD Vance die 900 SIKO-Teilnehmer und das ganze Hotel mit Anti-Europa-Tiraden in Schockstarre versetzte, muss man auch bei der 62. Auflage an diesem Wochenende auf fast alles gefasst sein. Wobei es für Aufzugfahren, in den Gängen oder Restaurants eine festgeschriebene Regel gibt, die „Munich Rule“: „Tretet in Kontakt miteinander, aber belehrt oder ignoriert einander nicht“.
Münchner Sicherheitskonferenz: 1000 Flaschen Wein, 2000 Flaschen Bier, 25 000 Flaschen Softdrinks
Der Bayerische Hof wird drei Tage lang im wahrsten Sinne der Nabel der Welt sein – bewacht von über 1000 Sicherheitskräften, geschützt von einem Drohnenabwehrsystem sowie jeder Menge Scharfschützen auf dem Dach und auf umliegenden Gebäuden – und damit auch der sicherste Ort Münchens. Keine Maus kommt ab dem morgigen Donnerstag mehr unbeobachtet rein oder raus. Alles muss durch Sicherheitsschleusen, jedes Blumenarrangement. Und jeder der 700 Mitarbeiter ist polizeilich registriert und wird kontrolliert. Nicht einmal Lieferanten dürfen das Hotel noch anfahren.
Alles, was gebraucht wird, ist längst gebunkert: die Zutaten für 4000 Essen und 150 verschiedene Gerichte, die in drei Tagen serviert werden; zubereitet von 80 Köchen, 24 Stunden am Tag. Allein 1,5 Tonnen Fleisch und Fisch werden verarbeitet. Vieles auch nach spezifisch religiösen Regeln; dazu müssen Unverträglichkeiten Einzelner berücksichtigt werden, die bis zu zwei Seiten umfassen können und im Vorfeld via E-Mail an das Hotel geschickt wurden.
1000 Flaschen Wein werden am Ende der MSC, am Sonntagabend, getrunken sein, vorwiegend Riesling. 2000 Flaschen Bier, 25 000 Flaschen Softdrinks und 16 000 Tassen Kaffee – daneben auch 1200 Stück Kuchen verputzt. Und 70 Zimmermädchen atmen auf, wenn alles gutgegangen ist und sich die über 50 Staats- und Regierungschefs mit ihren Delegationen wohlgefühlt haben. Oft kennt man sich schon über Jahre und weiß um die Vorlieben des Gastes, zum Beispiel, wie viele Kissen er will.
USA nicht im Bayerischen Hof: zu wenig Platz
Doch nicht alle können im Haus wohnen, die USA residieren im Westin Grand, sie allein brauchen 300 bis 400 Zimmer. Bei der Konferenz aber sind sie alle am Promenadeplatz. Und ob Franzosen mit Präsident Emmanuel Macron an der Spitze, die Italiener mit Giorgia Meloni, Chinesen, Russen, Araber, Israelis, Ukrainer – jedem wird dieselbe Aufmerksamkeit zuteil. Die ganze Welt schaut also auf den Bayerischen Hof, TV-Reporter und Journalisten berichten rund um die Uhr – am liebsten von der Empore mit Blick auf die Lobby oder den Ballsaal als Tagungssaal im Hintergrund. Das Haus ist brechend voll, 2500 Teilnehmer (mit NGOs, geladenen Firmen) werden vor Ort sein.
Wer wo genau im Bayerischen Hof wohnen darf, ist geheim. Die größte und schönste Penthouse-Garden-Suite (zwischen 12 000 und 15 000 Euro die Nacht) mit 300 Quadratmetern, Sauna, eigenem Fitnessbereich, Küche und Blick über München geht an eine Delegation aus dem Mittleren Osten, wir vermuten, einen Prinzen. Klar ist aber, die Ranghöchsten residieren in den weiteren Suiten wie Presidential- und Panorama-Suiten (100 bis 120 Quadratmeter, 4800 Euro), die auch höheren Sicherheitsanforderungen gerecht werden müssen.
Hotelinhaberin Innegrit Volkhardt rund um die Uhr im Einsatz
Eine aber ist immer da und bezieht dafür auch ein Zimmer: Hotelinhaberin Innegrit Volkhardt (60), die 24 Stunden ansprechbar sein muss. Für die drei Tage übergibt sie das Hausrecht an die MSC. Denn sollte es zu einer Gefahrenlage kommen, müssen die Einsatzkommandos sofort ohne zeitverzögernde Kommunikationswege reagieren können. Doch wenn es um Gästebelange geht, bleibt Innegrit Volkhardt die Chefin. Und freilich – irgendwas ist immer.
In der Geschichte der Konferenz, die 1963 mit 60 Teilnehmern begann (nur zwei Mal wurde ausgesetzt, 1991 beim Golfkrieg und 1997 wegen des Wechsels in der Konferenzleitung), hat es noch nie größere Zwischenfälle gegeben. Nur einmal hat sich im noch alten Garden-Restaurant im Halfter eines Sicherheitsmannes ein Schuss gelöst, der im roten Marmor steckenblieb, gottlob ist nicht mehr passiert.
Die Herausforderung, die immer wieder alles auf den Kopf stellt: Wenn ein Regierungsmitglied plötzlich im Englischen Garten joggen will – wie 2025 die damalige Außenministerin Annalena Baerbock. Da muss dann der Staatsschutz nebenherlaufen...
Sicherheitskonferenz: Plätze für Vier-Augen-Gespräche
Im sichtbaren Fokus dieser Tage steht vor allem die Konferenz selbst. Doch das Allerwichtigste passiert hinter verschlossenen Türen: Vier-Augen-Gespräche, die spontan verabredet werden. Der ukrainische und kriegsgebeutelte Präsident Wolodymyr Selenskyj wird da besonders großen Bedarf haben, aber auch die USA. Wobei die iranische Führung nach den Gewaltexzessen an Demonstranten mit geschätzt 30 000 Toten wieder ausgeladen worden ist.
Dafür aber nimmt Schah-Sohn Reza Pahlavi an der Konferenz teil – als Hoffnungsträger der iranischen Opposition und vielversprechender Mann einer möglichen Übergangsregierung. Er wird nach vielen Seiten bilateralen Redebedarf haben, um die Rückkehr nach Persien über möglichst viele Regierungen absichern zu können.
Etagen für bilaterale Gespräche geräumt
Vier-Augen-Gespräche sind der schnellste Weg zur Verständigung. Rund 2000 werden stattfinden – und dafür wurden im Haus die Zimmer ganzer Etagen geräumt, also ein Drittel der 337 Zimmer. Darüber hinaus werden 40 Banketträume mit „Side-Events“ bespielt – zum Beispiel Essens-Einladungen einzelner Länder. Außerdem stehen fünf Restaurants, sechs Bars, der Night Club und die Komödie zur Verfügung, in die die Konferenz übertragen wird. Alles eine logistische Hochleistung! Und es darf nichts schiefgehen...
Pressesprecher Philipp Herdeg sagt: „Es ist ein sehr herausforderndes Wochenende, aber der Spirit und die besondere Atmosphäre sowie der Zusammenhalt im Team gleichen jede Anstrengung aus! Deshalb kommen ja auch so viele ehemalige Mitarbeiter, nur um uns an diesem einen Wochenende zu unterstützen!“ Selbst die ganze Hotelverwaltung macht mit und wechselt für die drei Tage die Jobs: Kann dann schon sein, dass die Personalerin Gäste empfängt oder in der Küche Kartoffeln schält.
Schließlich will die Konferenz nichts weniger als die Weltordnung wieder neu auf- und herstellen!
Rubriklistenbild: © Nowak/HBH







