BEUTEGREIFER

Nach LfU-Bestätigung: Bärenspuren sorgen für Verunsicherung im Landkreis Miesbach

+
Das ist die Mutter von Bruno und Gaia. Die Bärin Jurka – hier 2001 im Trentino – wurde 2010 eingefangen und lebt heute in einem Wildpark im Schwarzwald.
  • schließen
  • Dieter Dorby
    Dieter Dorby
    schließen

Tatzenabdrücke im Schnee, während keine 200 Kilometer südlich ein Mensch von einem Bären getötet wurde: Die vom Landesamt für Umwelt (LfU) bestätigten Braunbärenspuren im Grenzgebiet zu Österreich sorgen für Unruhe im südlichen Landkreis Miesbach.

Landkreis – Von einem „unguten Gefühl“ spricht Georg Kittenrainer. Vor allem die Almbauern seien in „großer Sorge“, berichtet der Bayrischzeller Bürgermeister auf Anfrage. Wo genau die Spuren eines Braunbären im Grenzgebiet zwischen Bayern und Österreich (wir berichteten im überregionalen Teil) gefunden wurden, wusste er gestern aber auch nicht. „Ich kenne nur die Pressemitteilung des LfU.“

Angesichts der geringen Distanzen sei dies aber zweitrangig. „Wir können nur hoffen, dass er sich nicht bei uns niederlässt“, sagt Kittenrainer. Die Ereignisse im Trentino – die Bärin Gaia hatte dort vor rund zwei Wochen einen Jogger getötet – haben ihn nicht kalt gelassen: „Der Schutz des Menschen muss oberste Priorität haben“, betont er. Leider habe der tödliche Angriff in Südtirol aber gezeigt, „dass das nicht so reibungslos funktioniert wie es uns immer suggeriert wird“.

Schutz der Almen im Vorrang vorne

Sein Schlierseer Amtskollege Franz Schnitzenbaumer ist dagegen froh, dass das Thema öffentlich und pragmatisch diskutiert wird. Denn er sieht die Almwirtschaft in Gefahr, wenn durch Wolf oder Bär das Vieh auf der Alm bedroht ist. „Das ist unser artenreichster Lebensraum“, sagt Schnitzenbaumer. „Ohne Bewirtschaftung verwalden diese Flächen, und Lebensräume für viele Insekten, Tiere und Pflanzen gehen verloren.“ In einer Güterabwägung sieht er die großen Beutegreifer nicht an erster Stelle.

Lesen Sie auch: Schutzstatus überdenken: Bundestagsabgeordneter und Landrat mahnen, Bär und Wolf ernst zu nehmen

Dennoch sei eine Entnahme nicht generell die zwingende Folge. Vielmehr würde er es auf die jeweilige Situation abstellen: „So lange Bär und Wolf den Menschen und sein Vieh scheuen, habe ich keine Bedenken.“ Anders sei es, wenn ein großer Beutegreifer – wie einst Problembär Bruno – diese Scheu verliert. Da es auf natürlichem Weg keine Regulierung gebe, muss eine Überpopulation aus Schnitzenbaumers Sicht durch den Menschen geregelt werden.

Problematisches Zusammenleben

Für Brigitta Regauer ist der aktuelle Spurennachweis des Braunbären kein Grund, sich aufzuregen. Der Grund ist einfach: Die Kreisbäuerin aus Fischbachau warnt schon seit Jahren davor, dass das Zusammenleben von Mensch und wilden Tieren nicht so harmonisch ablaufe, wie es sich mancher verklärt-romantisch vorstellen mag. 2006, als Braunbär Bruno nahe der Kümpflalm erschossen wurde, ist die Landwirtin und Almbäuerin mit dem Thema große Beutegreifer in Kontakt gekommen und geblieben. Mit dem Wolf, der 2010/11 im Landkreis nachgewiesen worden war, stieg sie immer tiefer in die Materie ein. Ihre Erkenntnis: Weder Schutzzäune noch Herdenschutzhunde können das Vieh wirksam und dauerhaft schützen. Und für den Bären gilt dasselbe wie für den Wolf.

„Es war richtig, den Bären 2006 abzuschießen“, sagt Regauer heute. Man habe damals wegen der vielen Leute, die nach dem Bären suchten, „die Reißleine ziehen müssen. Zu deren Schutz.“ Denn was passieren kann, wenn Bär und Mensch zusammenstoßen, habe man im Trentino gesehen.

„Im Frühjahr“, sagt sie, herrsche bei den Landwirten ein Gefühl der Leichtigkeit. „Das Vieh kommt auf die Weide, man hat weniger Arbeit. Eigentlich eine schöne Zeit. Aber diese Leichtigkeit fehlt jetzt.“ Heute überlege man, wie viel Vieh auf den Almen man riskieren kann.

Eine erleichterte Entnahme würde aus Regauers Sicht helfen: „Das Problem ist, wenn Beutegreifer die Scheu vor dem Menschen verlieren. Jedes Tier geht so weit, wie es möglich ist. Es sucht seine Grenzen.“ Wobei sie auch sagt: „So lange der Bär nicht negativ auffällt, hat man kein Problem damit.“ Unter den Bauern werde das Thema aber sehr ernst genommen. „Die Whatsapp-Gruppen sind voll“, sagt sie. „Die Aufmerksamkeit ist groß.“

Abschuss schwierig

Eines ist aus Sicht von Kreisjagdberater Wolfgang Kuhn aber jetzt schon klar: Ganz so einfach wäre ein – auch genehmigter – Abschuss nicht. Wie schon bei Bär Bruno handle es sich hier um eine Angelegenheit der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Eine Anwendung des Jagdrechts auf den Bären sei nicht so ohne Weiteres umsetzbar. Wie auch beim Wolf seien viele Fragen zu klären. Wie etwa, ob auch hier der Muttertierschutz gelte. „Es ist alles sehr komplex“, sagt Kuhn.

So dürften nicht von heute auf morgen alle Jäger im Landkreis plötzlich auf den Bären anlegen. Im Gegenteil: Theoretisch könnte auch eine waffenrechtliche Sondergenehmigung erteilt werden, deren Ausübung beispielsweise auch eine militärische Spezialeinheit mit dem Scharfschützengewehr übernehmen könnte. Grundsätzlich würde aber ein normales Hochwildkaliber ausreichen, wie es beispielsweise auch in der Hirsch- oder Elchjagd zum Einsatz komme. So oder so stellt Kreisjagdberater Kuhn aber klar: „Kein Jäger im Landkreis ist scharf darauf, den Bären zu schießen.“ Nicht zuletzt wegen möglicher Anfeindungen.

ddy/sg

Kommentare