VonAndreas Steppanschließen
Nach Leerstand, Nutzung als Unterkunft für Geflüchtete und Umbau beherbergt die Jachenauer „Post“ nach vielen Jahren wieder einen gastromischen Betrieb und ein Hotel. Das hatten offenbar viele herbeigesehnt. Vom Eröffnungstag weg rannten die Gäste den Pächtern die Bude ein.
Jachenau – Ein Ehepaar um die 60 kommt herein, schaut sich bewundernd im Raum um, und der Mann verkündet mit rheinischem Akzent: „Das sieht ja jetzt ganz anders aus! Wir haben nämlich schon früher immer hier übernachtet und fanden es so traurig, als es geschlossen hat.“
Szenen wie diese spielen sich derzeit regelmäßig in der Jachenauer „Post“ ab – beziehungsweise im Hotel im Sonnental und Café 7 1/3, wie die Betriebe im Haus seit der Wiedereröffnung am 15. Juli heißen. Die Pächter, Brigitte Riesch (52) und Richard Jakob (49) aus Lenggries, haben seither turbulente Wochen erlebt. Der Gästeandrang war von Beginn an groß.
„Es war für uns ein Kaltstart und ging gleich mit Vollgas los“, beschreibt es Richard Jakob – und findet es trotz Stress auch „gut so“. Ganz einfach war der Auftakt nicht – denn die Eröffnung fiel nicht nur in die Hochsaison, in der es nicht so leicht ist, Personal anzuheuern, sondern noch dazu in einen Rekordsommer, der unzählige Ausflügler in Richtung Jachenau und Walchensee zog. Außerdem zeigte sich, dass viele Einheimische und Auswärtige den Neustart geradezu herbeigesehnt hatten.
„Viele Tagestouristen sagen uns, dass ihnen so eine Anlaufstelle in der Jachenau gefehlt hatte“, berichtet Brigitte Riesch. Denn im „7 1/3“ können Wanderer, Radfahrer oder Badeausflügler unterwegs einen Kaffee trinken, ein Stück hausgemachten Kuchen oder ein kleines Gericht wie Chili con Carne oder eine Gulaschsuppe essen. Mit den unmittelbar benachbarten Wirtschaften, dem „Schützenhaus“ und dem Gasthaus Jachenau, komme man sich somit nicht in die Quere, sagen Riesch und Jakob.
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Das Hotel umfasst im ersten und zweiten Stock 14 Zimmer und drei Ferienwohnungen mit zusammen bis zu 40 Betten. Vom Start weg „sind die Zimmer sehr gut belegt“, sagt Brigitte Riesch – „und das, obwohl wir noch gar keine Werbung gemacht haben“. Viele Kurzentschlossene seien froh gewesen, spontan eine Unterkunft zu finden – ein Anzeichen dafür, dass die Jachenau die zusätzlichen Hotelbetten gut gebrauchen kann.
Anders als erwartet quartierten sich nicht in erster Linie Kurzurlauber ein, wie etwa Fernwanderer oder Radtouristen. „Die Hälfte unserer Gäste haben bisher fünf Nächte und mehr gebucht“, erklärt Jakob, und seine Partnerin berichtet von den Urlaubern aus Nordrhein-Westfalen, die zwei Wochen da waren – und jeden einzelnen Tag am Walchensee verbrachten.
Ins Café kommen laut den Wirtsleuten auch viele Einheimische. Bei der Produktauswahl haben die Pächter auf eine eigene Linie geachtet. „Wir wollten nicht, dass es bei uns nur das gleiche gibt wie in jedem anderen Bistro, sodass es sich auch lohnt, dafür mal von Tölz zu uns in die Jachenau zu fahren“, sagt Jakob. So stehen auch Tee-Cocktails oder alkoholfreie Craft-Biere auf der Karte. Viel Zuspruch erhalten die Inhaber nach eigenen Angaben für ihren Kaffee aus einer Amberger Rösterei – Richard Jakob stammt übrigens ebenfalls aus der Oberpfalz. „Gäste aus dem Münchner Umland sagen manchmal: Wir hätten nicht gedacht, dass wir in der Jachenau so einen guten Kaffee bekommen“, erzählt er.
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Anklang findet nicht zuletzt die Gestaltung der Räume. Durch das einstige Ladenfenster der früheren Metzgerei fällt viel Licht, und auch aus dem ersten Stock strahlt die Sonne durch Lichtdurchlässe neben dem auf einer Art Galerie platzierten Frühstücksraum herunter. Das kleine Café mit seinen 40 Plätzen ist hell und modern eingerichtet. Mit den freigelegten alten Balken knüpft es gleichzeitig an die Tradition des ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Hauses an. Die Gasträume der vor knapp zehn Jahren geschlossenen ehemaligen „Post“ wurden jedoch mittlerweile im Wesentlichen zum Sitz der Gemeinde umgebaut. Der Cafébetrieb spielte sich in den ersten Wochen unterdessen vorwiegend auf der Terrasse mit ihren 60 Plätzen ab.
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Die Hotelzimmer und Ferienwohnungen sind vom Grundriss gleich geblieben – nur dass dem aus Brandschutzgründen nötigen neuen Treppenhaus in der Gebäudemitte zwei Zimmer weichen mussten. In den Zimmern wurden die Böden geschliffen und die Wände geweißelt. Die Betten, Schränke und Nachtkästchen wurden zum Großteil hergerichtet und übernommen – wobei Lattenroste, Matratzen und Vorhänge neu sind.
Nach den Herbstferien wollen sich Brigitte Riesch und Richard Jakob ein wenig Zeit zum Durchschnaufen nehmen – und zum Durchdenken all dessen, was sie seit Mitte Juli in der „Post“ erlebt haben. Dazu sind sie bislang kaum gekommen. Auch wenn sich die Personalsituation mit einer Voll- und zwei Teilzeitkräften sowie Aushilfen ein wenig eingependelt hat, hat das Paar oft 16-Stunden-Tage zu bewältigen. Ihre alten Jobs vermissen die Hotelfachfrau und der Finanzberater trotzdem nicht.
