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Vor Ort wird er liebevoll „Padre José“ genannt. An seiner Wirkungsstätte in Brasilien steht Pater Sepp Wasensteiner aus Lenggries nun vor großen Herausforderungen.
Lenggries/Timbiras – Brasilien hat sich zu einem Epizentrum der Corona-Pandemie entwickelt. Das südamerikanische Land liegt mit über 740 000 bestätigten Infektionen weltweit hinter den USA auf Platz zwei bei den Fallzahlen, und nirgends sonst sind an einem Tag so viele Menschen an Covid-19 gestorben wir zuletzt in Brasilien. Wie sich das im täglichen Leben vor Ort auswirkt, das erlebt Pater Josef Wasensteiner hautnah in der Stadt Timbiras. Der aus Lenggries stammende Pater des Pallottiner-Ordens lebt und wirkt seit fast 30 Jahren im Bundesstaat Maranhão. Aktuell ist er stark gefordert, Familien in wirtschaftlicher Not zu unterstützen und Hinterbliebenen Trost zu spenden.
„Padre Sepp“ oder „Padre José“, wie er genannt wird, schickt regelmäßig Briefe in die alte Heimat im Isarwinkel. Dem Tölzer Kurier berichtete er nun zusätzlich über WhatsApp-Sprachnachrichten von der Lage in seinem Umfeld.
Einen Monat nach Padre José kam die Pandemie in Timbiras an
Der Ausbruch der Corona-Pandemie im Nordosten Brasiliens fiel für Wasensteiner mit der Eingewöhnung an einer neuen Wirkungsstätte zusammen. Erst am 16. Februar hatte ihn Diözesanbischof Dom Sebastião in einem feierlichen Gottesdienst in seiner neuen Pfarrei in der Stadt Timbiras eingeführt. Nach 28 Jahren war er aus dem nahe gelegenen Codó hierher versetzt worden.
Etwa einen Monat später kam die Corona-Krise in der Region an. Lange Zeit war Maranhão der einzige brasilianische Bundesstaat ohne bestätigte Infizierte gewesen. Mittlerweile liegt die Zahl der Infizierten bei rund 50.000, in Codó (rund 122.000 Einwohner) sind es etwa 1500, in Timbiras (30.000 Einwohner) gibt es etwa 340 Infizierte und 13 Tote (Stand Dienstag). Zum Vergleich: In Bad Tölz-Wolfratshausen (127 000 Einwohner) wurden bislang 424 Infektionen registriert.
Wasensteiner hält die amtlichen Statistiken aber nur bedingt für aussagekräftig. „Was man so von vielen Bekannten hört, die inzwischen infiziert sind, ist die Dunkelziffer mit Sicherheit noch viel höher“, erklärt er. In großen Städten gehe man davon aus, dass sich etwa siebenmal mehr Menschen angesteckt haben als in den Statistiken aufgeführt.
Corona in Brasilien: „Die schwächeren Personen sind automatisch dem Tod preisgegeben“
Die Folgen der Pandemie beschreibt Padre Sepp als gravierend. „Bei unserem katastrophalen Gesundheitssystem, das überhaupt nicht auf eine solche Krise vorbereitet ist – keine Betten hat, keine Beatmungsgeräte – sind die schwächeren Personen automatisch dem Tod preisgegeben“, sagt er. Im Krankenhaus in São Luis, der Hauptstadt von Maranhão, „sehen Ärzte machtlos zu, wie ihnen die Leute aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten wegsterben“.
Für die Bevölkerung habe die Krise auch heftige wirtschaftliche Folgen. Dabei trete „die krasse soziale Ungleichheit“ offen zutage. Der Stillstand des öffentlichen Lebens bedeute: „Die Reichen leiden Langeweile, und die Armen leiden Hunger.“ Die Pfarrei versuche, für „viele, viele arme Familien Lebensmittel zu organisieren“.
Zudem bemühe er sich, den Menschen über WhatsApp-Nachrichten, YouTube-Videos oder Facebook-Posts „Hoffnung zu machen und den Angehörigen der Todesopfer Trost zu spenden“. Vereinzelt kämen auch Menschen – „mit gewisser Distanz und Gesichtsmaske“ – zu Beratungs- oder Beichtgesprächen in das kleine Pfarrhäuschen, in dem der Pallottiner-Pater alleine lebt. Öffentliche Gottesdienste hält er aber nicht ab. „Wir halten uns da strikt an den Schutz des Lebens“, sagt Wasensteiner – obwohl der örtliche Bürgermeister auf Druck der Freikirchen religiöse Feiern erlaubt habe.
Pater Josef Wasensteiner übt scharfe Kritik an Präsident Bolsonaro
Stark umstritten ist auch in Timbiras das Krisenmanagement des rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro. Padre Sepp findet klare Worte: Dessen Politik sei „unter aller Sau“, Bolsonaro „eine völlige Niete“. Er nehme Kürzungen im Gesundheitsbereich vor, verharmlose das Coronavirus und gebe ein schlechtes Beispiel, indem er weiter ohne Einschränkungen und ohne Gesichtsmaske unter die Menschen gehe und dabei Kinder umarme. „Es ist schon verrückt, was so ein Präsident an Schlimmem für eine Nation anrichten kann“ sagt Wasensteiner.
Und die Menschen in Timbiras? Viele seien gegen Bolsonaro, fühlten sich von ihm verraten und würfen ihm mangelnde „Liebe zu den Menschen“ vor. „Im Grunde sind sie dafür, dass mehr Einschränkungen gelten sollten – aber selbst nehmen sie es damit oft nicht so genau“, stellt der Geistliche fest.
Die Maranhenses seien eben „sehr kommunikative Menschen. Sie halten es nicht so lange zu Hause hinter verschlossenen Türen aus. Sie gehen raus, besuchen Verwandte und setzen sich an die Bar und trinken ein Bierchen.“
Für viele Menschen in Brasilien geht es in Corona-Krise „ans Eingemachte“
Aber auch rein wirtschaftlich könnten es sich die meisten Menschen schlicht nicht leisten, in den eigenen vier Wänden zu verharren. „Damit die Familien überleben können, versuchen die Menschen, sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser zu halten, zum Beispiel mit kleinen Moped- oder Fahrradflick-Werkstätten.“ Für sie gehe es jetzt wirtschaftlich „ans Eigemachte, sie leben von der Hand in den Mund“.
Der Staat gewähre zwar eine Corona-Nothilfe, habe diese aber zuletzt halbiert auf 50 Euro. „Damit kommt man nicht über die Runden.“ Zudem würden sich vor den Banken lange Schlangen bilden, weil die Menschen das Geld abholen. „Und gerade in solchen großen Ansammlungen besteht ja die größte Gefahr, das Virus zu übertragen“, stellt Padre José fest.
Und wie fühlt sich der 62-Jährige selbst? „Mir persönlich geht es soweit gut, wenn man so sagen kann, innerhalb dieser schwierigen Situation“, schreibt er. „Man macht sich Sorgen bezüglich der Menschen, für die man eine Verantwortung hat.“
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