VonChristoph Petersschließen
1984 zog Michael Asam in den Marktgemeinderat ein, zwölf Jahre später wählten ihn die Peitinger erstmals zu ihrem Bürgermeister. 24 Jahre sollte der heute 66-Jährige die Geschicke der Marktgemeinde leiten. Zu seinem Abschied aus dem Rathaus sprachen wir mit dem Sozialdemokraten über volle Ordner, große Herausforderungen und auf was er sich jetzt besonders freut.
Am 30. April endet offiziell Ihre Dienstzeit. Haben Sie schon alle Sachen gepackt?
Asam: Nein. Leider noch nicht. Unser ITler hat mich schon darauf hingewiesen, dass ich meine virtuellen Ordner im System ausmisten soll. Sie glauben gar nicht, wie viele hundert das sind. Die Zeit wird immer knapper und mir wird immer mehr Angst, ob ich das schaffe. In 24 Jahren sammelt sich halt einiges an.
Als Sie 1996 ihr Amt angetreten haben, hatten Sie damit gerechnet, dass Sie diesen Job bis zur Rente machen würden?
Asam: Gehofft sicher, aber es gab zwei Gründe, warum ich es nicht erwartet habe. Der eine war, dass man immer das Damoklesschwert des politischen Amts über sich hat, wirst du überhaupt wieder gewählt werden? Der andere war die offene Frage, ob mir der Beruf überhaupt so gefallen würde, dass ich ihn ständig machen wollen würde. Es war tatsächlich so, dass ich fast ein Jahr gebraucht habe, bis ich mich richtig wohlgefühlt habe in dem Amt. Das war nicht einfach. Ich habe oft überlegt, was hast da angestellt, wieso hast dich zur Wahl gestellt? Wärst doch lieber in deinem Beruf geblieben. Das hat sich Gott sei Dank gegeben.
Damals beendeten Sie eine 42-jährige CSU-Ära im Rathaus. Die Heimatzeitung sprach von einer Wahlsensation, als Sie sich in der Stichwahl gegen Herwig Skalitza durchsetzten. Hatten Sie mit dem Erfolg gerechnet?
Asam: Überhaupt nicht. Es war damals eher eine Prestige-Sache des SPD-Ortsvereins, wieder einen Kandidaten aufzustellen. Da ging es darum, einen Achtungserfolg zu erzielen. Unter der Prämisse bin ich auch angetreten. Ich habe nie im Leben geglaubt, dass es klappt. Eine nette Anekdote: Bei der Knappschaft habe ich damals einen neuen Beruf erlernt. Eine Woche vor der Stichwahl hatte ich meine mündliche Prüfung zum Sozialversicherungsfachwirt in Bochum, die ich bestanden habe. Damit war eine fünfjährige Ausbildung erledigt und ich heilfroh, das überstanden zu haben. Ich dachte, jetzt kehrt endlich ein bisschen Ruhe ein. Und dann wirst zum Bürgermeister gewählt (lacht). Am Abend nach den ersten Feierlichkeiten nach der Wahl bin ich morgens früh um zwei vor der Haustür gestanden, hab’ raufgeschaut und den lieben Herrgott gefragt, was hast du da mit mir angestellt? Das war schon eine Riesenüberraschung.
Die Peitinger haben Sie anschließend richtiggehend ins Herz geschlossen, wenn man die Wahlergebnisse ansieht. 2002 holten Sie 88 Prozent gegen Franz Seidel, 2008 79 Prozent gegen ihren jetzigen Nachfolger Peter Ostenrieder und 2014 waren es 81 Prozent gegen Michael Deibler. Wie erklären Sie sich eine solche Konstanz und Akzeptanz?
Asam: Kann man das selber erklären? Ich glaube, die Leute haben schon gespürt, dass ich ein Bürgermeister für alle bin und kein Parteibürgermeister und auch das Herz habe, das man für so ein Amt braucht. Verwaltungs- und Managementerfahrung allein reicht nicht, du wirst mit unterschiedlichsten Problemen konfrontiert, von schwersten Krisen in Familien, über Todesfälle, eben querbeet durch die Gesellschaft. Ich habe, glaube ich, immer bewiesen, dass ich für jeden ein offenes Ohr hatte, manchmal zum Leidwesen meiner Frau, die oft gesagt hat, du musst auch mal Nein sagen können. Aber für die Bürger da zu sein, war immer meine Prämisse als Bürgermeister. Auch wenn am Karfreitag jemand mittags vor der Haustür steht, hat er Hilfe bekommen.
Haben Sie sich je gefragt, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn Sie 1996 nicht gewählt worden wären?
Asam: Schon manchmal. Mein erster Beruf war Radio- und Fernsehtechniker. Damals hatten frühere Kollegen sehr erfolgreich einen größeren Betrieb aufgezogen, wo ich hätte einsteigen können. Das hat mich schon ab und zu beschäftigt. Aber das waren nur kurze Situationen. Ansonsten war Bürgermeister für mich ein Traumberuf. Es gibt keinen schöneren Job. Wo bekommt man sonst so viele Einblicke in alle möglichen Bereiche des Lebens? Ich hatte natürlich auch das Glück, dass mir eine sehr gute Verwaltung zur Verfügung stand.
24 Jahre sind eine lange Zeit. Viele Projekte wurden in dieser Zeit verwirklicht. Worauf sind Sie besonders stolz?
Asam: Besonders gefreut hat mich die Ansiedlung der Firma Gaplast und generell die Firmen, die im Anschluss an die Schließungen der großen Betriebe Pfleiderer, Agfa und Zarges in Peiting sich niedergelassen haben. Sie haben dafür gesorgt, dass Peiting wieder gut dasteht, was Arbeitsplätze und Steuereinnahmen anbelangt. Ganz aktuell freut mich der soziale Wohnungsbau, der am Bahnhof Ost entsteht. Und natürlich die Entwicklung des Ortes insgesamt, ich denke, dass der Gemeinderat und ich das gut hinbekommen haben. Die öffentlichen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten sind gut in Schuss. Das war immer ein großes Anliegen von uns.
Hat sich die Arbeit als Bürgermeister über die vielen Jahre verändert?
Asam: Die handwerkliche Arbeit hat sich schon verändert durch die EDV. Die Verwaltungsabwicklung ist dadurch erleichtert worden. Man kommt heute viel schneller an Informationen, kann schneller reagieren. Das erwarten die Leute aber auch. Wenn man früher einen Brief bekommen hat, dann hatte man eine Woche Zeit, um ihn zu beantworten. Das geht heute nicht mehr. Wenn ich eine Mail erhalte, wird spätestens am nächsten Tag nachgefragt, ob die Mail auch angekommen ist.
Was war rückblickend die größte Herausforderung, die Sie in Ihrer Amtszeit stemmen mussten?
Asam: Die Diskussion über den Neubau des Marienheims hat mir am meisten zugesetzt. Das war zum Schluss meiner Amtszeit eine Erfahrung, die hätte ich lieber nicht gemacht. Ich habe nie eine böse Absicht gehabt, bin aber immer verurteilt worden, dass ich gegen die Bürger arbeite. Solche Vorwürfe habe ich eigentlich nur im Asylbereich kennengelernt.
Gab es Tage, an denen Sie hinschmeißen wollten?
Asam: Ja, die gab es. Aber erst zum Schluss. Da hab’ ich mir nach einer der Sitzungen zum Marienheim gedacht, wenn es so weitergeht, dann lass ich es lieber bleiben. Am nächsten Tag sieht die Welt dann aber schon wieder anders aus.
Was war der schönste Moment Ihrer Amtszeit?
Asam: Da gibt es viele. Ein tolles Erlebnis war die Feier zu 50 Jahre Schließung Bergwerk. Da habe ich einen wahnsinnigen Zusammenhalt der Bevölkerung verspüren können, eine Begeisterung, mit der ich nie im Leben gerechnet hatte. Es war sehr berührend zu sehen, wie der Markt immer noch zu seiner Bergwerksgeschichte steht. Ein toller Moment.
An was erinnern Sie sich ungern?
Asam: Die Schließung der Firma Pfleiderer. Die Leute, die an den Maschinen standen und geweint haben, das hat mich sehr berührt. Landrat Luitpold Braun und ich sind damals zu den Vorstandsvorsitzenden der Aktiengesellschaft gefahren, um zu schauen, ob wir noch etwas erreichen können für die Menschen, die von ihrem Job abhängig sind, die vielleicht gerade ein Haus gebaut hatten. Wissen Sie, was wir als Antwort bekamen? Dafür haben wir doch das soziale Netz, das fängt die Leute doch auf. Das schockiert mich noch heute. Mit der Nachfolge-Firma Möbelteile Peiting war es nicht besser. Die haben den Betrieb gekauft, um ihn kaputtzumachen. Dass wieder Menschen arbeitslos wurden, die gerade erst die Schließung Pfleiderers mitgemacht hatten, das war eines der schlimmsten Erlebnisse meiner Amtszeit.
Ihr Nachfolger heißt ab Mai Peter Ostenrieder. Schmerzt es Sie, das Amt an einen CSUler abgeben zu müssen? Immerhin hatte Peiting 24 Jahre lang ein rotes Rathaus.
Asam: Ich bin keiner, der sagt, um Gotteswillen, jetzt ist ein CSUler dran. So ist der Lauf der Dinge, wie damals die SPD zum Zug kam, ist jetzt eben wieder ein Wechsel da. Freilich wäre es schön gewesen, wenn es wieder einen SPD-Bürgermeister gegeben hätte. Letztendlich geht es um den Ort. Mir ist wichtig, dass jemand im Amt ist, der diesem gewachsen ist. Das traue ich Peter Ostenrieder zu.
Was wird die dringlichste Aufgabe für Ihren Nachfolger sein?
Asam: Das ist sicher die Corona-Krise. Mir tut er direkt leid. Wir haben beide schon die Wirtschaftskrise mitgemacht, ich weiß, wie schlimm es ist, wenn du plötzlich mit dem Kämmerer dastehst und nur noch streichen musst. Es ist insofern noch dramatischer, weil wir stolz waren, alle Bauvorhaben mit Rücklagen abgedeckt zu haben. Und dann kommt mit einem Schlag so etwas. Das wird nicht einfach für ihn und den neuen Gemeinderat.
Haben Sie einen Tipp für den neuen Bürgermeister?
Asam: Er soll auf alle Fälle die Parteibrille weglassen und mit dem Gemeinderat ein gutes Miteinander pflegen. Ich hoffe, dass das neue Gremium mitzieht. Das wäre für den Ort eine tolle Geschichte.
Bürgermeister zu sein ist ein Fulltime-Job. Sie waren quasi rund um die Uhr für die Gemeinde im Einsatz. Haben Sie Angst vor der vielen freien Zeit, die ab Mai auf Sie wartet?
Asam: Mehr Angst hat meine Gattin, die ist schon gespannt, wie ich damit fertig werde, weil ich nach wie vor voll drin bin. Ich hätte auch nie geglaubt, dass mir der Abschied so schwer fällt. Je näher der 30. April kommt, umso mulmiger wird mir. Aber ich werde das schon hinbekommen. Ich habe ja dann noch den Kreis- und Bezirkstag. Gerade im Bezirk gibt es sicher etwas zu tun.
Was werden Sie am meisten vermissen?
Asam: Das Rathaus. Meine Kolleginnen und Kollegen. Meine Vorzimmer-Damen, die Abteilungsleiter. Sie alle werden mir sicher fehlen.
Worauf freuen Sie sich besonders?
Asam: Aufs Ausschlafen (lacht). Ich schlafe gern lang und frühstücke gern ausgiebig und lese wahnsinnig gern Zeitung zum Frühstück. Das war immer wichtig vor der Arbeit. Da freue ich mich schon, dafür künftig Zeit zu haben, das richtig zu genießen.
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Das wird alle freuen, die sehnlichst auf ein Grundstück in Peiting warten: Zwischen Zugspitz- und Bergwerkstraße soll auf einer bislang privaten Fläche ein weiteres Baugebiet entstehen.
