- VonSylvia Hampelschließen
Rollstuhlgerechte Zugänge? Barrierefreie Speisekarten? Bis heute nicht alltäglich. Wie gut haben sich die Gastronomen im Urlaubsort Prien auf Gäste mit Einschränkungen eingestellt?
Prien am Chiemsee – Verena Bentele ist sauer. Die 43-Jährige findet, dass die Unionsparteien und Wirtschaftsvertreter mit ihrer Blockadehaltung gegenüber barrierefreier Infrastruktur eine kurzsichtige Wirtschaftspolitik betreiben. „Die Vertreter aus Wirtschaftsverbänden schauen nicht über den Tellerrand hinaus und erkennen nicht, dass sie sich einen großen Markt durch die Lappen gehen lassen“, macht die Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes, des VdK, deutlich.
Verena Bentele vertritt rund 2,3 Millionen Mitglieder. Und sie weiß genau, wovon sie spricht: Die Frau, die als Biathletin zwölf Goldmedaillen, vier Weltmeistertitel und mehr als einen Sieg im Gesamtweltcup sowie die Besteigung des Kilimandscharo in ihrem Lebenslauf und zudem einen Bambi im Regal stehen hat, ist von Geburt an blind.
Mehr Barrierefreiheit setzten die Wirtschaftsvertreter mit mehr Bürokratie gleich, schreibt die VdK-Präsidentin in einer Pressemitteilung. Damit werde die Kaufkraft von fast acht Millionen schwerbehinderter Menschen komplett ignoriert. Die der immer älter werdenden Gesellschaft auch. „Dabei wären zum Beispiel rollstuhlgerechte Zugänge in Restaurants oder barrierefreie Menükarten einfache und effektive Maßnahmen, die Teilhabe ermöglichen und zugleich Wachstum generieren.“
Weniger Barrieren, mehr Umsatz?
Trifft Benteles Diagnose auch für den Tourismusort Prien zu? Und für die immer älter werdenden Priener? Wo bekommt man in Prien als Rollifahrer oder Rollatorschieber problemlos etwas zu essen? Wo ist man außen vor? Und wer hat sogar eine Speisekarte für Blinde? „Gute Frage“, konstatiert Florian Tatzel, Leiter des Tourismusbüros, zu Letzterem. Er kann sie nicht beantworten, bedauert er, weil er schlicht keinen Überblick habe. Eine Speisekarte für Blinde habe er in Prien noch nie gesehen. „Ich befürchte, die gibt es eher nicht.“
Die sprechende Speisekarte: Apps für Barrierefreiheit in der Gastronomie
„MenuSpeak“ ist eine barrierefreie, mehrsprachige Speisekarten-App, mit der die Auswahl und Bestellung der angebotenen Speisen und Getränke in Restaurants und Cafés vereinfacht wird. Durch die audiovisuelle Darstellungsmöglichkeit von Speisekarten in über 54 Sprachen können Gastronomiebetriebe sowohl visuelle Hindernisse für sehbehinderte Gäste als auch sprachliche Barrieren für internationale Touristen überwinden. Entwickelt wurde MenuSpeak in Zusammenarbeit mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Für alle Texte und damit auch für Speisekarten, eignet sich das in Deutschland verbreitete „Prizmo“, eine App, die Dokumente scannt und vorliest. Voraussetzung für beide: Blinde Menschen müssen sich ans Smartphone trauen.
„Prien ist sicher kein Vorbild für Barrierefreiheit“, sagt Martin Aufenanger. Der 3. Bürgermeister der Marktgemeinde kümmert sich um viele soziale Angelegenheiten. Bei der Barrierefreiheit, räumt er ein, stößt er an seine Grenzen. Fortschritte, wie beispielsweise abgesenkte Bordsteine, nicht nur an Kreuzungen, ließen sich mit dem derzeitigen Marktgemeinderat nicht erzielen, bedauert er.
Wie gut komme ich zu Kaffee oder Sushi?
Die abgesenkten Bordsteine fände vermutlich auch Helga Stampfl gut. Sie kümmert sich in der Gemeindeverwaltung um die Seniorenprogramme und muss dabei auch immer berücksichtigen, wie zugänglich die verschiedenen Veranstaltungsorte für die älteren und alten Herrschaften sind. Eine Stufe oder zwei gehen oft auch mit Rollator, zumal wenn eine helfende Hand nahebei ist. Die Toilette auf einem anderen Stockwerk, da wird‘s ohne Aufzug bitter.
Erst Örtchen inspizieren, dann bestellen
Die zwei Stufen sind aber deutlich zu viel, wenn Helga Stampfl mit ihrem Sohn unterwegs ist. Er sitzt im Rollstuhl. „Ich kann mit ihm nicht einfach in ein schönes Lokal gehen und einen Kaffee trinken“, sagt sie, „ich muss erst schauen, ob ein WC ebenerdig zu erreichen ist.“ Und ob der Untergrund passt. Ein aufgekiester Biergarten ist mit Rollstuhl – oder Rollator – „eine Plagerei“. Einkaufen? In viele Geschäfte geht es eine Stufe hoch oder runter. Da bleibt der Junior vor der Tür. Das war auch bei einem gemeinsamen Island-Urlaub der Fall. „Auf einmal fragt mich die Verkäuferin, ob er zu mir gehört. Und auf mein „Ja“ hin riss sie eine Schiene raus und schon war mein Sohn drin. So einfach kann es manchmal sein“, berichtet sie begeistert.
Lift, Rampe, helfende Hände
Nun gibt es in Prien sicher das eine oder andere Lokal, in dem einzelne Stufen ähnlich unaufwändig überbrückt werden. Nur das WC auf einem anderen Stockwerk macht die Sache wieder schwierig. Im Bayerischen Hof und beim Neuer am See weiß Helga Stampfl, dass die Lokale einen Rollstuhllift zur Toilette haben. Westernacher, Alpenblick, Il Gusto, Yachthotel – kein Problem, alles ebenerdig.
Im Steakhaus Maximilian beispielsweise gibt es eine Rampe für die Stufen zur Toilette. Rollifahrer, die in der Kaffeerösterei am Seeufer frühstücken wollen, werden ein Haus weiter zu den Kollegen ins Westernacher geschickt – beide Lokale sind in einer Hand, das Frühstücksangebot ist identisch. Ideen und Hilfsbereitschaft sind in der Priener Gastronomie durchaus vorhanden.
Beim besten Willen keine Chance
Manche Lokale haben schlicht bauartbedingt keine Chance: Wer zum Beispiel im Wieninger Bräu essen will, muss fünf oder sechs Stufen in den Keller hinab kommen. Der Grund: Der Aufzug endet nicht ganz unten im Gastraum. Zur Toilette kommt man zudem nur mit einem kleinen Rollstuhl, denn die befindet sich dort, wo der beengte Aufzug endet. Ist aber auch nicht rollstuhlgerecht, bedauert die nette Servicekraft. „Mei, das Gebäude ist aus den 80er Jahren. Da war das leider noch nicht so präsent wie heute.“ Ein Umbau wäre wohl extrem aufwändig, falls er überhaupt möglich ist. Plan B für die Toilettennutzung – zumindest wenn man im Sommer dort einkehren und die Außengastronomie geöffnet ist: Während der Woche mittags ins gegenüberliegende Rathaus aus Behinderten-WC oder um die Ecke zum Wendelstein-Platz aufs öffentliche Örtchen.
Barrierefreiheit nicht nur für Rollstuhlfahrer
Einfach im nächsten Gasthaus, das des Weges kommt, eingekehren, das ist und bleibt für Rollifahrer und Rollatorschieber schwierig. Sie sind zwar die, an die die meisten Menschen denken, wenn es um Barrierefreiheit geht. Aber sie sind nicht die Einzigen. Den Gehörlosen oder die Hörgeschädigte trifft es hart, wenn das Servicepersonal sich nicht auf eine Verständigung mittels Tippen auf die Speisekarte oder das Zeigen der Rechnungssumme einlässt.
Barrierefreie Speisekarte
A propos Speisekarte: Wie sucht sich ein blinder oder sehgeschädigter Mensch in Prien aus, was er im Restaurant der Wahl essen möchte? Speisekarten in Blindenschrift? Florian Tatzel befürchtet, dass die in Prien kein Lokal hat. „Am ehesten vielleicht die gehobenere Gastronomie“, vermutet er. Anruf im Yacht-Hotel bei Katharina Reh. „Unsere blinden oder sehgeschädigten Gäste sind in der Regel in Begleitung“, da hat sich die Frage noch nicht gestellt, sagt sie. Kurze Pause. Und wer selber, im eigenen Tempo aussuchen will? So wie die höchst selbstständige VdK-Präsidentin Verena Bentele? Die Frage hat sich Katharina Reh in Windeseile selbst beantwortet. „Danke, das war ein toller Impuls!“ Es könnte sein, dass blinde oder sehgeschädigte Gäste im Yachthotel künftig eine Speisekarte in Braille-Schrift oder mit einem QR-Code für eine entsprechende App überreicht bekommen. Und vielleicht nicht nur dort...

