Leben mit Multipler Sklerose

„Meine Krankheit ist kein Feind“: Annett Bärwald aus Westerham kämpft um ihren größten Traum

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Annett Bärwald ist alleinerziehende Mama aus Feldkirchen-Westerham und kämpft seit 24 Jahren gegen MS. Nun hofft sie durch einen Spendenaufruf, endlich mit dem Umbau ihrer barrierefreien Küche starten zu können.
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Annett Bärwald (49) aus Feldkirchen-Westerham ist alleinerziehende Mutter und lebt seit 24 Jahren mit der Krankheit Multiple Sklerose. Bislang hat sie jede Hürde in ihrem Leben bezwungen. Doch nun steht sie vor neuen Herausforderungen – und hofft auf Hilfe.

Feldkirchen-Westerham – Annett Bärwald lebt seit 24 Jahren mit der Krankheit Multiple Sklerose (MS). Mit 26 Jahren bekam sie die Diagnose. Für die junge Frau war es eine böse Überraschung. „Ich war gerade dabei, eine Familie zu gründen, als die Diagnose kam“, erinnert sich Bärwald. Langsam machte sich die Krankheit immer mehr bemerkbar. Heute sitzt die 49-Jährige in ihrem Rollstuhl in ihrem Haus in Feldkirchen-Westerham und denkt über die Anfangszeit nach.

„MS ist eine neurologische Erkrankung, bei der es zu Entzündungen im Gehirn und Rückenmark kommt“, erklärt Bärwald. „Und je nachdem, wo die Entzündungen sich festsetzen, hat man entsprechende Ausfälle.“ Üblicherweise würde es vor allem die Arme und Beine betreffen. Aber auch der Sehnerv und das Sprachzentrum können davon beschädigt werden. Laut Bärwald ist auch bei 80 Prozent der Betroffenen die Blase eingeschränkt.

„Da kann man nicht mehr viel tun“

„Als ich meinen ersten Schub bekam, hat es den Hauptstrang im Hals getroffen. Seitdem hat meine komplette linke Seite Aussetzer“, erklärt die Frührentnerin. Das war 2001. Seitdem sitzt die 49-Jährige im Rollstuhl. In den darauffolgenden Jahren habe sich der Verlaub schubförmig verschlechtert. „Später ging es dann aber in einen chronisch, langsam schleichenden Verlauf über“, sagt Bärwald. Für die alleinerziehende Mutter einer 15-jährigen Tochter gebe es keine Medikamente, die den Verlauf bremsen könnten. „Da kann man nicht mehr viel tun“, sagt sie.

Und dennoch ist Annett Bärwald mehr als nur optimistisch. „Ich habe Glück, dass ich eine Krankheit habe, die mittlerweile ganz gut erforscht ist“, sagt sie. Während ihr kaum noch Medikamente helfen können, sei das bei der „neueren Generation“ anders. „Wenn jetzt Menschen diese Diagnose erhalten, gibt es gute Wege, um die ersten Schübe zu unterbinden, damit keine Schäden entstehen“, erklärt Bärwald. „Ich finde es großartig, dass den nachfolgenden Patienten mittlerweile geholfen werden kann.“

Es stehen viele Veränderungen an

Bärwald habe früh akzeptiert, dass sie MS hat. Auch wenn es Tage gibt, an denen es ihr deutlich schlechter geht. Und solche Tage könnten jederzeit mehr werden. „In absehbarer Zeit werde ich nicht mehr alleine klarkommen, dann werde ich einen Pflegedienst brauchen“, sagt Bärwald. Und das mache ihr manchmal zu schaffen. Denn die 49-Jährige versucht alles noch alleine hinzubekommen. Doch die Frage, die sie sich ständig stellt, ist, wie lange das noch anhält. Denn immer wieder treten neue Probleme auf. „Wenn sich mein Zustand wieder einmal verschlechtert hat, muss ich meine Umgebung daran anpassen“, erklärt sie. So habe sie vor Kurzem erst mit ihrer Tochter das Hochbeet im Garten umbauen müssen, damit sie leichter daran kommt.

Annett Bärwald hat ihre Probleme immer selbst gelöst. Doch jetzt ist sie an einem Punkt, wo sie nicht weiter weiß. Einerseits stapeln sich hohe Arztkosten und andererseits muss sie ihre Küche barrierefrei gestalten. Denn Bärwald liebt es, zu kochen. Sie sagt selbst, das sei „ihr Ding“. Aber es werde immer schwieriger, an die Spüle, den Backofen oder den Herd zu gelangen. „Ich möchte gerne die Küche umbauen und die Wand rausreißen, um besser kochen und damit auch selbstständig bleiben zu können“, sagt sie.

Zustand verschlechtert sich

Es gibt nur ein Problem: Bärwald hat ihr ganzes Erspartes schon anderweitig investiert. „In den vergangenen drei Jahren hat sich mein Verlauf stetig verschlechtert, weswegen ich vieles umbauen musste“, erklärt sie. So musste die Mutter Rampen in und am Haus installieren, um mit ihrem Rollstuhl überall hinzugelangen. Auch im Garten musste sie viele Stellen rollstuhltauglich machen. Denn ihr Garten ist ein wichtiges Hobby von ihr geworden.

Auch ihr Bad hat sie vor Kurzem erst barrierefrei umgebaut und sich einen besseren Rollstuhl zugelegt. „Außerdem habe ich mein Auto gegen einen riesigen Bus eingetauscht, damit ich mit meinem Rollstuhl darein fahren und noch selbstständig unterwegs sein kann“, sagt Bärwald. Dafür hat sogar ihre ganze Familie finanziell mitgeholfen.

Spendenaufruf soll helfen

Doch nun steht der Umbau der Küche an und die Arztkosten stapeln sich. Also hat sich eine Freundin von Bärwald überlegt, eine Spendenaktion auf Gofundme zu starten. Zuerst sei es der alleinerziehenden Mutter unangenehm gewesen, doch jetzt ist sie für die Hilfsbereitschaft der Menschen sehr dankbar. „Es ist Wahnsinn, wie viele schon gespendet haben“, sagt sie. Mittlerweile seien ihre Arztkosten gedeckt und auch der Abriss der Küchenwand könne bald starten. „Das geht mir sehr nah, was die Menschen für mich tun.“ Deshalb bedankt sich Bärwald auch bei jedem einzelnen Spender persönlich.

Und sollte etwas Geld am Ende übrig bleiben, würde sich die 49-Jährige gerne noch einen langersehnten Traum erfüllen: Einen Outdoor-Rollstuhl. Denn wenn Bärwald etwas vermisst, dann ist es das Wandern in den Bergen. „Es wäre schön, mal wieder länger unterwegs sein zu können“, sagt sie. „Das Wandern ist eigentlich das Einzige, was mir so wirklich fehlt seit meiner Behinderung.“ Bärwald war früher gerne in den Bergen unterwegs. Sie würden so viel Ruhe ausstrahlen. Einen Gipfel wird sie zwar nie wieder bezwingen, aber einen Almweg zu bestreiten wäre „großartig“.

„MS ist für mich kein Feind“

Mit allen Höhen und Tiefen, die Bärwald erlebt, ist für sie eines klar: „Die MS ist für mich kein Feind.“ Die Krankheit habe ihr auch viel Positives gebracht. „Ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“ Ihre Sichtweise auf das Leben hätte sich seitdem stark verändert. So schätze sie jetzt viele kleine Dinge.

Nachdem Annett Bärwald wegen der Krankheit auch ihren Job aufgeben musste, hat sie lange überlegt, was sie machen kann. „Fünf Jahre lang habe ich eine Katzenpflegestelle für den Tierschutz betrieben und kranke Katzen bei mir aufgepäppelt“, erklärt sie. Ohne die MS hätte sie das nie gemacht, obwohl sie Tiere gerne hat. „Diese Arbeit hat mir wahnsinnig viel gegeben. Die Tiere haben mir gezeigt, dass es egal ist, ob ich im Rollstuhl sitze – sie wollten nur mein Herz.“ Heute kann sie diese Tätigkeit nicht mehr machen. Hin und wieder arbeitet sie jetzt als Mittagsbetreuung in einer Grundschule.

Wenn sich Annett Bärwald etwas für die Zukunft wünschen dürfte, dann wäre es ein langsamerer Verlauf ihrer Krankheit und eine stabile Gesundheit. Doch egal, was auf die Feldkirchen-Westerhamerin zukommt, sie findet für jede Herausforderung eine Lösung.

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