Kommunikationsdesaster und viel Frust

Reise auf gut Glück: Das erlebten BOB-Gäste vergangenen Mittwoch bei der Fahrt nach München

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Orientierungslos am Bahnsteig: Die Fahrgastinformation half den Passagieren vor einigen Tagen nicht weiter, als ein Zug der Bayerischen Oberlandbahn ausfiel (Symbolfoto). FOTO: THOMAS PLETTENBERG/ARCHIV
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Die Bayerische Oberlandbahn (BOB) schneidet in Ranglisten immer wieder schlecht ab. Kritik gibt es unter anderem in Sachen Fahrgastinformation. Dass in diesem Bereich viel Luft nach oben ist, erlebte Kurier-Mitarbeiter Patrick Staar vor wenigen Tagen am eigenen Leib.

Bad Tölz – 60 Fahrgäste stehen am Mittwoch um 18 Uhr frierend am Bahnsteig und warten auf die Oberlandbahn. Es wird 18:05 Uhr, 18:10 Uhr und 18:15 Uhr – kein Zug in Sicht. Auf der elektronischen Anzeigetafel ist nur die Uhrzeit eingeblendet. Durchsagen über die Lautsprecher am Bahnhof sind nicht zu hören. Ein Blick auf die App der Oberlandbahn bringt keinerlei Erkenntnisse. Hier kann man nachlesen, dass der Zug pünktlich abfahre. Es könne nur sein, dass die Haltestelle an der Donnersberger Brücke wegen Bauarbeiten nicht angesteuert werden kann.

Um 18:17 Uhr ruft plötzlich ein Mann über das Bahngleis: „Muss irgendjemand nach München? Es gibt einen Schienen-Ersatzverkehr.“ Der Mann scheint der Busfahrer zu sein. Eine Karawane setzt sich in Bewegung. Ein paar Minuten später startet der Bus, fährt erst mal bis Reichersbeuern.

Busfahrer: „Ich kann Ihnen nur Glück wünschen“

Die Fahrgäste haben jede Menge Fragen an den Busfahrer. Sie wollen wissen, was der Grund für den Zugausfall ist, erkundigen sich, ob der Betrieb ab Holzkirchen wieder normal läuft. „Ich hab’ keine Ahnung“, meint der Busfahrer schulterzuckend. Zwischen der Oberlandbahn und dem Busunternehmen gebe es keinerlei Kommunikation: „Ich kann Ihnen nur viel Glück wünschen.“

Auch Christopher Raabe, Pressesprecher der Bayerischen Oberlandbahn, kann im Nachhinein nur wenig Erhellendes zu diesem Thema beitragen. Es habe eine Störung der Infrastruktur im Bereich Deisenhofen gegeben. Was das konkret bedeutet, wisse er nicht: „Es können defekte Weichen, gestörte Signalanlagen und fehlerhaft funktionierende Beschrankungen sein. Was im vorliegenden Fall die Störung war, können wir nicht mit Gewissheit sagen, da die Eisenbahninfrastruktur von der DB Netz AG verantwortet wird.“ Da ein Großteil der Strecke nach München eingleisig ist, könnten Verspätungen nicht mehr aufgeholt werden. Um schnell zum geregelten Fahrplan übergehen zu können, müssten einzelne Züge ausfallen.

Wartet noch ein Mädchen am Bahnhof?

Im Bus nach Holzkirchen bricht unterdessen Hektik aus. Eine Mitfahrerin erklärt, dass am Reichersbeurer Bahnhof ein Mädchen stehe, das gerne mitfahren würde. Der Busfahrer entgegnet, dass er den Reichersbeurer Bahnhof nicht ansteuern könne, weil der Wendeplatz zu eng ist. Die Haltestelle für den Schienen-Ersatzverkehr ist mitten im Ort, fast einen Kilometer vom Bahnhof entfernt.

Im Bus entwickeln sich Diskussionen. Die Frau bittet, auf das Mädchen zu warten. Eine andere Dame mahnt eine schnelle Weiterfahrt an: „Ich hab’ sündhaft teure Karten für ein Konzert in München und will pünktlich da sein.“ Der Busfahrer beschließt, kurz zu warten. Als das Mädchen nach fünf Minuten nicht auftaucht, fährt er weiter: „Länger können wir nicht mehr hierbleiben.“

Wer in Reichersbeuern am Bahnhof steht und auf Informationen hofft, hat Pech. „Der Bahnhof in Reichersbeuern ist nicht mit einem Ansagesystem ausgestattet“, sagt Raabe.

In der BOB-App kein Hinweis auf eine Störung

„Die Bahnhöfe sind größtenteils Verantwortungsfeld der DB Station und Service, die somit auch die Ansagen verantwortet.“ Die Haltestelle für den Schienenersatzverkehr sei in Reichersbeuern tatsächlich mitten im Ort, bestätigt Raabe: „Die Streckenführung, die Wendezeiten und -möglichkeiten lassen keine andere Haltestelle zu.“

In Schaftlach warten 19 Fahrgäste am Bahnsteig. Es ist offensichtlich: Sie werden niemals alle im Bus Platz finden. Es folgen wieder Diskussionen. Das Ergebnis: Niemand steigt ein. Der Busfahrer verspricht, nach Schaftlach zurückzukehren, nachdem er die 60 bisherigen Fahrgäste nach Holzkirchen gebracht hat. „Aber das kann 30 bis 45 Minuten dauern.“

An der nächsten Haltestelle in Warngau die gleiche Situation wie in Reichersbeuern. Es gibt keinen Parkplatz vor dem Bahnhof, der Bus fährt einfach weiter. Ob auch hier rat- und informationslose Fahrgäste am Bahnsteig stehen, weiß der Himmel.

Kurz nach 19 Uhr erreicht der Bus Holzkirchen. Und in der BOB-App? Dort gibt es nach wie vor keinen Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht nach Plan läuft. Raabe hat andere Informationen: „Ab 16:02 Uhr war die Meldung, dass der Zug 86932 ausfällt, auf unserer Webseite zu finden. Ab diesem Zeitpunkt wurden auch die Auskunftssysteme, die unsere App beliefern, gepflegt.“

Durchsagen und Anzeigen gefordert

Opfer der Informationspolitik waren nicht nur die Fahrgäste, sondern auch der Busfahrer. „In 90 Prozent der Fälle läuft es so oder so ähnlich ab wie heute“, kritisiert er Busfahrer. Namentlich genannt werden möchte er nicht. Um Chaos zu verhindern, müsse es an allen Bahnhöfen Durchsagen und Hinweise auf Anzeigetafeln geben, fordert er. Ebenso müssten die eingesetzten Busfahrer Informationen bekommen: „Es gibt heutzutage ja Kommunikationsmittel wie SMS. Da könnte man reinschreiben, wie es ab Holzkirchen weitergeht.“

Raabe zeigt sich offen für diesen Vorschlag: „Die Äußerungen des Busfahrers nehmen wir gerne auf und werden sie auf Machbarkeit mit unseren Partnern besprechen.“ Die Herausforderung sei, dass Busfahrer keine Anrufe annehmen oder SMS lesen dürfen, während sie fahren. Hinzu komme, dass die Oberlandbahn die Telefonnummern der Busfahrer nicht habe.

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Letztlich könne er sich für die Probleme nur entschuldigen, so Raabe. „Wir bedauern jedwede Störung unseres Zugverkehrs sehr, denn unsere Zielsetzung ist ganz klar die, für die Menschen im Oberland ein verlässlicher Mobilitätspartner zu bleiben.“ Er verweist auch auf die BOB-Homepage, wo es einen Überblick über Fahrgast-Ansprüche und Entschädigungsmöglichkeiten gibt.

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