STIMMUNGSBILD IM LANDKREIS MIESBACH

Richtiger, aber wackliger Kompromiss: Zuspruch für erleichterten Wolf-Abschuss

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Erleichterter Abschuss: Damit soll der Wolf lernen, den Menschen und seine Nutztiere zu meiden.
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Vor allem die Almbauern werden es gerne hören: Der Wolf soll künftig leichter abgeschossen werden können. Im Landkreis findet dieser Weg gerade mit Blick auf die Almwirtschaft Zustimmung, wenngleich die Ausgestaltung juristisch auf wackeligen Beinen stehen dürfte.

Miesbach – Für Brigitta Regauer ist die Ankündigung des Kabinetts, gerade beim Wolf den Abschuss zu erleichtern, ein Erfolg. Jahrelang hat die Kreisbäuerin aus Fischbachau und Wolfsbeauftragte des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern immer wieder betont, dass Schutzzäune und Herdenschutzhunde keine Lösung seien in den bayerischen Alpen mit ihrem Spannungsfeld zwischen Almwirtschaft und Erholungsgebiet. Entsprechend begrüßt sie den erleichterten Abschuss: „Für Bayern bin ich zufrieden. Fraglich ist, ob die Verordnung juristisch hält.“ Sie könne aber ein Zeichen für ganz Deutschland sein.

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Der Polit-Termin gestern in Oberaudorf (s. Politik) mit Ministerpräsident Markus Söder, Landtagspräsidentin und Stimmkreisabgeordneter Ilse Aigner, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und Umweltminister Thorsten Glauber sei ein „Bekenntnis für „Weidewirtschaft und Viehhalter“ gewesen. „Ein großer Schritt.“ Doch das große Problem, das große Fragezeichen, sei nun der Bär.

Kreisbäuerin Brigitta Regauer.

Erst mal heißt es abwarten, was passiert, wenn das Vieh im Landkreis Miesbach auf die Almen geschickt wird, sagt Regauer. Aktuell stehe die Vorweide an: Die Futtervorräte sind aufgebraucht, das Vieh muss an das Gras und die körperliche Belastung gewöhnt werden für die Alm. „Wir sind drei Wochen zu spät dran, weil der Frühling so kalt war“, erklärt Regauer. Die Almen seien bislang leer gewesen – kein Lebendfutter für Bär und Wolf. Doch was passiert jetzt?

„Auch die Bauern sind verunsichert“

Nicht nur Wanderer und Gäste seien verunsichert, sondern auch die Bauern im Raum Brannenburg. Risse nahe der Einzelgehöfte werfen Fragen auf: Wie sicher ist man nachts auf dem Weg zum Stall? Sind die Kinder draußen sicher? Zumal sich laut Regauer überall im bayerischen Alpenraum die Risse mehrten – nur nicht hier im Landkreis. Ihre Einschätzung: „Um uns herum brennt’s.“

Landrat: „Wir knallen jetzt keine Wölfe ab“

Auch Landrat Olaf von Löwis (CSU) begrüßt den Vorstoß in München sehr. „Die Leute hier vor Ort wissen am besten, wie mit dem Thema umzugehen ist“, bewertet er die Kompentenzverlagerung in den Landkreis. Eine schnellere und flexiblere Regelung sei sehr sinnvoll. „Wir nehmen die Verantwortung gerne wahr. Es ist höchste Zeit, dass wir handeln können – und zwar verantwortungsvoll. Wir gehen nicht los und knallen Wölfe ab.“ Die Rechtsfrage beurteilt er allerdings zurückhaltend: „Ich fürchte, ohne Weiteres wird das nicht gehen.“

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Harald Gmeiner, Vorstand Tourismus beim Landkreiskommunalunternehmen Regionalentwicklung Oberland (REO), sieht die Staatsregierung mit der Lockerung ebenfalls auf dem richtigen Weg. „Diese Regelung ist längst überfällig. Der Lebensraum für große Beutegreifer ist bei uns einfach nicht gegeben. Es gibt immer Konfliktpotenzial.“ Dabei hat er weniger die jährlich 8,2 Millionen Tagesgäste im Blick, von denen an Spitzentagen bis zu 70.000 in den Landkreis kommen, sondern die Almwirtschaft. „Sie erhält den Lebensraum für unzählige Arten, von denen viele geschützt sind.“ Im unwegsamen Gelände am Berg könne man die Herden nicht schützen und bewachen. Zumal mit Schutzzäunen auch kein Tourismus mehr möglich wäre. In der Praxis müsste man dann differenzieren: „Einen Bären zum Beispiel mit normalem Verhalten wird man nicht bemerken – er wird den Menschen meiden.“ Anders sei es einst bei Problembär Bruno gewesen. Ähnlich wäre es auch beim Wolf.

BN-Kreischef: „Diese Regelung ist nicht sinnvoll“,

Manfred Burger, Kreisvorsitzender des Bund Naturschutz.

Dem widerspricht Manfred Burger aus Miesbach. „Diese Regelung ist nicht sinnvoll“, sagt der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz (BN). „Es ist eine Beruhigung für die Almbauern, löst aber nicht die Probleme.“ So lasse sich der Wolf nicht so einfach aufspüren. Auch das Argument, dass ein Abschuss die Beutegreifer scheu und auf Distanz zu Mensch und Nutztier halte, lässt er nicht gelten. „Das mag bei Rudeln funktionieren, aber nicht bei durchstreifenden Einzelgängern, die schnell wieder weg sein können. Es wird nicht helfen. Die Wölfe werden so nicht weniger.“

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Sinnvoller sei Herdenschutz, weil es diese Beute für den Wolf unattraktiver mache. Jedoch ist für Burger auch klar: „Die großen Beutegreifer dürfen nicht ihre natürliche Scheu vor dem Menschen verlieren. Sie sollen Wildtiere bleiben.“ Der Mensch dürfe aber nicht gleich in Panik verfallen, wenn ein Bär oder Wolf in der Region ist. Eine rechtliche Prüfung der Verordnung – der BN prüft eine Klage – hält Burger aber für sinnvoll.

Professionelles Wildtier-Monitoring als wichtige Grundlage

Christine Miller, Vorsitzende des Vereins „Wildes Bayern“, verwehrt sich indes dagegen, mit dem Wolf „eine einzige Art unter die Schutzglocke“ zu stellen zum Nachteil anderer schützenswerter Naturgüter. „Die Almwirtschaft steht aus verschiedenen Gründen unter Beschuss“, sagt sie. „Sie zu verlieren wäre der Super-GAU.“ Sie begrüße es, dass die Abwägung zwischen dem Wolf als „nicht mehr bedrohte Art“ und anderen Arten naturschutzfachlich abgewogen werden könne.

Dennoch dürfe der Tierschutzgedanke nicht auf der Strecke bleiben – es brauche Kompromisse zugunsten der Artenvielfalt. Auch wenn die Verordnung juristisch „wohl nicht wasserdicht“ sei, sei sie ein wichtiger Schritt zum Start der Almsaison. Was der Wildbiologin aus Rottach-Egern jedoch fehlt, ist ein fachkundiges Wild-Monitoring: „Wir brauchen ein professionelles Wildtier-Management.“ Denn es gebe scheuere und weniger scheue Beutegreifer. So seien nach ihrer Kenntnis in der Region zwei Bären unterwegs – ein scheuer größerer und ein kleinerer, der weniger Distanz halten soll. Generell müsse man unterscheiden: „Irgendeinen Tier abzuschießen ist keine Lösung. Es muss schon das sein, das Probleme verursacht.“

ddy

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