Unter strengen Auflagen erlaubt

Emotionaler Schritt aus der Isolation: So laufen ab Samstag Besuche im Pflegeheim ab

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Unter strengen Regeln und mit Abstand sind ab Samstag wieder Angehörigenbesuche in Seniorenheimen möglich – hier ein Bild aus Nordrhein-Westfalen. Auch im Landkreis haben alle Einrichtungen Hygienekonzepte entwickelt.
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In den Seniorenheimen im Landkreis laufen die Telefone heiß: Angehörige melden sich für Besuche an. Doch von einer Rückkehr zur Normalität kann keine Rede sein.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Ganz klar: „Der Muttertag ist gesetzt – und ich freue mich sehr darauf“, sagt die Heilbrunnerin Doris Gerbig. Es wird das erste Mal seit vielen Wochen sein, dass sie ihre Eltern (92 und 85) wieder im Tölzer BRK-Seniorenheim „Haus am Park“ besuchen kann – eine Wohltat für beide Seiten. „Meine Eltern kriechen in vielerlei Hinsicht auf dem Zahnfleisch“, sagt die Tochter. Immerhin seien die Bewohner von Pflegeheimen in ihrer sozialen Isolation „die Ärmsten der Armen“, in der Corona-Krise.

Seit Ministerpräsident Markus Söder bekannt gegeben hat, dass ab Samstag wieder Angehörigenbesuche in Pflegeheimen möglich sind, wappnen sich auch die Einrichtungen für den erwarteten Ansturm. Bettina Emmrich, Leiterin des Tölzer Josefistifts hat schon länger ein Konzept für den Tag X in der Schublade. An die Angehörigen werden nach Anmeldung Zeitkorridore von je 30 Minuten vergeben. Mitarbeiter holen die Besucher am Gartentor ab, messen Fieber und geleiten sie zu einem der im Garten aufgestellten Tische mit Plexiglasscheibe. Für die Familien sei die Lockerung eine große Erleichterung, sagt Emmrich. „Ich hatte heute schon weinende Angehörige am Telefon.“

„Freudige Erwartung“ im Seniorenheim - aber auch Sorgen

Von „zwiespältigen Gefühlen“ berichtet unterdessen Julia Augner, Leiterin der Seniorenresidenz Haus Elisabeth in Geretsried. Natürlich herrsche bei vielen der 118 Bewohner „freudige Erwartung“, sagt sie. Doch es bleibe auch ein Rest Unsicherheit, wie genau sich alle Gäste an die Hygienevorgaben halten und ob sie auch ehrliche Angaben dazu machen, dass sie komplett symptomfrei sind. 30 Besucher am Tag lässt das Haus Elisabeth zu. Absperrketten weisen ihnen den Weg zum Innenhof, wo Tische für die Begegnungen aufgestellt sind.

Robert Stapfer, Leiter des Senioren- und Pflegeheims Schwaigwall, appelliert ebenfalls an die Eigenverantwortung und weist darauf hin, dass noch immer die Maßgabe gelte, die Besuche so weit wie möglich einzuschränken. „Es freut mich auf alle Fälle, dass Besuche wieder möglich sind, denn wir haben ja die Auswirkungen des Verbots gesehen“, sagt er. Andererseits gelte es, „wachsam zu bleiben“. Sein Team rufe daher die Angehörigen aller aktuell 48 Bewohner persönlich an, um mit ihnen die Hygieneregeln zu besprechen.

Man kann Oma und Opa nicht einfach wieder in die Arme schließen

„Viel Erklärungsbedarf“ sieht auch Jörg Kahl, der das Evangelische Pflegezentrum Lindenhof in Schlehdorf und das Rupert-Mayer-Seniorenheim Seehof in Kochel leitet. Ganz so, dass man nun einfach kommen und Opa oder Oma „abholen“ oder „in die Arme schließen“ könne, sei es nämlich nicht. Es gelte, die Besuche „sehr vorsichtig“ zu gestalten. Es sei aber auf alle Fälle schön, dass man sich ein Stück in Richtung Normalität bewege. „Die künstliche Vereinsamung steht ja ganz im Gegensatz zu unserem eigentlichen Ziel, nämlich die Menschen am sozialen Leben zu beteiligen.“

Da die Lockerungen sehr kurzfristig bekannt gegeben wurde, fühlen sich die Einrichtungsleiter aber auch etwas „überrollt“. Dieses Wort wählt Anke Bimschas, Leiterin des AWO-Demenz-Zentrums in Wolfratshausen. Sie kann Besuche erst ab Montag ermöglichen. In ihrer Einrichtung leben ausschließlich demenziell erkrankte Bewohner. Weil einige die Maskenpflicht nicht akzeptieren oder „starke Verhaltensauffälligkeiten“ an den Tag legten, müsse jeder Besuch – „möglichst zurückhaltend“ – von einem Mitarbeiter begleitet werden. Fürs Wochenende hätten sich die Personalkapazitäten aber auf die Schnelle nicht organisieren lassen, so Bimschas.

„Eine ganze Liste, was jetzt alles zu tun ist“

Doris Gerbig ist froh, dass sie nicht so lange warten muss, bis sie ihre Eltern trifft. In den vergangenen Wochen habe sie ihnen nur durch eine Scheibe im Foyer des „Haus am Park“ zuwinken und vielleicht ein paar Worte „zubrüllen“ können, wie sie sagt. „Und wir haben sicher fünfmal am Tag telefoniert.“ Aber es habe eben all die Nähe und Unterstützung gefehlt, die nur im persönlichen Kontakt möglich seien. „Ich habe eine ganze Liste, was jetzt alles zu tun ist – vom Auswechseln der Glühbirne bis zum Reparieren des Rasierapparats“, sagt Gerbig. So schmerzhaft die jüngste Zeit gewesen seien, so „völlig klar“ sei es auch, „dass es nicht anders geht“, sagt die Heilbrunnerin, die als Chefärztin an der Fachklinik tätig ist. Nun aber werde sie einen Kuchen backen, Blumen kaufen und endlich wieder Zeit mit den Eltern verbringen – natürlich mit Mund-Nasen-Schutz.

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