„Auf Biegen und Brechen Landschaft verschandeln“

Solaranlage direkt vor dem eigenen Fenster? Einheimische sträuben sich

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Ortstermin an einem möglichen Standort für eine PV-Anlage: Bürgermeisterin Verena Reithmann (UBI, links im Bild), neben ihr Vispiron-Geschäftsführer Florian Schönberger.
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Bürger der Gemeinde Icking sahen sich drei mögliche Standorte für PV-Freiflächenanlagen an – doch die Attenhauser sträuben sich.

Icking – Vor zwei Jahren hat die Gemeinde Icking beschlossen, eines Tages klimaneutral zu werden. Dass bedeutet: Die Energie, die in der Kommune verbraucht wird, soll vor der Haustür erzeugt werden. Irgendwann, das war klar, müssen diesem Beschluss Taten folgen. Deshalb waren am Samstag, 14. Januar, etwa 30 Bürger mit Rathauschefin Verena Reithmann (UBI) unterwegs, um drei Grundstücke zu besichtigen, die für eine Freiflächen-Photovoltaik-Anlage in Frage kommen.

Photovoltaik-Anlagen bei Icking: Einheimische sind strikt gegen den Standort

An allen drei Flächen hat die Münchner Firma Vispiron Energy ihr Interesse bekundet, um dort den Boden für grüne Energie zu bereiten. Entsprechende Anträge gingen bereits an den Gemeinderat – und wurden dort bislang einmal behandelt. Ein Beschluss steht allerdings aus. Gezeigt hatte sich damals im Rathaus eins: Die Attenhauser, von denen einige damals in der Sitzung gewesen waren, sind strikt gegen den Standort, der zwischen der Autobahn und der sogenannten „Schrauberei“ liegt.

„Das sieht dann ja aus wie ein riesiges Glashaus“: (v. li.) Georg Huber jun., Stefan Burlein, Georg Huber sen. und Evelyn Caprano aus Attenhausen sind gegen den Standort Kaltenbrunn.

Viele von ihnen würden nämlich direkt vom Wohnzimmerfenster aus auf die Anlage schauen. Diese Kritik wiederholten sie nun erneut während des Ortstermins. Mit von der Partie war am Samstag auch Florian Schönberger, Geschäftsführer von Vispiron Energy. Sein Unternehmen sei mit 600 Mitarbeitern „weltweit einer der größten Player“ im grünen Bereich, sagte er.

Von den Attenhausern ist für den Standort Kaltenbrunn also keine Zustimmung zu erwarten. Noch vor Ort übergab Renate Fendt Rathauschefin Reithmann eine Liste mit 30 Unterschriften gegen dieses Vorhaben. 4,5 Hektar würden hier mit Solarpaneelen – bis zu vier Meter hoch aufgeständert – bestückt. Landwirtschaft wäre zusätzlich möglich, meinte Schönberger. Das Ganze würde zudem – wie jede Freiflächenanlage – mit einer Hecke umgeben. „Möchten Sie vom Wohnzimmer aus auf eine PV-Anlage schauen?“, fragte ihn trotzdem einer der Anwesenden.

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Zwar könnten die Attenhauser mit der Anlage auf dem ehemals für die Geothermie in Erwägung gezogenen, Zwei-Hektar-Grundstück leben, doch wurden die Beiträge sehr schnell grundsätzlich. „Wir brauchen Energie, aber man muss Anlagen so bauen, dass sie ins Ortsbild passen“, meinte beispielsweise eine Frau.

Protest gegen PV-Freiflächenanlagen: „Immer muss Attenhausen herhalten, Icking hat elf Ortsteile“

Eine andere sagte: „Immer muss Attenhausen herhalten, die Gemeinde Icking hat elf Ortsteile.“ Attenhausen habe schließlich schon die Autobahn und einen Mobilfunkmasten. „Wir wohnen hier, weil wir eine ländliche Struktur wollen“, schimpfte ein Mann, „sonst können wir ja gleich nach München ziehen.“ Ein anderer monierte: „Man kann doch nicht auf Biegen und Brechen die Landschaft verschandeln.“

Wir wohnen hier, weil wir eine ländliche Struktur wollen, sonst können wir ja gleich nach München ziehen.

Ein Attenhauser

Mehrfach hielten die Bürger Schönberger vor, er wolle nur Rendite machen, „und wir müssen dann damit leben, das ist für uns nicht tragbar“. Der junge Geschäftsführer – er hatte im Zusammenhang mit Projekten in Niederbayern bereits Morddrohungen erhalten – blieb ruhig und sachlich. „Auch hier in Icking muss ein Beitrag zur Energiewende geleistet werden“, meinte er. Und: „Wir stehen in einer schweren Energiekrise.“ Deshalb brauche man die Wärme- und die Verkehrswende, „wir kommen mit PV-Anlagen auf Dächern nicht aus“. Darauf entgegnete ihm ein Mann: „Sie können uns nicht böse sein, wenn wir das nicht wollen.“

Besagtes Grundstück in Kaltenbrunn. Eine mögliche PV-Anlage würde hinter dem kleinen Weg beginnen und die dunklere Fläche einnehmen. Auf 5,7 Hektar könnte grüne Energiewirtschaft betrieben werden.

Es gibt die Überlegung, Bürger an den Anlagen zu beteiligen – mit mindestens einem Anteil von 25,1 Prozent. Das hat die Gemeinde im Vorfeld ausgehandelt. Und ja, bestätigte Schönberger, jede Flächennutzung sei reversibel. Der Gemeinderat könne sie vom Sondergebiet Photovoltaik eines Tages zurückverwandeln in eine landwirtschaftliche Fläche.

PV-Anlangen in Attenhausen: Thema wird erneut im Gemeinderat diskutiert

Vispiron Energy hat bereits die Anlage in Walchstadt errichtet, betreibt sie allerdings nicht selbst. Seither, das gab Schönberger zu Bedenken, seien die Baukosten um 30 Prozent gestiegen, die Zinsen um 4,5 Prozent, und eine Strompreisbremse gibt es inzwischen ebenfalls. Soll heißen: Für sein Unternehmen lohnt sich die Investition in Icking nur, wenn zwei Projekte entstehen. Ob es unter Umständen bereits ausreichen würde, wenn das Kaltenbrunn-Projekt, wie dort früher mal ins Auge gefasst, auf einen 200-Meter-Streifen entlang der Autobahn begrenzt würde, konnte er nicht sagen. „Da muss man schauen.“

Einige Stimmen aus dem Gemeinderat

Bei den Ortsterminen waren auch einige Gemeinderäte dabei. Unsere Zeitung befragte sie danach.

Laura von Beckerath-Leismüller, Dritte Bürgermeisterin von den Grünen, meinte: „Die Standorte Geothermie und B11 kommen für uns auf jeden Fall infrage, im Fall des Areals Kaltenbrunn wird die Entscheidung schwierig. Ich bin gespannt auf die Diskussion im Gemeinderat.“

Peter Schweiger, UBI, sieht bei den Standorten B11 und Geothermie wenig Probleme: „Grundsätzlich ist mir eine PV-Anlage lieber als ein Windrad. Wichtig ist, dass die Bürger miteinbezogen werden.“ Den Standort Kaltenbrunn sieht er kritisch: „So nah an die Bebauung dürfen wir nicht rücken, sonst haben wir eine Revolution. Die Landschaft hier ist unser Kapital.“

Vigdis Nipperdey von der Ickinger Initiative ist sowieso gegen den Standort Kaltenbrunn, aber auch „strikt“ gegen eine Anlage an der Bundesstraße 11. „Wir haben schon vor einiger Zeit den Antrag gestellt, das Projekt an der B11 nicht weiter zu verfolgen, der fand aber leider keine Mehrheit. Uns geht es vor allem um den Schutz der Landschaft. Die Attenhauser kann ich sehr gut verstehen.“

Julian Chucholowski, SPD, sagte: „Kaltenbrunn in der angedachten Dimension ist für Attenhausen erdrückend. Im oberen Bereich entlang der Autobahn würde es sicher auch schon Sinn machen. Über eine Eingrünung muss man sich noch Gedanken machen. Die Anlage auf dem ehemaligen Geothermie-Grundstück stört, denke ich, hingegen keinen. Zum B11-Projekt kann ich noch nicht viel sagen, es müsste unter anderem vorab geklärt werden, wo der Radweg zwischen Ebenhausen und Icking verlaufen soll.“

Das dritte infrage kommende Areal ist die Fläche zwischen Bahn und dem Parkplatz an der B11 – dort, wo sich früher das Himbeerfeld befand. Als sich die Ickinger dort zum Ortstermin zusammenfanden, war die Stimmung schon viel entspannter – auch wenn den Gesprächen zu entnehmen war, dass hier ebenfalls niemand eine mögliche 5,7 Hektar große PV-Anlage herbeisehnt; zumal es mit den Solarplatten nicht getan ist. Jeder Standort würde mit Speichern versehen, an der B11 wären das acht zehn mal sieben Meter große Gebäude. „Das wird hier praktisch ein Gewerbegebiet“, urteilte ein Mann.

Das Thema kommt am nächsten Montag, 23. Januar, erneut auf die Tagesordnung des Gemeinderats. An diesem Montag haben die Attenhauser noch einmal einen Termin bei Reithmann im Rathaus.

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