VonMagnus Reitingerschließen
„Klare Haltungen“ forderte Weilheims Stadtrats-Älteste bei ihrer traditionellen Nestor-Rede zum Jahresabschluss ein. Ragnhild Thieler zeigte sich besorgt über Kräfte, die „das System destabilisieren“ wollten – und sieht Redebedarf bei mehreren Großprojekten in der Stadt.
Weilheim – Nicht entspannt, sondern „eher verschärft“ haben sich laut Ragnhild Thieler im Laufe des Jahres die globalen Krisensituationen, von der noch nachwirkenden Pandemie über die Klimakrise bis zur jüngsten „Krise in Nahost“. All das wirke sich auch auf die Stadtratspolitik in Weilheim aus, konstatierte die BfW-Vertreterin, die mit 78 Jahren die Rats-Älteste ist und deshalb in der Jahresabschluss-Sitzung erneut die traditionelle Nestor-Rede halten durfte: Man stehe unter „diesen schwierigen Bedingungen“ vor großen Herausforderungen.
Ein „erster Schritt zu Lösung“
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Ein „erster Schritt zur Lösung“ sei, wie so oft in Krisensituationen, „eine klare Positionierung und Priorisierung“ seitens der Politik, sagte Thieler: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die politisch Verantwortlichen sich davor drücken, die unangenehmen und mit Einschränkungen verbundenen Botschaften auszusprechen.“ In diesem Sinne rief sie die Stadtratskollegen zu Zusammenhalt und Vertrauen auf. In Krisenzeiten dürfe man sich „nicht vorschnell dem Druck der Öffentlichkeit beugen“ und „letztlich richtige und wichtige Maßnahmen plötzlich in Frage stellen“.
Warnung vor Kräften, die „Unzufriedenheit in der Bevölkerung schüren“
Die Stadtrats-Älteste warnte vor „Kräften, die momentan versuchen, die Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu schüren, um auf diese Art und Weise das System zu destabilisieren“. Das mache ihr Sorgen, „denn Mauern können nicht nur aus Stein oder Beton bestehen, sie können auch aus Intoleranz, Lügen und Feindseligkeit gebaut werden“. Als Mittel gegen die Wirren, gegen Schrecken und Ängste mahnte Thieler „menschliche Begegnungen, gemeinsames Nachdenken und gesellschaftliche Solidarität“ an.
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Redebedarf angesichts kontroverser Meinungen
In der aktuellen Stadtratsarbeit machte die Nestorin einige Großprojekte aus, bei denen angesichts kontroverser Meinungen „Redebedarf“ bestehe. So habe der von Bürgern eingeforderte Entscheid über das Heizkraftwerk am Kranlöchl gezeigt, „wie wichtig Information und Aufklärung aller Bürgerinnen und Bürger ist, um Verständnis und Zustimmung für solche Projekte zu bekommen“. Auch den geplanten Neubau der Handwerkskammer am Narbonner Ring verteidigte Thieler: Dort entstehe in einem „ökologischen Bau“ ein wichtiges Ausbildungszentrum für Fachkräfte; und das Parkplatzproblem wolle man „eventuell gemeinsam mit der Berufsschule über ein Parkhaus lösen“. Zu Recht habe es unterschiedliche Meinungen über ein Solarfeld am Südrand der Stadt gegeben, so Thieler weiter. Entscheidend für das Ja dazu sei die Möglichkeit der elektrischen Einspeisung vor Ort gewesen – und eine Absenkung der Höhe.
„Die Aufgaben sind gewaltig“
„Die Aufgaben sind gewaltig, denn es geht um viel und das Geld ist knapp“, fasste die 78-Jährige die derzeitige Stadtpolitik zusammen. Zumal auch die Finanzierung des Krankenhauses – das „hoffentlich“ erhalten bleibe – über die Kreisumlage die Stadtkasse belaste. So brauche es weiterhin Diskussionen im Stadtrat und „immer ein offenes Ohr für die Bedenken und Sorgen der anderen“, schrieb Thieler ihren Kollegen ins Stammbuch.
Nicht zuletzt müssten alle gemeinsam versuchen, angesichts einer spürbaren Politikverdrossenheit und Enttäuschung bei den Wählern „wieder Vertrauen aufzubauen“: „Wir werden von vielen Bürgerinnen und Bürgern als Vertreter ihrer Interessen leider nicht mehr wahrgenommen, und das müssen wir versuchen zu ändern.“
