Nicht nur Corona ist daran schuld

Arzneimittel sind auch im Landkreis Starnberg knapp geworden

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Lieferengpässe erschweren die rasche Patientenversorgung mit Medikamenten. Dieses Problem gibt es inzwischen flächendeckend - auch im Fünfseenland.
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Lieferengpässe bei wichtigen Medikamenten sind auch im Fünfseenland längst Realität. Das wird sich auch so schnell nicht ändern, fürchten Experten.

Landkreis – Dr. Stefan Hartmann, Inhaber der St.-Vitus-Apotheke in Gilching, kommt aus einer Apothekerfamilie. „Ich bin die fünfte Generation“, sagt er. Aber das, was momentan passiert, haben weder er noch seine Vorfahren erlebt. „Dass ein stabiler Arzneimittelmarkt in derartige Schwierigkeiten kommt, hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt er. Und doch ist es so. Es fehlt an allen Ecken und Enden, vor allem an verschreibungspflichtigen Medikamenten, also den wirklich wichtigen. Dazu gehört unter anderem Amoxicillin, ein oft verwendetes Breitbandantibiotikum.

Dr. Stefan Hartmann, Inhaber der Apotheke St. Vitus in Gilching und Chef des Branchenverbands BVDAK.

Das Problem ist hausgemacht, findet Hartmann, der auch Chef des Branchenverbands BVDAK ist. Deutschland hat nämlich in den vergangenen Jahren den Fehler gemacht, die Arzneimittelproduktion ins Ausland zu verlagern. „Wir Apotheker haben schon vor 15 Jahren davor gewarnt, aber wir wurden nicht gehört.“ Der Sündenfall seien die Rabattverträge gewesen, die die Krankenkassen irgendwann mit den billigsten Herstellern abgeschlossen hätten. Danach sei immer billiger produziert worden – und das im Ausland, wo nach und nach große Fabriken entstanden seien. „Heute werden 85 Prozent aller verschreibungspflichtigen Medikamente in China hergestellt“, so Hartmann. Verpackt wird das Ganze zumeist in Indien und dann nach Deutschland geflogen. Und dann kam Corona – und mit der chinesischen Corona-Politik der Zusammenbruch vieler Lieferketten.

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Hinzu kommt noch etwas anderes. Selbst wenn sich irgendwann die Lieferketten wieder stabilisieren sollten, könnte Deutschland europaweit das Nachsehen haben. Schon jetzt lässt sich feststellen, dass in anderen Ländern die Regale wieder voll sind – in der Schweiz zum Beispiel. Aber: Deutschland zahlt den Herstellern traditionell sehr geringe Erstattungspreise, und diese können es sich momentan aussuchen, welches Land sie zuerst beliefern. Das Know-how hätten Hartmann und seine Mitarbeiter, solche Medikamente auch selbst herzustellen. „Aber das müssten wir in Handarbeit produzieren, nach Art einer Manufaktur. Mit den üblichen Preisen könnten wir niemals konkurrieren.“

Der Aufwand in den Apotheken ist gigantisch geworden

Der Alltag in den Apotheken ist inzwischen laut Hartmann „abartig“. Der Versuch, Kunden die wichtigen Medikamente zu verschaffen, nehme groteske Züge an. Wenn etwa Krankenkasse A nur das Medikament von Hersteller X bezahlt, darf auf keinen Fall das von Hersteller Y ausgegeben werden, obwohl es den gleichen Wirkstoff enthält. „Sonst werden wir Apotheker retaxiert“, sagt Hartmann. Sprich: Sie bleiben auf den Kosten sitzen. „Ultima ratio“ sei es, Patienten zurück um Arzt zu schicken. „Aber das versuchen wir immer zu verhindern.“ Neuerdings schickt Hartmann der Kinderarztpraxis im gleichen Haus morgens ein Fax mit den verfügbaren Medikamenten, damit diese verschrieben werden. „So etwas gab es noch nie.“ Dass sich die Situation grundlegend bessert, glaubt er nicht. „Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels.“

Dem Lauterbach-Gesetz steht man skeptisch gegenüber

Nicht sonderlich optimistisch ist auch Helen Brugger aus Herrsching, Sprecherin der Apotheker im Landkreis. Dem Gesetzentwurf von Karl Lauterbach zur Bekämpfung von Lieferengpässen (ALBVVG) traut sie nicht viel zu. „Das Ministerium ist doch in den nächsten Monaten erst einmal mit der Klinikreform beschäftigt“, sagt sie. Ihre Hoffnung liegt eher darin, dass Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek eine pragmatische Lösung findet.

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Das Problem der Lieferengpässe gibt es nach ihrer Erfahrung schon länger, aber durch Corona hat es sich noch einmal erheblich verschärft. Inzwischen ist es fast schon normal geworden, dass Präparate nicht lieferbar sind, wie aktuell Iberogast oder Buscopan. Einen Aufschrei habe es gegeben, als plötzliche antibiotische Fiebersäfte für Kinder nicht mehr lieferbar waren. „Das mediale Interesse hat schon sein Gutes“, sagt sie. „Jetzt ist das Problem allgemein bekannt, wir müssen nicht mehr so viel erklären.“

Richtig kompliziert wird es, wenn ungewöhnliche Präparate wie gegen Epilepsie nicht mehr verfügbar sind. Dann müssen sie über eine Sonderregelung für diesen einen Einzelfall aus dem Ausland besorgt werden. „Aber bis das bei der Kasse durchgeht, dauert es Wochen“, so Brugger. Ihr Fazit: „Im Gesundheitswesen wird einem nicht so schnell langweilig.“

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