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Das Literaturfest Moosbrand der Stiftung Nantesbuch war unter anderem mit Christoph Ransmayr, John Burnside, Martina Gedeck und Axel Milberg hochkarätig besetzt.
Bad Heilbrunn – Kunst und Natur zusammenzubringen, ist das Anliegen der Stiftung Nantesbuch. Beim dreitägigen Literaturfestival Moosbrand, das die Stiftung am Wochenende auf Gut Karpfsee (Gemeinde Bad Heilbrunn) veranstaltete, gelang diese angestrebte Symbiose perfekt.
Das zeigte sich etwa am Samstagabend, als Schauspielerin Martina Gedeck aus dem Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer vorlas. Es geht um eine Frau, die allein auf einer Jagdhütte in einem Alpental zurückbleibt. Über Nacht ist sie durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt abgeschnitten. Die Protagonistin – in der Verfilmung von 2012 ebenfalls von Gedeck verkörpert – lernt, mit und von der Natur zu leben, geht auf die Jagd, sammelt Beeren, baut Kartoffeln an. Nur allzu gut konnten sich die Zuhörer vorstellen, dass sich manche Szene auch in der einsamen Landschaft um Gut Karpfsee abspielen könnte.
Übersetzung bringt John Burnside zum Staunen
Eine in sich versunken wirkende Martina Gedeck ganz in Schwarz las die Textpassagen auf zurückgenommene Art. Den verstörenden Inhalt des Textes unterstrichen die meditativen Renaissance-Sonaten und die Neue Musik, die Barry Guy und Maya Homburger mit Bass und Violine anstimmten.
Auch für die Gedichte, die John Burnside am Sonntagvormittag vorlas, war Gut Karpfsee der perfekte Ort – hat der schottische Autor seinen aktuellen Lyrikband doch „Im Namen der Biene“ genannt. Rund um den Sitz der Stiftung summt und brummt es zumindest im Sommer sicherlich kräftig – Schriftstellerin Marica Borozic hatte dort, im Freien, am Samstagnachmittag die Präsentation ihres Erzählungsbands „Der Windsammler“, absolviert. In der Eingangshalle des Langen Hauses, die als Vortragsstätte mit rund 200 Plätzen diente, tummelte sich immerhin die ein oder andere Stubenfliege und Stechmücke.
Literaturfestival Moosbrand: Martina Gedeck, Axel Milberg und Marie Bäumer treten auf
„Ließen die Bienen, so scheint es, nur für einen Tag ab, würde das ganze Gefüge auseinanderfallen“, heißt es in einem der Gedichte, die Burnside mit kratziger, warmer Stimme vorlas. Über die von Übersetzer Iain Galbraith vorgetragene deutsche Version schien der Schotte bisweilen selbst zu staunen. „Ich gratuliere Ihnen zu einer Sprache, die ein Wort wie ,maulwurfsfellartig‘ hervorbringt“, sagte der Schriftsteller, der als einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren gilt und sich nahbar und zugewandt präsentierte.
Von den Bienen flatterte das Programm weiter zu den Schmetterlingen, denen die Faszination des Schriftstellers Vladimir Nabokov galt. Schauspieler Axel Milberg machte dessen Buch „Erinnerung, sprich“ mit ausdrucksstarker Betonung, Gestik und Mimik höchst lebendig. Nabokovs Suche nach der verlorenen Jugendzeit im vorrevolutionären Russland bildete das Bindeglied zum umspannenden Thema des Festivals, „Eine literarische Reise durch die Zeit“.
Beim Literaturfestival lesen Christoph Ransmayr und John Burnside aus ihren Werken
Dazu passte die Lesung des österreichischen Autors Christoph Ransmayr aus seinem erfolgreichen Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“. Und in der „Langen Nacht der Geheimnisse“ am Freitag konnten die Besucher selbst das Gefühl für die Zeit verlieren. Fünf Stunden, von Sonnenuntergang bis nach Mitternacht, lasen im Langen Haus die Schauspieler Angela Winkler, Wolfram Koch, Marie Bäumer und Sebastian Rudolph im Langen Haus vor. Dazu musizierten mehrere Ensembles.
„Das Programm ist sehr dicht und intensiv, wir werden Zeit brauchen, das alles zu verarbeiten“, sagte ein Paar aus Hessen, das für 100 Euro pro Person gleich den Pass für sämtliche Veranstaltungen gebucht hatte. Was die beiden neben dem „Gesamtkunstwerk Nantesbuch“ besonders am Festival schätzten, war „die intime Atmosphäre. Man kommt sehr leicht ins Gespräch.“
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Auch Autor John Burnside lobte den „wunderschönen Ort“ und die „perfekte Organisation“ – er flog allerdings gleich nach der Lesung zurück nach Schottland. „Man denkt nicht, dass man hier in der Einöde so etwas findet“, meinte eine Münsingerin, die mit ihrem Mann und einen befreundeten Paar gekommen war. In der Runde gab es nach Gedecks Lesung allerdings auch kritische Töne: „Für eineinviertel Stunden ist der Eintrittspreis von 30 Euro schon ziemlich hoch.“
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Abgeschreckt hatten die Preise aber offenbar nicht: Alle Veranstaltungen waren weit im Vorfeld ausgebucht. Über den regen Andrang des kulturinteressierten Publikums freute sich auch die Tölzer Buchhändlerin Petra Schenk, die im Foyer ihren Stand aufgebaut hatte. „Das hier ist eine wunderbare Sache für die Region, das Programm ist sehr niveauvoll. Man spürt an dem großen Interesse: Die Literatur lebt.“
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Kuratorin Brigitte Labs-Ehlert verabschiedete sich am Sonntag vom Publikum. Nach drei Jahren, in denen sie „Moosbrand“ aufgebaut habe, wende sie sich nun neuen Aufgaben zu. Ihrem Nachfolger Hans von Trotha wünschte sie viel Glück.



