Schilder präsentiert

Straßen nach Michael Deschermeier und Anton Holzner benannt: Ehre für demokratische Vorkämpfer

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Symbolträchtige Korrektur: Bürgermeister Anton Stollreither muss sich die linksseitige Isarpromenade jetzt mit Anton Holzner teilen, der ihn 1945 als von den Amerikanern eingesetzter und anschließend demokratisch legitimierter Bürgermeister ablöste.

An der Isar in Bad Tölz sind nun die Namen zweier aufrechter Kommunalpolitiker in schwierigen Zeiten verewigt. Eine andere Würdigung hingegen wurde „zurechtgestutzt“.

Bad Tölz – Ehre, wem Ehre gebührt: 74 Jahre nach Kriegsende hatte der Tölzer Stadtrat im Juni einstimmig beschlossen, Straßen nach den Kommunalpolitikern Anton Holzner und Michael Deschermeier zu benennen. Sie setzten sich vor 1933 und nach 1945 für die Demokratie ein. Während der zwölfjährigen NS-Herrschaft waren sie politisch kaltgestellt. Die Fußwege am rechten und linken Isarufer tragen nun ihre Namen. Die neue Beschilderung wurde am Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Fußweg am stadtseitigen rechten Isarufer von der Isarbrücke flussaufwärts bis in die Kohlstatt (bisher „Am Quai“) wird nach Michael Deschermeier (1885-1945) benannt. Mit ihm ehrt die Stadt einen frühen Kämpfer für eine soziale und freiheitliche Demokratie und einen Verfolgten des NS-Regimes, der von 1919 bis 1933 Stadtrat und Fraktionssprecher der SPD war und 1945 Zweiter Bürgermeister wurde, jedoch schon wenige Monate darauf starb.

Name Stollreither wurde eingeordnet statt ausgelöscht

Die Promenade am linken Isarufer (Badeteil-Seite) war bisher auf ganzer Länge nach Alfons Stollreither benannt (geboren 1881, Bürgermeister 1909-1945, gestorben 1954), der als fähiger Verwalter und wichtiger Modernisierer der Stadt eine Ära geprägt hat. Doch Stollreither hat den schweren Makel, dass er während seiner Amtszeit von 1933 bis 1945 als Unterstützer des NS-Regimes anzusehen ist.

Ehrung an prominenter Stelle: Bei der Präsentation des Michael-Deschermeier-Wegs nahm auch Helga Förster (Mi.), die Großnichte von Michael Deschermeier, teil – an ihrer Seite Ehemann Josef Förster und Tochter Nicole Dorfer mit Enkelin Antonia. Wie Förster haben auch (hi., v. li.) Stadtrat Franz Mayer, Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer, Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr und Dritter Bürgermeister Christof Botzenhart im „Arbeitskreis Straßennamen“ mitgewirkt.

Wie schon im Fall der Hindenburgstraße hat sich die Stadt hier für einen Weg entschieden, den Namen einer Person der Zeitgeschichte nicht auszulöschen, sondern sie historisch einzuordnen: Der Wegabschnitt von der Isarbrücke flussaufwärts bleibt zwar als „Bürgermeister-Stollreither-Promenade“ bestehen, die Wegtafel wird jedoch mit folgendem Textzusatz ergänzt: „Umstritten ist er, weil er den Nationalsozialismus in Wort und Tat förderte.“

Sollreither muss den namen der Isarpromenade nun mit Anton Holzner teilen

Stollreither muss „seinen“ Weg nun jedenfalls mit Anton Holzner (1902-1965) teilen: Isarabwärts bis zum Steg wird er nach einem Tölzer Rechtsanwalt benannt, der wie Deschermeier erklärter NS-Gegner war und als erster Nachkriegs-Bürgermeister von 1945 bis 1948 den Wiederaufbau eines demokratischen Gemeinwesens vorantrieb. Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr: „Wir haben Stollreither nicht ausgelöscht, sondern zurechtgestutzt.“

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Wie der Fluss strömt die Zeit von Stollreither zu Holzner: Darin liege auch „eine Symbolkraft für den demokratischen Wandel in unserem Land“, sagten am Mittwoch die Stadträte Christof Botzenhart (Dritter Bürgermeister, CSU) und Franz Mayer (Grüne), die in dieser ganzen Angelegenheit an einem Strang gezogen hatten. Botzenhart wies darauf hin, dass vor genau 100 Jahren, am 14. August 1919, die Weimarer Verfassung und die Bamberger Verfassung als erste demokratische Verfassungen von Deutschland und Bayern in Kraft getreten waren.

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Mit den Straßennamen für Michael Deschermeier und Anton Holzner bewahrt die Stadt laut Botzenhart zwei Persönlichkeiten vor dem Vergessen-Werden und erweist ihnen späte Genugtuung, die „in ihrer Zeit bei der Verteidigung der parlamentarischen Demokratie eine zentrale Rolle eingenommen haben“. 

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Botzenhart dankte auch seinen Mitstreitern in einem Arbeitskreis, der mit intensiver Recherche und Bewertung die erforderlichen Entscheidungsgrundlagen für den Stadtratsbeschluss erarbeitet hatte. Neben Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr gehörten ihm Franz Mayer, Christoph Schnitzer und Josef Förster an, der über seine Frau mit Michael Deschermeier verwandt ist.

Rainer Bannier

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