VonAndreas Steppanschließen
Sie kamen als Asylbewerber, bewährten sich als dringend benötigte Arbeitskräfte – doch nun droht einer Reihe von Mitarbeitern heimischer Firmen die Abschiebung.
Bad Tölz/Wackersberg – „Ich bin nicht oben, ich bin nicht unten – ich hänge in der Luft.“ So beschreibt Ekene Ndukwe seine Lebenssituation. Die Hängepartie des Nigerianers, der für die Wackersberger Erwin Wiegerling Restaurierungs GmbH arbeitet, dauert an. Obwohl der 41-Jährige bei dem Bauunternehmen einen festen Job hat und dort dringend gebraucht wird, droht ihm die Abschiebung.
Dieses Schicksal teilt er mit weiteren Asylbewerbern im Landkreis, die hier arbeiten und deren Chefs sich – teils öffentlich – für ein Bleiberecht einsetzen. Auch politisch steht die Frage aktuell im Fokus. Ob abgelehnte Asylbewerber, die ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten und gut integriert sind, eine Chance auf Daueraufenthalt bekommen, soll im „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ geregelt werden, das derzeit im Bundestag beraten wird.
Als Mitarbeiter unverzichtbar, als Menschen Freunde
Vergangenen Herbst hatten sowohl Bauunternehmer Erwin Wiegerling als auch Stefan Schuster, Inhaber der Tölzer Gebäudereinigungsfirma HDH, im Tölzer Kurier ihre jeweiligen Fälle geschildert. Neben Zustimmung ernteten sie dafür auch feindselige Reaktionen.
Wie ist es im vergangenen halben Jahr weitergegangen? „Es gibt keine Neuigkeiten“, sagt Ekene Ndukwe auf Nachfrage des Tölzer Kurier. Sein Asylantrag ist abgelehnt, derzeit wartet er auf die Gerichtsentscheidung über seinen Widerspruch. In der gleichen Situation ist sein Kollege Majid Izadi, der aus dem Iran stammt. Sein Gerichtstermin steht in wenigen Tagen an. „Ich hoffe, dass ich eine positive Antwort bekomme, dann ist alles in Ordnung“, sagt der 31-Jährige. „Wir haben doch keine Probleme mit der Firma, wir haben auch unsere Steuern bezahlt.“ In seiner Heimat hingegen sei sein Leben bedroht.
„Wir kämpfen darum, dass die Leute bleiben können“. sagt Christian Wiegerling. Er arbeitet seit Kurzem in der auf Altbausanierungen spezialisierten Firma seines Bruders Erwin mit. „Wir haben einen Bauboom, Wohnraum wird gebraucht. Jemand muss die Arbeit machen“, sagt er.
Die nötigen Arbeitskräfte seien anderweitig praktisch nicht zu bekommen. Kräfte wie Ndukwe und Izadi, die seit einem Jahr in der Firma beschäftigt sind, hätten sich bewährt. „Sie wollen nichts geschenkt haben, sondern sich nur ein normales Leben aufbauen“, sagt Christian Wiegerling. Zudem seien die beiden seine Freunde geworden. „Es würde mich hart treffen, wenn man sie in ein Flugzeug setzt, und dann wären sie weg.“
Zuletzt gab es aber auch positive Entwicklungen in Majid Izadis Leben. Zum einen durfte er von Miesbach nach Bad Tölz umziehen – was den Arbeitsweg zum Firmensitz im ehemaligen „Treibhaus“ deutlich erleichtert. Zudem hat er übers Internet seine Partnerin im Iran geheiratet. Nachdem er sie vier Jahre lang nicht gesehen hat – so lange ist er in Deutschland – darf sie nun im Sommer zu Besuch kommen.
Sogar einen Brief an Kanzlerin Angela Merkel hatte der Tölzer Firmenchef Stefan Schuster geschrieben, damit sein aus Nigeria stammender Mitarbeiter Mike Ezeh (36) bleiben darf. Aus dem Kanzleramt hat der Unternehmer auch eine Antwort bekommen. „Aber nichts Konstruktives“, wie er sagt.
Freiwillige Ausreise, um dann Visum zu bekommen
Nach wie vor hat Ezeh keine Aussicht, in Deutschland Asyl zu bekommen. Deswegen sind er und sein Chef nun auf eine andere Strategie umgeschwenkt: Bevor er abgeschoben wird, soll der Nigerianer freiwillig ausreisen. Schuster möchte ihm einen unterschriebenen Arbeitsvertrag mit auf den Weg geben. Mit dem, so die Hoffnung, erhält Ezeh dann ein Arbeitsvisum für die erneute Einreise nach Deutschland. Ist das Kalkül nicht gewagt? „Wir haben keine andere Wahl, als es zu riskieren“, sagt Schuster.
Der Unternehmer erklärt, dass der Asylbewerber in seinem Betrieb unverzichtbar sei – auch wenn es ihm kürzlich nach „langer, langer Suche“ gelungen sei, einen weiteren deutschen Mitarbeiter einzustellen. „Aber Mike gehört einfach zu unserem Team“, sagt er. Schuster tritt dabei Unterstellungen entgegen, er wolle den Nigerianer nur als billige Arbeitskraft behalten. Er verdiene bei ihm 12 Euro brutto pro Stunde.
Der Chef der Gebäudereinigungsfirma kann nicht verstehen, dass jemand, der so fleißig sei, das Land verlassen muss. „Wir schicken die Falschen nach Hause“, findet er. Ins gleiche Horn stößt Christian Wiegerling. „Es gibt auch genügend, die sich nicht benehmen können oder ihre Papiere zerreißen.“ Ndukwe und Izadi hingegen hielten sich an alle Spielregeln. Auch Ezeh habe eine Chance verdient, findet Schuster. „Ich wünsche es ihm von Herzen.“
