Traum erfüllt bei der Bergwacht: Stabübergabe in Grainau

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Einsatz am Jubiläumsgrat: der langjährige Bereitschaftsleiter Willi Kraus mit zwei Kameraden unterwegs in Richtung Zugspitze.
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Berge sind ihre Leidenschaft. Privat, aber auch im Ehrenamt. Seit ihrer Jugend engagieren sich Willi Kraus und Anton Vogg junior bei der Bergwacht-Bereitschaft Grainau. Jetzt hat Kraus (57) die Leitung an seinen bisherigen Stellvertreter (35) übergeben.

Grainau – Einmal, daran erinnert sich Willi Kraus noch gut. Einmal hat er einen Mann, den er und seine Kameraden vom Berg geholt haben, richtig zusammengestaucht. „Der ganze Einsatz war sehr emotional“, sagt der 57-Jährige. Vom Höllentalferner aus rief der Mann bei der Grainauer Bergwacht an, um zwei Kinder-Klettergurte zu bestellen. Schon das ein Unding. Als Kraus, der die Bereitschaft zwölf Jahre lang geleitet hat, und sein Team vor Ort eintrafen, konnten sie ihren Augen kaum trauen. Mit zwei kleinen Kindern, gerade einmal vier und sechs Jahre alt, war der Anrufer unterwegs auf die Zugspitze. An kritischen Stellen des Klettersteigs, am Brett oder der Leiter etwa, nahm er die Kleinen auf den Arm – und stellte fest, dass ihm wichtige Ausrüstungsgegenstände fehlten. Dass die Kinder völlig verängstigt und in Tränen aufgelöst waren, ignorierte der Mann. Auch, dass sie in ihrer Panik in die Hose gemacht hatten. Selbst bei der Ankunft der Retter zeigte er sich nicht einsichtig. „Er hat's wie einen Spaziergang empfunden.“ Ein Wahnsinn und vor allem ein gefährlicher Leichtsinn, der die Bergwacht massiv forderte. Kraus jedenfalls konnte nicht mehr an sich halten, als alle sicher im Tal waren. „Das war einer der wenigen Einsätze, wo ich jemanden richtig zusammengeschissen habe.“

Söhne engagieren sich auch bei der Bergwacht

Eine Ausnahme. Denn eigentlich halten sie sich daran, dass sie Retter und keine Richter sind. „Wenn der Notruf eingeht, ist es nicht entscheidend, ob jemand selbstverschuldet oder nicht Hilfe braucht“, sagt Kraus‘ Nachfolger Anton Vogg junior. „Wir machen schließlich alle Fehler, und mir ist es lieber, jemand meldet sich zu früh als zu spät.“ Die letzten acht Jahre fungierte er schon als stellvertretender Bereitschaftsleiter, wuchs quasi in die neue Aufgabe rein. So hat's auch Kraus gehandhabt, allerdings nur eine Periode lang. Über einen Spezl, mit dem er öfter beim Klettern war, fand der Raumausstatter zur Bergwacht. Da war er 16 Jahre alt. „Ich hab‘ gleich gemerkt, dass das was für mich ist.“ Als selbstständiger Handwerksmeister kann er sich seine Einsätze gut einteilen. „Klar bleibt im Betrieb auch mal etwas liegen“, sagt der dreifache Familienvater. Seine beiden Söhne sind genau wie er bei der Bergwacht aktiv. „Das macht mich natürlich stolz.“ Auch, dass sie wie er viel und vor allem gerne in den Bergen unterwegs sind.

Sicher am Berg unterwegs: Anton Vogg junior.

Über seinen Vater kam Vogg, genau wie sein Bruder, ebenfalls zu den Rettern. „Wenn sein Piepser ging, sind wir immer mit dem Rad zum Landeplatz und haben uns alles angeschaut“, erzählt der 35-jährige Vater von drei Kindern (3, 7 und 9). Seiner Frau war von Anfang an bewusst, worauf sie sich einlässt. „Sie hat mich schon so kennengelernt“, sagt Vogg und lacht. „Mich gibt's nur mit Bergwacht und Fliegerei.“ Letzteres hat der studierte Elektrotechniker, der lange bei Siemens als Automatisierungsingenieur gearbeitet hat, mittlerweile zu seinem Beruf gemacht. „Ich habe mir einen Traum erfüllt“, sagt Vogg und strahlt. Seit vergangenem Jahr arbeitet er als Pilot bei der DRF (Deutsche Rettungsflugwacht)-Luftrettung in Nürnberg. Der Schichtdienst – fünf, sechs Tage in Franken, zehn Tage daheim – ermöglicht ihm sein Engagement bei der Bergwacht. „Viel, gerade administratives, kann ich am Laptop machen.“ Entscheidend war allerdings, dass mit Franz Dörfler sein Vize ständig vor Ort ist. Wichtig für Vogg ist, dass sich jeder vom Team einbringt, um die Bereitschaft weiterzuentwickeln. „Ich sehe mich nicht als Allleinherrscher.“ Genau wie seine Vorgänger.

Zweite Staffel von „In höchster Not“ in Arbeit

Die Herausforderung, der sich Kraus zum Abschied stellte, war der Dreh der Doku-Serie „In höchster Not“. Eine Sommersaison lang begleitete ein Kamerateam die Retter aus Grainau und der Ramsau. Das Ergebnis: ein eindrucksvoller Einblick in ihre Arbeit. Das kommt an bei den Zuschauern, weshalb heuer eine zweite Staffel gedreht wird. Und das in einem ganz besonderen Einsatzgebiet, zu dem dem das Höllental, ein Teil des Jubiläumsgrats und die Zugspitze gehören.

Gerade beim Aufstieg auf Deutschlands höchsten Berg kommt es immer wieder zu Notsituationen. Eine hat sich tief in Voggs Gedächtnis eingebrannt. 2007 suchten er und seine Kameraden einen Vermissten (34). Stundenlang. Bei extrem schlechtem Wetter machten sie sich erneut auf den Weg – und hatten Glück. In einer Gletscherspalte am Höllentalferner fanden sie den Vermissten. Nahezu unverletzt, aber völlig unterkühlt hatte dieser drei Tage lang in seinem eisigen Gefängnis ausgeharrt. „Der hatte mit seinem Leben schon fast abgeschlossen“, erinnert sich Vogg. Das glückliche Ende dieses Einsatzes grenzte auch für die Bergretter an ein Wunder. „Genau dafür macht man's.“

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