Tegernseer Tal in der Zwickmühle

Wann kommt die Rettung aus der Staufalle?

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Stau ist in Tegernsee alltäglich.
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  • Gabi Werner
    Gabi Werner
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Das neue Jahr bringt für die Städte und Gemeinden im Tegernseer Tal einige Herausforderungen. Ein Überblick in Sektlaune, nicht immer bierernst. Und falls doch, steht die Prickelbrause ja schon gekühlt zum Runterspülen bereit.

Tegernseer Tal – Spielen wir das doch mal durch: Sie wollen vom Nordende des Sees ans Südende. Sie setzen sich ins Auto – was auch sonst, denn die BOB fährt zu selten und nur bis Tegernsee, der Bus ist teuer und der Fahrplan undurchschaubar, ein Taxi ist unbezahlbar und schwer zu bekommen. Die Fahrradspuren, wenn überhaupt vorhanden, sind meist von Fußgängern okkupiert. Die Sonne scheint, und nicht nur Sie wollen ins Tal, sondern zigtausend andere auch. Also stehen Sie schon bald im Stau. „So schlimm wie heuer war es noch nie“, hört man viele Einheimische schimpfen. Stau, dicke Luft, Stress, kann das die Zukunft sein? Es wird höchste Zeit, sich über Alternativen Gedanken zu machen. Ein bisschen Vergünstigung da, eine Taktverdichtung dort – damit kann es nicht getan sein.

Dass im Tal an allen Ecken und Enden gebaut wird, hilft jedenfalls nicht gegen die Verkehrslawine. Erst kommen die Bau- und Handwerkerfahrzeuge, dann die Autos der Menschen, die in den Häusern, Kliniken, Hotels und so weiter verweilen und leben werden.

Schön, dass Gmund sich wenigstens Gedanken um die Verschönerung seines Bus- und Bahnzentrums macht. Hoffentlich gibt der Gemeinderat auch wirklich Gas bei der Neuplanung des Bahnhofumfelds und der Wiesseer Straße. Erfreulich wäre auch, wenn die Gemeinde nicht nur auf dem Papier fahrradfreundlich wird, sondern die Umsetzung von Ideen tatsächlich in Fahrt kommen und nicht an der Unbeweglichkeit des Staatlichen Bauamts scheitern würde.

Und schon wälzt sich die Blechlawine nach Tegernsee, wo durch geplante Hotelerweiterungen (Westerhof), Klinikbauten (Perronstraße) und einem neuen Wohnviertel (Quartier Tegernsee) noch mehr Autos zu erwarten sind. Links die Berge, rechts der See: Durch die enge Hauptstraße mit den wenigstens wunderschön bepflanzten Verkehrsinseln müssen nun mal alle. Schließlich ist Fliegen nicht möglich. Noch: Vielleicht hilft ja mal das Drohnen-Taxi. Aktuell befasst sich Tegernsee zumindest damit, wo all die Gäste ihre Benzin-, Diesel- und bis dato noch spärlichen Elektrokarossen abstellen können. Wenigstens schiebt man sie schon bald unter die Erde im Kurpark, wo die Tiefgarage erweitert werden soll.

Hat man es bis Rottach-Egern geschafft, erwartet einen neben dem Blick auf viele Zweitwohnungsdomizile mit heruntergelassenen Rollläden der Blick auf hohe Kräne und tiefe Baugruben. Hier zu bauen oder zu wohnen, kann sich nur noch leisten, wer über ein dickes Bankkonto verfügt oder Ererbtes verkauft. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht abzusehen. Ganz abgesehen vom Verlust an Identität, den das Tegernseer Tal zunehmend erleidet.

Mit Bebauungsplänen kämpft Rottach weiter gegen den Trend, nette, kleine Villen durch Mega-Komplexe mit Eigentumswohnungen zu ersetzen. Rein größenmäßig passen auch die Laufställe dazu, die Landwirte den neuen Vorgaben folgend in das bisschen Landschaft zwischen See und Berge setzen wollen oder müssen. Stichwort: Stadler-Stall. Auch darüber wird 2019 sicher zu sprechen sein.

Unter die Bauherren mischt sich auch die Gemeinde selbst mit einer erfreulichen Baustelle. Sie investiert in eine neue Grundschule.

Apropos Identität: Kreuth will nicht länger nur Anhängsel sein der mondänen Tal-Kommunen und beschreitet seinen Weg als Bergsteigerdorf. Wer einmal vorbei ist an Luxus-Boutiquen und Wellness-Oasen, soll hier Ruhe und naturverträgliche Bergerlebnisse genießen können. Ein durchaus gewollter Kontrast zum sonstigen Trubel. Ob er gelingt, wird sich zeigen. Die Ziele jedenfalls gehen in Ordnung: weniger Individualverkehr auf der Straße, mehr Bewusstsein für die Schönheit unserer Natur, keine neuen Touri-Attraktionen im Großformat. Kreuth möchte authentisch bleiben – das Siegel Bergsteigerdorf kann dabei nur helfen.

Auch Bad Wiessee erfindet sich gerade neu. Lange Zeit hat sich der Kurort nur wenig bewegt und eine dicke Staubschicht angesetzt. Jetzt ist man am Westufer emsig dabei, den Staub der Jahrzehnte abzuschütteln und sich ein nagelneues Image zuzulegen: Das einer hochmodernen Gesundheits-Destination. Ein edles Badehaus aus der Feder von Stararchitekt Matteo Thun und wieder erstarkte Heilquellen sind das Mittel der Wahl. Gleich nebenan zieht ein Schweizer Investor ein Luxushotel nebst Medizinzentrum in die Höhe, während am Seeufer das alte Lederer und eine Kolonie an Fledermäusen Platz machen für die Strüngmannsche Nobel-Herberge. Kein Zweifel: Es bewegt sich was in Bad Wiessee. Und weiß man sich richtig zu vermarkten, werden Badehaus und neue Hotels wohl auch ein neues Gäste-Klientel in den einstigen Kurort locken. Grund zum Frohlocken? Auf der einen Seite ja. Auf der anderen Seite gilt es, auch die Einheimischen und ihre Familien in dieser Rechnung zu berücksichtigen. Badepark, Spielarena, eine familienfreundlich gestaltete Seepromenade – auch das muss Teil des neuen Bad Wiessees sein.

In Waakirchen, das sich dem Tal nicht zugehörig fühlt und dennoch irgendwie dazu gehört, kämpft man gerade um die, jawoll, „Dorf“-Mitte. Dabei wäre es zu kurz gesprungen, hier einfach die Gemeinde Waakirchen zu beleuchten. Denn da gibt es die Waakirchner und die Schaftlacher. Die sind nicht eins, aber eines eint sie: Die Leidenschaft, Unterschriftenlisten zu befüllen. Das haben sie 2018 reichlich unter Beweis gestellt. Ob Dorfmitte oder Gewerbegebiet: Was der Gemeinderat stolz auf den Weg gebracht hat, soll per Bürgervotum gekippt werden. Das verheißt ein spannendes Jahr 2019. Die meisten Signaturen gab’s übrigens für die ultimative Lösung des Verkehrsproblems: den Tunnel. Wer weiß, vielleicht macht das kleine Waakirchen es dem Tegernseer Tal noch vor, wie man die Blechlawine in den Griff bekommt: einfach versenken.

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